Aus Hannover zu stammen ist ein bisschen wie Altpapier rausstellen: nicht besonders aufregend, aber irgendwer muss es ja tun. Als Christian Wulff im vergangenen Jahr das Amt des Bundespräsidenten übernahm, verkündete er, sein Haus in Hannover-Burgwedel trotz der neuen Tätigkeit in Berlin halten zu wollen. Was keine Selbstverständlichkeit ist, sehen Beschreibungen der niedersächsischen Landeshauptstadt doch üblicherweise so aus: "Das Schönste an Hannover ist der Zug nach Hamburg" (Harald Schmidt). "Die größte Reihenhaussiedlung der Welt" (Autor Edgar Rai). "Die Autobahnausfahrt zwischen Göttingen und Walsrode" (Lonely Planet).
Wenn man von der Frage nach der Art der Finanzierung einmal absieht, liegt der ehemalige Ministerpräsident mit dieser Zweitwohnsitzentscheidung gar nicht so verkehrt - zumindest aus Sicht von Immobilieninvestoren. Hannover ist das, was im Fachjargon gern als klassische B-Lage bezeichnet wird.
Das sind Städte, die zwar für Außenstehende etwas piefig daherkommen, es aber trotzdem irgendwie schaffen, dass ihre Einwohner alles haben, was man zum Leben so braucht: Krankenhäuser, Universitäten, Kaufhäuser und die Möglichkeit, einmal im Jahr in einem Festzelt "Ein Stern, der deinen Namen trägt" zu gröhlen (in Hannovers Fall das größte Schützenfest der Welt).
Profi-Immobilienanleger schwärmen gerade in Zeiten, da alle Welt ihr Kapital in Betongold steckt, von B-Lagen. Weil die nicht so bekannt sind wie etwa die A-Lagen München, Hamburg oder Düsseldorf, verirren sich weniger Investoren dorthin, der Wettbewerb um gute Objekte ist nicht so hart, die Renditen dafür oft höher.
Nun gehört Burgwedel im Norden von Hannover freilich nicht zum Kern der Stadt. Bettina Wulff lobte jedoch einst in einem Zeitungsinterview die gute Infrastruktur. Und in der Tat kennen Hannoveraner die Gemeinde schon deswegen, weil sich dort die Ausfahrt zu Ikea befindet. Der Bundespräsident beschrieb seinen Wohnort als "familienfreundlich" und "schuldenfrei" - gerade Letztes wiegt für Politiker wie Anleger in diesen Tagen besonders schwer.
Der hannoversche Immobilienmarkt macht nicht das erste Mal in der Politik von sich Reden: Altkanzler Gerhard Schröder zog während seiner Amtszeit in Hannovers teuerstes Wohnviertel, wo Einfamilienhäuser nach Zahlen des Capital-Immobilienkompass mittlerweile in der Spitze mehr als 2 Mio. Euro kosten können.
Dort war man um die Nachbarschaft zur Prominenz nicht immer glücklich, wenn etwa bei Staatsbesuchen Gullideckel versiegelt und Straßensperren aus Blumenkübeln errichtet wurden - auch wenn das deutsche Liedgut dieser Zeit den Beitrag "Edeka Aktiv Markt Kasper, gleich da, wo der Kanzler wohnt" zu verdanken hat.
Ein Tipp für alle, die nun in Hannover einen Besichtigungstermin vereinbaren möchten: Nicht erschrecken, wenn Ihnen als Treffpunkt "unterm Schwanz" vorgeschlagen wird. Gemeint ist der Schweif des Gauls am Ernst-August-Denkmal vorm Hauptbahnhof. Also beste Innenstadtlage.






