21.03.2008

Foto: shutterstock.de

Außenansicht

Verblödung oder Fortschritt? Der 140-Zeichen-Wahlkampf in den USA

Ein Wort weht durch den US-Wahlkampf: "Change". Es ist der Wandel, den alle Kandidaten wollen, den vor allem die zwei demokratischen Präsidentschaftsbewerber mit Verve zu ihrem Wahlprogramm gemacht haben.



Wie dieser Wandel aussehen soll, bleibt zuweilen unklar. Aber diese inhaltliche Unsicherheit wird durch umso größere Überzeugungskraft hinsichtlich der Machbarkeit ersetzt. "Yes, we can!", lautet der Slogan von Barack Obama, wenn es um den Weg und das Ziel geht: nach Washington ins Weiße Haus, als erster farbiger Präsident der USA. Und auch Hillary Clinton ist bereit, diesen Weg zu gehen. "Ready" lautet ihr zentraler Begriff, der politische Kompetenz und sofortige Einsatzbereitschaft als erste Frau im Oval Office signalisieren soll.

Dieser US-Wahlkampf ist widersprüchlich. Die Kandidaten sind allseits präsent in den Medien und es scheint, als habe die politische Debatte wieder den Weg zu den Bürgerinnen und Bürgern gefun­den, die über die nächsten vier Jahre der US-Politik entscheiden. Es gibt viel Wahlkampfkommunikation, ein bisschen Aufbruchstimmung, aber wenig Inhalt. Amerika, so scheint es, hat sich auf einen Wahlkampf der Schlagworte verständigt. Für die demokratische Wirtschaftspolitik changiert er zwischen "Hope" und "Fear". Die Begriffe Hoffnung und Angst gehen bei Clinton und Obama mit mehr Staatsinterventionismus und populistischen Parolen gegen vermeintliche Bedrohungen einher. Details folgen vielleicht später.



Ist der Ein-Wort-Wahlkampf einzig und allein eine inhaltliche Verkürzung und Zuspitzung im Rennen um das Weiße Haus? Diese neue Form der Kommunikation reagiert vielmehr auf einen Wandel der Kommunikationstechnologien, der in dieser Kampagne zum ersten Mal eine wichtige Rolle spielt. Nach einer aktuellen Studie der US-Denkfabrik "Pew Research Center" ist das Internet in diesem Wahlkampf zu einer der wesentlichen Infor­mationsquellen für die Amerikaner geworden. Ein Viertel der US-Bürger informiert sich regelmäßig über das Netz, das sind doppelt so viele wie bei der letzten Präsidentschaftswahl 2004.

Insbesondere die jüngere Zielgruppe der 18- bis 29-Jährigen nutzt das Internet als Informationsquelle über Kandidaten und Wahlkampfverlauf. Und dabei stehen Seiten wie Facebook und Myspace ganz oben auf der Liste der bevorzugten Quellen. Besonders fasziniert scheinen die jungen Wähler von einer Seite zu sein, die das soziale Netzwerken mit Mobilkommunikation verbindet. Auf Twitter.com kann jeder, der Lust dazu hat, Microblogging betreiben. Über das Handy lässt sich eine Nachricht von maximal 140 Zeichen übermitteln, die dann mit Foto und Ortsangabe unmittelbar auf Twitter erscheint. Die meisten Botschaften beantworten eine einfache Frage, die zur Losung von Twitter geworden ist: "Was machst Du gerade?"

Nachfrage bestimmt das Angebot: Wenn die Jüngeren die Kampagnen ihres Kandidaten im Netz oder über Mobilkommunikation verfolgen wollen, dann muss es dieses Angebot geben, andernfalls verlieren die Kandidaten eine wichtige potenzielle Wählergruppe. Deshalb gilt für diesen Wahlkampf: Die Funktion folgt der Form. Die Rhetorik stellt sich auf die begrenzten Ausdrucksmöglichkeiten der mobilen Netzwerkkommunikation ein. Das sieht dann so aus: "Bin zur Wahl in Texas. Sagt Euren Freunden in Ohio, Rhode Island, Texas & Vermont, dass sie heute wählen gehen sollen!" Das zwitscherte ­Barack Obama am 4. März um 11.30 Uhr ins Netz, um noch in letzter Sekunde seine Anhänger zu mobilisieren. Einen Tag später zwitscherte Hillary Clinton zurück: "Habt Ihr meine Wahlkampfrede in Ohio verpasst? Hier ist sie: http://tinyurl.com/3co6vb"

Der moderne Kandidat ist immer und überall erreich­bar und mit seinen Botschaften auf allen Plattformen präsent. Auf der Videoaustauschplattform Youtube finden sich 51.000 Videos von, mit und über Clinton, bei Obama sind es 54.000, darunter offizielle Videos der Kandidaten, Antiwettbewerberfilme und Amateurfilme, in denen sich Befürworter und Gegner auf oft kreative Weise mit den jeweiligen Politstars auseinandersetzen. Wer sich für den MS-Informationsservice der Kampagne von Obama anmelden will, muss auf seinem Mobiltelefon die Kurzwahlnummer 62262 wählen. Auf der US-Tastatur ergibt diese Nummernfolge das wichtigste Wort: Obama. Will man sich für den Clinton-SMS-Service registrieren, schickt man das Wort "Join" an die Nummer 70007. Der bereits ausgeschiedene Kandidat John Edwards war über eine SMS "Today" an die 30644 erreichbar.

Wer das echte "Kandidatenfeeling" immer mit sich tragen möchte, wird auf der offiziellen Kampagnen-Homepage Obamas besonders gut bedient. Dort lassen sich zwölf Klingeltöne für das Mobiltelefon herunterladen. Die meisten wiederholen ­einen Satz aus einer Rede Obamas, unterlegt mit poppiger Musik. Die Botschaften: "Amerika, es ist Zeit, unse­re Truppen nach Hause zu bringen!" "Wogegen ich wirklich bin, ist ein sinnloser Krieg." "Das ist Barack Obama. Es ist Zeit, Amerika zu ­ändern." Spätestens wenn der Kandidat zweimal klingelt, ist es Zeit für die richtige Wahlentscheidung.

Der 140-Zeichen-Wahlkampf hat die Inhalte der politischen Kommunikation verändert. Wenn die zentrale Botschaft in eine SMS passen muss, bleibt die Komplexität der Themen auf der Strecke. Dafür gewinnt der Wahlkampf an Schnelligkeit und Dyna­mik. Und er funktioniert für die Mobilisierung: Eine Studie der Universitäten Princeton und Michigan belegt, dass sich die Wahlbereitschaft per SMS-Erinnerung um fünf Prozent steigern lässt.

In der deutschen Politik merken wir von diesen Veränderungen bislang wenig. Im Internet sind ihr die US-Kandidaten Jahre voraus. Sollte Twitter als Kampagneninstrument den Siegeszug antreten, den ihm Netzpropheten voraussagen, wird sich der Wahlkampf auch in Deutschland verändern. Das Microblogging über Twitter ersetzt nicht die bekannten Formen politischer Kommunikation, aber es eröffnet einen neuen Kanal mit neuer Ausrichtung: Authentizität statt Analyse, Momentaufnahmen statt Einordnungen.

Und das beeinflusst auch die Inhalte. Die Ein-Wort-Kampagnen passen perfekt zu den technischen Anforderungen der mobilen Kommunikation über das Internet. Wen ob dieser Verkürzung politischer Inhalte ein Gefühl der Verzweiflung überfällt, der muss nur einige der Worte richtig zusammensetzen: "Join" "Hope" "­Today"! Mache ab heute mit bei der Hoffnung! Denn die stirbt ja bekanntlich zuletzt, zum frühesten Zeitpunkt am Tag nach der Wahl.


© 2008 capital.de

Schreiben Sie den ersten Kommentar zu diesem Artikel


Ihre Meinung

Ihr Name
Ihre Email-Adresse (wird nicht veröffentl.)
Betreff
Ihr Kommentar


 
 
Capital - Suche
 
Alle Zinsen auf einen Blick
Wo Sie günstig finanzieren können und welche Anbieter Sparern die höchsten Renditen bieten.
ProduktMittel-
wert
Spanne
Baugeld (10 Jahre fest)3,59%3,28-3,97%
Tagesgeld (5.000 Euro)1,08%0,20-2,25%
Festgeld (12 Monate)1,29%0,50-2,70%
Sparbriefe (4 Jahre)1,66%0,80-3,10%
Girokonto (Dispo)11,20%6,00-13,99%
Ratenkredite (36 Monate)7,54%4,95-12,97%
Quelle: FMH-Finanzberatung
Marktinformationen

DAXTecDAXDowNAS
Chart
DAX TopsDiff %
Metro
Lufthansa
Adidas
Flops
Heidelberg
Deutsche B
SAP
DAX 6.147,97+0,22%
TecDAX 764,89-0,87%
MDAX 8.366,58-0,46%
DOW 10.465,94-0,01%
NASDAQ 1.864,00+0,20%
EUR/US 1,3060-0,16%
GOLD 1.169,00+0,56%
 Quelle: vwd netsolutions GmbH
Suchen im Immobilienkompass
Suche

Wie wohnt es sich in...

PLZ (optional):

Adresse:


Aktuelles Heft und Abo-Shop
Kommt ein Kunde zur Bank...
Inhalt
Editorial
Abo-Shop
Vorabmeldungen
Kontakt