„Die Gefahr von Stromausfällen steigt deutlich“, warnt Stephan Kohler von der Deutschen Energieagentur (Dena). Der drastische Umbau der Energieversorgung, den die Politik massiv auf mehreren Ebenen zugleich vorantreibt, fordert seinen Tribut. So knacken neue Gesetze die alten Strommonopole, um den Wettbewerb zu fördern. Früher versorgten Kraftwerke nur ihre Umgebung. Jetzt führen Liberalisierung und Börsenhandel dazu, dass riesige Strommengen über Tausende von Kilometern kreuz und quer durch die Republik transportiert werden – und Leitungen, die dafür gar nicht konzipiert sind, zum Glühen bringen können. Zusätzlich belastet der rasante Ausbau der erneuerbaren Energien die Netze. Je nach Wetter speisen zum Beispiel Hunderte Windmüller viel oder wenig Strom ein und zwingen so ständig zu komplizierten Ausgleichsmanövern. „Dieser Zustand bereitet mir schlaflose Nächte“, klagt Johannes Kempmann. Der frühere Fraktions-Vize und energiepolitische Vordenker der Grünen im niedersächsischen Landtag kämpft heute als Technischer Direktor der Stadtwerke Magdeburg mit den bizarren Auswüchsen einer Entwicklung, die er selbst mit angeschoben hat.
Der überfällige Ausbau der Netze scheitert oft an Widerständen in der Bevölkerung und an langwierigen Genehmigungsverfahren. Die dauern nach Schätzung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) zwischen acht und zehn Jahren. Bürgerinitiativen und Umweltverbände nutzen alle juristischen Tricks zur Verzögerung. „Es gilt das Sankt-Florians-Prinzip“, ärgert sich BDEW-Präsident Werner Brinker, im Hauptberuf Vorstandschef des Oldenburger Regionalversorgers EWE. „Wir befürworten den Bau neuer Leitungen, aber bitte nicht in unserer Nähe.“
Wandelt sich die Stromversorgung nun vom Standortvorteil zum Unsicherheitsfaktor? Davor warnen zumindest ausländische Energieunternehmen, darunter Electrabel aus Belgien und Nuon aus den Niederlanden, die im deutschen Markt stärker Fuß fassen wollen. Ihre Botschaft bei Besuchen im Wirtschaftsministerium lautet: Zweifel an der künftigen Netzstabilität sind das größte Investitionshemmnis für neue Kraftwerke in Deutschland. Sie wiegen inzwischen sogar schwerer als die Angst vor Schikanen durch die Platzhirsche Eon, RWE, Vattenfall und EnBW. Die dominierenden Stromerzeuger teilen das 36.000 Kilometer umfassende Höchstspannungsnetz unter sich auf, sind jedoch durch die Netzanschlussverordnung verpflichtet, neue Produzenten beim Zugang zum Netz nicht zu diskriminieren.
Mit dieser seit 2007 geltenden Vorschrift setzt Minister Glos Anreize für die Stromerzeugung, um den Wettbewerb anzuheizen. Doch er fördert damit ungewollt auch die Instabilität im Netz. Denn Erzeuger wählen heute die Standorte für neue Kraftwerke allein nach dem Kriterium der günstigsten Produktionskosten. So kommt es, dass von den rund 50 konventionellen Kraftwerken, die aktuell in Planung sind, elf an der Nordsee und weitere vier an der Ostsee entstehen sollen.
© 2008 capital.de















