Im fensterlosen Besprechungsraum von Christian Pilhofer landen die Gescheiterten. Sein Vater kam einst aus Nürnberg in die Vereinigten Staaten, um den amerikanischen Traum zu leben. Pilhofer berät nun diejenigen, die ihn aufgeben müssen. Der Jurist aus Philadelphia hat sich auf Privatinsolvenzen spezialisiert. "Früher kamen praktisch nur Farbige her", sagt er und meint Nachkommen von Einwanderern aus Afrika oder Lateinamerika, die schon immer wenig hatten. "Inzwischen sind es immer mehr Familien aus besseren Verhältnissen."
Die Immobilienkrise frisst sich in die Mitte der Gesellschaft. Lange Zeit wurden die Probleme auf die berüchtigten Subprime-Kredite geschoben. Schuld hatten je nach Sichtweise gierige Banken, die in kurzfristigem Profitstreben Ramschhypotheken vergaben, ohne die Bonität zu prüfen. Oder die allzu Sorglosen, die ihren Traum vom Eigenheim erfüllten, ohne die finanziellen Folgen zu bedenken. Jetzt geraten mehr und mehr Hausbesitzer mit bislang makelloser Kreditbilanz in Not. "Oft reicht ein privater Schicksalsschlag, ein Jobverlust oder der Tod eines Angehörigen", sagt Pilhofer. "Ein beängstigender Wandel."
2009 wurden in den USA 3,2 Millionen Zwangsversteigerungen eingeleitet, so viele wie nie zuvor. In diesem Jahr werden noch mehr Menschen ihre Häuser verlassen müssen. Ende 2009 waren knapp sieben Prozent aller Immobilieneigentümer mit ihren Zahlungspflichten mehr als 60 Tage im Rückstand - der höchste Stand aller Zeiten und der sicherste Indikator, dass die Zahl der Immobilien, die unter den Hammer kommen, weiter steigen wird.
"Ich will gar nicht wissen, wo die ganzen Leute hinziehen, die ihre Häuser verlassen müssen", sagt Pilhofer. "In Washington wird so viel von der Mittelschicht geredet. Ich würde mir wünschen, dass ein paar Kongresspolitiker mal hier vorbeikommen würden. Die Mittelschicht schrumpft."
In Philadelphias Vorort Somerton ist die Welt auf den ersten Blick noch in Ordnung. Ein Sonntagmorgen, Familien auf dem Weg in den Gottesdienst, die Väter im Anzug, die Mütter in langen Röcken. Doch die Idylle wird von den grellen "For Sale"-Schildern in den Vorgärten gestört.
Oft schon seit Monaten stehen die Häuser leer. Die verwinkelte Villa in der Moyer Street etwa, ein Schmuckstück: Wintergarten, Veranda, Turmzimmer, Platz für drei Autos vor dem Haus. Achtlose Zeitungsjungen werfen immer noch Werbeprospekte in die Einfahrt. Die einstigen Bewohner sind lange weg. Im Oktober mussten Techniker vorbeikommen, um das Haus winterfest zu machen. Für den heutigen Tag ist im Internet ein Besichtigungstermin angekündigt, aber der Makler ist nicht erschienen. Es seien einfach zu viele Häuser zu betreuen, lautet die Entschuldigung am Telefon.
Vom Balkon des zweistöckigen Backsteinhäuschens in der Lambert Street, wenige Meilen südlich des Zentrums von Philadelphia, ist die Skyline zu sehen. Im Erdgeschoss hängt noch ein Kronleuchter, sonst haben die einstigen Bewohner alles mitgenommen. Hier ist der Makler erschienen. Bruce Stranix nimmt seinen Job ernst: "Eine sehr gute Wohngegend, viele Berufstätige, das Haus ist ein Schnäppchen." Später räumt er ein, dass den ganzen Tag nur gelangweilte Nachbarn vorbeigeschaut haben - und Investoren, die günstig kaufen und weiterverscherbeln wollen.

capital.de, 12:09 Uhr
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