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Zufriedenheit kann man lernen

, Christina Berndt

Zufriedenheit ist das Ergebnis von Denkprozessen. Wer sie erlernt, erfährt viel über sich selbst. Von Christina Berndt

Eine Frau sitzt am Schreibtisch und verschränkt die Arme hinter dem Kopf © Getty Images
Wer zufrieden ist, kann sich zurücklehnen - und genießen

Um mal gleich eins klar zu stellen: Es geht nicht darum, ununterbrochen zufrieden zu sein. Ins dicke Samtsofa einzusinken und grunzend festzustellen, dass alles gut ist, wie es ist. Zweifellos kann man mit vielem auf diesem Planeten einfach nur unzufrieden sein, und man kann sich auch mit Fug und Recht regelmäßig über sich selbst ärgern. Aber: Unserer psychischen Gesundheit täte es wirklich gut, wenn wir häufiger mit uns und unserer kleinen Welt zufrieden wären, wenn wir uns nicht ständig mit nagender Selbstkritik überzögen und auch mal Fünfe gerade sein ließen. Und dazu gehört es auch, unsere schlechte Laune, unsere Misserfolge, unsere Traurigkeit und unsere Fehlentscheidungen in unser Leben zu integrieren.

Heute meint ja jeder, der mal mies drauf ist, er stünde schon am Rand einer Depression. Dabei bieten die Aufs und Abs der Gefühle doch erst die Gelegenheit, das Leben in all seinen Facetten zu erfahren. Neulich sagte eine Freundin, der ein wichtiges Projekt misslungen war, sie bräuchte therapeutische Hilfe, weil sie so enttäuscht sei. Nein! Sie brauchte ihren Frust und ihre Enttäuschung. Enttäuscht sein passt doch wunderbar, wenn man gerade enttäuscht ist. Nur ist es wichtig, nach einer Weile der Enttäuschung auch wieder die Kurve zu kriegen.

Zufrieden zu sein bedeutet eben nicht, dass man alles hinnehmen oder sogar resignieren soll. Man kann zufrieden sein und trotzdem neue Pläne schmieden. Das sollte man sogar. Aber dabei sollte man sich überlegen, an welchen Fronten man kämpfen kann – und wirklich will. Das Gute an der Zufriedenheit ist nämlich: Im Gegensatz zum Glück hat man sie immer selbst in der Hand. Wenn man nicht gerade regelmäßiger Kokain-Konsument ist oder sich einen Bleistift zwischen die Mundwinkel legt, um dem Gehirn vorzugaukeln, dass man lächelt, dann kommen Glücksgefühle vor allem von außen: Wir sind glücklich, wenn wir etwas erreichen, für das wir uns angestrengt haben, wenn uns überraschenderweise etwas gelingt oder wenn uns unerwartet etwas Gutes passiert. Dann schüttet das Gehirn jede Menge Glückshormone aus.

Was sind eigentlich meine Ansprüche?

Zufriedenheit hingegen ist eine echte Leistung. Sie ist das Ergebnis von Denkprozessen. Wir ziehen Bilanz. Und je kleiner die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist, desto zufriedener sind wir. Das aber heißt: Man kann Zufriedenheit lernen! Und dabei kann man auch gleich viel über sich selbst erfahren: Was sind eigentlich meine Ansprüche? Wo kommen sie her? Und ist das, was ich von mir und meinem Leben denke, überhaupt wahr?

Wenn die Bilanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit in unserem Leben besser ausfallen soll, gibt es genau zwei Möglichkeiten: Entweder dreht man am Wunsch oder an der Wirklichkeit. Der erste Weg ist der defensive Weg zur Zufriedenheit, bei dem man seine Ansprüche mäßigt, der zweite Weg der offensive, bei dem man versucht, die Welt seinen Vorstellungen anzupassen. In unserer Leistungsgesellschaft ist der offensive Weg meist der favorisierte. Und vor allem für junge Menschen ist er auch oft der richtige. Aber der defensive Weg kann sehr viel klüger sein.

„Wie???“, fragte neulich ein Bekannter, „freiwillig kleinere Brötchen backen??!!“ Etwas von vornherein aufgeben? Na klar! Manchmal! Wenn das Ziel kein eigenes ist, sondern das der Eltern oder Partner. Wenn man übertriebene Forderungen an das Schicksal hat. Oder wenn man weiß, dass man sich ohnehin nur eine blutige Nase holt. Jemanden, der nicht aufgibt, mögen wir bewundern. Aber nur, solange er nicht gerade zum fünften Mal mit dem Kopf gegen die Wand rennt.

Auf Stärken besinnen und nicht auf Schwächen

Zufrieden ist also, wer weiß, wann es sich zu kämpfen lohnt. Man kann sich täglich darüber ärgern, dass man in diesem Monat wieder nur dreimal im Fitnessstudio war, obwohl man doch ein Abo hat. Aber nützt das was? Nein. Was etwas nützt: Ehrlich mit sich sein. Man wollte ganz offensichtlich nicht ins Fitnessstudio und hat stattdessen – hoffentlich – schöne Abende verbracht. Wenn man immer nicht in die Puschen kommt: Womöglich liegt das einfach daran, dass einem die Puschen gar nicht gefallen. Dann sollte man sie abschaffen.

Zugegeben: Vorstellungen von sich und dem eigenen Leben loszulassen ist extrem schwierig. Schließlich werden dabei im Gehirn die gleichen Areale aktiviert wie wenn uns jemand körperlich weh tut. Die „Substanz P“ wird ausgeschüttet, „P“ wie „Pain“. Aber selbst so schmerzhafte Dinge wie Loslassen kann man lernen. Eigentlich müsste es längst so ein Fach in der Schule geben.

Im Lehrplan könnte dann stehen: Lernt, euch auf eure Stärken zu besinnen, und nicht auf eure Schwächen. Baut aus, was ihr könnt, anstatt zu viel Energie in das zu investieren, was euch weder Freude noch Erfolg bescheren wird. Und trainiert jene Charakterstärken, die zufrieden machen: Hört nicht auf zu hoffen – übt Zuversicht, indem ihr eure Aufmerksamkeit auf schöne Erlebnisse lenkt. Seid neugierig auf das Leben, probiert euch aus, lasst euch auf neue Hobbys und Freizeiterlebnisse ein! Wer Neues erlebt, sammelt Erfahrungen, Kompetenz und Selbstbewusstsein, das macht nicht nur zufrieden, sondern auch stark und schlau. Seid hilfsbereit, sogar dann, wenn es euch gerade nicht so gut geht. Das gibt dem Leben einen Sinn. Und lernt, dankbar für das zu sein, was euch Positives widerfährt.

Sogar das schmerzhafte Loslassen kann man üben – auch wenn es paradox klingt, ausgerechnet das angestrengt verfolgen zu wollen. Als könnte man jemanden mit einem „Mach dich mal locker“ zur Entspannung bringen. Hilfreich ist die Strategie der kleinen Schritte, jeden Tag ein bisschen Anti-Perfektions-Training: Mal nicht alle Mails beantworten. Mal nicht perfekt vorbereitet zum Vortrag gehen. So übt man. Und siehe da. Es klappt immer besser. Und sollte Ihnen der Text hier nicht ganz so gut gefallen haben, haben Sie gleich eine Gelegenheit zum Üben. Irgendwas Gutes haben Sie bestimmt darin gefunden, mit dem Sie einfach mal zufrieden sein können.


Christina Berndt ist Wissenschaftsredakteurin der „Süddeutschen Zeitung“. Im vergangenen Jahr erschien ihr Buch „Zufriedenheit – Wie man sie lernt und warum sie lohnender ist als das flüchtige Glück“, dtv premium (Foto: Allessandra Schellnegger)

Christina Berndt ist Wissenschaftsredakteurin der „Süddeutschen Zeitung“. Im vergangenen Jahr erschien ihr Buch „Zufriedenheit – Wie man sie lernt und warum sie lohnender ist als das flüchtige Glück“, dtv premium (Foto: Allessandra Schellnegger)



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