04.10.2006

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Debatte

Wohin mit dem Atommüll aus deutschen Kernkraftwerken?

von Joachim Müller-Soares

Für Streit in der Großen Koalition sorgt die Frage, wo der hoch radioaktive Müll aus den ursprünglich 19 deutschen Kernkraftwerken dauerhaft lagern soll. Die Debatte wird nach dem Sankt-Florians-Prinzip geführt.

Dessen moderne Version im atomaren Zeitalter lautet: Wir brauchen ein Endlager, aber bitte nicht vor meiner Haustür. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) forciert die Suche nach Alternativen zum Salzstock Gorleben, der in seinem Heimatland Niedersachsen liegt. Damit stößt er – wie erwartet – in der CDU und CSU auf Widerstand, insbesondere in Bayern und Baden-Württemberg. Dort sind die unionsgeführten Landesregierungen nervös geworden, seit die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe im August in einer Studie für die Bundesregierung mögliche Alternativen zu Gorleben identifiziert hat: Darunter finden sich andere Salzstöcke in Norddeutschland, aber auch Tonschichten auf der Schwäbischen Alb, die an der Landesgrenze der beiden Südstaaten verläuft.* Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) fordert daher, die Erkundungen im Salzstock rasch zum Abschluss zu bringen und ihn dann als Endlager zu bestimmen.

Ausgangslage. Im Koalitionsvertrag bleibt Gorleben unerwähnt, die beiden Volksparteien wollen aber die Endlagerfrage nicht vor sich herschieben. Wörtlich steht dort: „CDU, CSU und SPD bekennen sich zur nationalen Verantwortung für die sichere Endlagerung radioaktiver Abfälle. Wir beabsichtigen, in dieser Legislaturperiode zu einer Lösung zu kommen.“ Nach allen vorliegenden geologischen Studien ist der Salzstock Gorleben ein geeignetes Endlager für die Castorbehälter mit den abgebrannten Brennstäben. Das hat sogar Gabriels Amtsvorgänger Jürgen Trittin (Grüne) bestätigt – er unterschrieb am 14. Juni 2000 eine entsprechende Anlage zur Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Stromkonzernen zum Atomausstieg. Dieser Konsens sieht ein Moratorium für Gorleben vor, das mindestens drei, höchstens zehn Jahre dauert. Jetzt könnte also in Gorleben ohne Bruch der Vereinbarung weiter erkundet werden – zumal der Bund dort bereits 2,1 Milliarden Euro investiert hat.

Problem. Es ist es zwar denkbar, dass es irgendwo hierzulande einen Ort gibt, der noch besser als atomares Endlager geeignet ist. Um den zu finden, müsste man allerdings jahrzehntelang in der Republik immer neue Löcher buddeln und viele Milliarden Euro für geologische Erkundungen zahlen. Das wäre volkswirtschaftlicher Humbug, zumal der ökologische Zusatznutzen gegen null geht: Weltweite Studien zeigen übereinstimmend, dass Salz ein geeignetes Wirtsgestein ist, wahrscheinlich sogar sicherer als beispielsweise Ton oder Granit.** Dennoch spielt Gabriel auf Zeit– er will offenbar trotz anderslautendem Koalitionsvertrag die Entscheidung zugunsten von Gorleben nicht in seiner Amtszeit als Umweltminister treffen müssen. Im Klartext: Die Endlagerung im Salzstock von Gorleben ist zwar ökologisch und ökonomisch sinnvoll – sie ist aber politisch nicht durchsetzbar, zumindest ist sie hochgradig unpopulär. „Sie können beim Thema Kernkraft gegen die reflexartige Abwehrhaltung lautstarker Protestler nicht gewinnen“, beschreibt Eon-Chef Wulf Bernotat die Lage.

Lösung. Der Ausweg aus dieser bizarren Situation trägt einen Namen: Olkiluoto. In diesem Ort im bevölkerungsarmen Norden von Finnland lässt die Regierung in Helsinki gerade ihr nationales Endlager bauen. Dabei ist die Umkehrung des Sankt-Florians-Prinzips zu beobachten: Die Anwohner stehen voll hinter dem Projekt – sie hoffen auf Wachstum und Arbeitsplätze für ihre strukturschwache Region. Warum kann hier nicht auch der deutsche Atommüll sicher entsorgt werden, wenn dafür ein angemessener Preis gezahlt wird? Olkiluoto wäre auch als Standort für ein zentales Endlager aller EU-Staaten denkbar, für das die frühere EU-Energiekommissarin Loyola de Palacio bereits vor Jahren geworben hat – allerdings nur hinter vorgehaltener Hand. Eine EU-weite Umfrage der Brüsseler Kommission zeigt, dass Finnland zu den atomfreundlichsten Ländern der Gemeinschaft zählt: Danach sind 58 Prozent der Finnen „voll und ganz“ für den Einsatz der Kernenergie – in Deutschland liegt dieser Wert bei 38 Prozent und damit auf EU-Durchschnittsniveau.*** Auch ein Blick in die Niederlande ist instruktiv: Dort sucht die Regierung erst gar nicht nach einem Endlager im eigenen Land. Sie betreibt lediglich ein Zwischenlager am Standort des Kernkraftwerks Borssele, wo der Atommüll noch bis zu 100 Jahre lang gelagert werden soll. Bis dahin, so das stillschweigende Kalkül in Den Haag, hat sich die EU längst auf ein zentrales Endlager geeinigt.

Literaturhinweise:
*) „Endlagerung radioaktiver Abfälle in Deutschland“, BGR, Hannover/Berlin, August 2006.
**) „Wirtsgesteine im Vergleich“, U. Kleemann, atw, Dezember 2005.
***) Eurobarometer 227 „Radioaktive Abfälle“, Juni 2005.


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Quelle: FMH-Finanzberatung
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