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Wirtschaftsweise im Klassenzimmer

, Till van Treeck

Die Kritik an der Einseitigkeit der Ökonomen ist gerechtfertigt. Aber das Problem reicht bis in die Universitäten und Schulen. Von Till van Treeck

Sachverständigenrat © Sachverständigenrat
Pressekonferenz der fünf Wirtschaftsweisen

Till van Treeck ist Professor für Sozialökonomie an der Universität Duisburg-Essen. Zurzeit forscht er gemeinsam mit Kollegen in einem vom Institute for New Economic Thinking (INET) geförderten Projekt zum Zusammenhang zwischen steigender Einkommensungleichheit und makroökonomischer InstabilitätTill van Treeck ist Professor für Sozialökonomie an der Universität Duisburg-Essen. Zuvor war er Referatsleiter für Allgemeine Wirtschaftspolitik am gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der Hans-Böckler-Stiftung. Im Rahmen der CIVES! School of Civic Education an der Universität Duisburg-Essen beschäftigt er sich mit der Kontroversität von Unterrichtsmaterialien


„Wirtschaftsweise im Kreuzfeuer“: So lautete unlängst eine Schlagzeile auf der Titelseite des Handelsblatt. Aus Politik und Wissenschaft werden schwere Vorwürfe gegen das aktuelle Jahresgutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erhoben, die Rede ist von „Wirtschaftstheologie“ (Sigmar Gabriel), „unwissenschaftlichem“ Vorgehen (Yasmin Fahimi), und „einseitigen und irreführenden Darstellungen“ (Achim Truger).

Leider ist die Kritik teilweise gerechtfertigt: Laut Gesetz ist der Sachverständigenrat zu wirtschaftspolitischer Neutralität verpflichtet. Es sollen angebots- und nachfrageseitige Argumente beleuchtet werden, und neben der Darstellung von konjunkturellen Entwicklungen und makroökonomischen Fragestellungen soll die Einkommens- und Vermögensverteilung einen Schwerpunkt der Analysen der Wirtschaftsweisen bilden. Dabei sind konkrete wirtschafts- und sozialpolitische Empfehlungen ausdrücklich nicht erwünscht. Vielmehr soll der Rat Fakten aufbereiten und damit eine möglichst ausgewogene Grundlage für die Willensbildung der Politik liefern.

Diesen Grundsätzen handelt der Sachverständigenrat jedoch zum Teil zuwider. Das Jahresgutachten des letzten Jahres dramatisiert beispielsweise die Wirkung der „kalten Progression“ (Erhöhung der Einkommensteuerbelastung durch Inflation), indem mit 2006 ein Vergleichsjahr mit außergewöhnlich geringer Steuerbelastung gewählt wurde. Der wirtschaftspolitische Hintergrund ist klar: Hierdurch werden Steuererhöhungen delegitimiert, und Steuersenkungen plausibilisiert.

Falsche Kritik an Piketty

Zum Thema ökonomische Ungleichheit behauptet der Rat in diesem Jahr, deren Entwicklung sei unauffällig, und es bestehe lediglich ein Wahrnehmungsproblem in der Gesellschaft, welche die tatsächliche Ungleichheit überschätze. Dabei wird kritiklos ein alles andere als unumstrittenes Gutachten des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) übernommen.

Gänzlich unbegreiflich sind die Anmerkungen des Sachverständigenrats zur aktuellen Debatte um den internationalen Bestseller des französischen Ökonomen Thomas Piketty („Das Kapital im 21. Jahrhundert“). Während international die steigende Ungleichheit von Einkommen und Vermögen als neues Mega-Thema diskutiert wird, fertigen die deutschen Wirtschaftsweisen diese Debatten mit wenigen Sätzen ab, Pikettys Überlegungen seien „aus ökonomischer Sicht nicht haltbar“. Irreführenderweise behauptet der Rat, im Vordergrund von Pikettys Buch stehe die funktionale Einkommensverteilung zwischen Arbeit und Kapital, wirtschaftspolitisch relevanter sei aber die personelle Verteilung (die Verteilung zwischen den privaten Haushalten). Solche Aussagen sind schlicht peinlich, denn seit gut 15 Jahren steht die personelle Verteilung im Zentrum von Pikettys Forschung, welche in den renommiertesten internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht wurde. In seinem Buch widmet er der personellen Verteilung erneut hunderte von Seiten.

Wie unerschütterlich muss man sein, um in Zeiten anhaltender Finanz- und Schuldenkrisen, die offensichtlich mit den Auswüchsen unregulierter Finanzmärkte zu tun haben, der Öffentlichkeit ein Gutachten mit dem Titel „Mehr Vertrauen in Marktprozesse“ anzubieten? Und wie weit entfernt von den Sorgen der Bevölkerung muss man sein, um nach Jahren der Realeinkommensverluste bis weit in die Mittelschicht das Problem steigender Ungleichheit als Wahrnehmungsproblem weg zu definieren?

Zur Einseitigkeit der Wirtschaftswissenschaften in Deutschland

Nun ließe sich einwenden, der Sachverständigenrat habe ohnehin kaum mehr Einfluss auf die Wirtschaftspolitik, und wer gesehen hat, wie die Bundeskanzlerin die Wirtschaftsweisen bei der Übergabe ihres Gutachtens düpiert hat, wird umso mehr diesen Eindruck gewinnen können. Doch der Zustand des Sachverständigenrates ist Teil eines größeren Problems: die zunehmende Entfremdung zwischen akademischer Wirtschaftswissenschaft einerseits und Politik und Zivilgesellschaft andererseits.

Spätestens seit dem berüchtigten Hamburger Appell von 2005 sollte der Öffentlichkeit eigentlich bekannt sein, wie verächtlich große Teile des Mainstreams der deutschen Volkswirtschaftslehre nicht nur über die internationale Fachdebatte sondern auch über Politik und Gesellschaft in Deutschland denken. Dieses marktliberale Pamphlet, geprägt von einer geradezu martialischen Rhetorik, wurde seinerzeit initiiert u.a. von Bernd Lucke, heute Vorsitzender der „Ökonomen-Partei“ Alternative für Deutschland, und unterzeichnet von über 240, darunter vielen renommierten, Wirtschafts-Professoren in Deutschland. Natürlich denken nicht alle Ökonomen in Deutschland wie die Unterzeichner des Hamburger Appells. Und auch im Sachverständigenrat gibt es Minderheitenvoten. Dennoch: Der Mangel an Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften in Deutschland ist unübersehbar.

[Seitenwechsel]

Ein eigenes Schulfach Wirtschaft?

Noch wichtiger: Die Einseitigkeit der akademischen Wirtschaftswissenschaft strahlt mittlerweile auch in andere Teile der Gesellschaft aus. Dies ist insbesondere erkennbar am Zustand der ökonomischen Bildung in Deutschland.

Zu Beginn dieses Jahres forderte Horst von Buttlar, Chefredakteur von Capital, die Einführung eines eigenen Schulfachs Wirtschaft an Schulen. Das Thema Wirtschaft sei zu wichtig, um es im Rahmen des etablierten Schulfachs Sozialwissenschaften den „Sozialkunde-Schluffis“ zu überlassen. Natürlich wäre es nützlich, wie Herr von Buttlar ergänzt, bereits in der Schule mehr über „Staatsschulden, Finanzkrisen und Leistungsbilanzen“ zu lernen. Aber was würde denn in einem eigenen Schulfach Wirtschaft gelehrt werden?

Angesichts der Einseitigkeit der ökonomischen Wissenschaft an deutschen Universitäten dürften sich nach und nach neoklassisch inspirierte, marktliberale Glaubenssätze an den Schulen durchsetzen. Zu befürchten wäre, dass die didaktische Reduktion des wirtschaftswissenschaftlichen Mainstreams in Deutschland in etwa so aussähe: Staatsschulden sind immer schlecht, die Finanzkrise kam aus den USA über uns hinein, Ungleichheit ist kein ökonomisches Problem, Steuern und Staatsausgaben sind zu hoch, und der deutsche Exportüberschuss ist ein Erfolgsmodell (und nicht Ausdruck von makroökonomischen Ungleichgewichten, wie in der internationalen Debatte diskutiert wird).

Zwar kann man mit wissenschaftlichen Argumenten durchaus zu diesen Meinungen kommen. Aber gerade in der Schule geht es nicht darum, einseitige Meinungen zu verbreiten, sondern um die Darstellung kontroverser Debatten. Dieses Prinzip ist im so genannten Beutelsbacher Konsens verankert, der die wichtigsten Grundsätze der politischen Bildung zusammenfasst. Es wäre aber derzeit in einem Fach Wirtschaft gefährdet.

Mangelnde Kontroversität in der ökonomischen Bildung

Dass dies kein Zerrbild ist, darauf weisen bestehende Unterrichtsmaterialien im Bereich Wirtschaft zu genüge hin. Weil Wirtschaftsthemen auch ohne eigenes Fach in der Schule unterrichtet werden, die verwendeten Schulbücher aber in der Regel einige Jahre alt sind, sind Lehrer bei aktuelleren Themen auf Materialien aus dem Internet angewiesen. Der Online-Markt für Unterrichtsmaterialien boomt, die entsprechenden Portale im Internet haben beeindruckende Zugriffszahlen. Häufig werden Materialien von privaten Unternehmen finanziert (beispielsweise von Versicherungsunternehmen zum Thema private Altersvorsorge), und in letzter Zeit haben auch die Gewerkschaften mit eigenen Materialien nachgezogen. Längst herrscht ein Kampf um die Köpfe der Kinder, bei dem das finanzielle Übergewicht klar auf Seiten arbeitgebernaher Institutionen liegt.

Doch auch bei Materialien, die nicht unmittelbar des Lobbyismus verdächtig sind, stellt sich zunehmend die Frage, inwieweit das Kontroversitätsgebot eingehalten wird. Eine 2010 veröffentlichte Unterrichtsreihe des Projekts „Handelsblatt macht Schule“ mit dem Titel „Unsere Wirtschaftsordnung“ ist hierfür ein gutes Beispiel. Verfasst wurde die Unterrichtsreihe von Wissenschaftlern des Instituts für Ökonomische Bildung an der Universität Oldenburg, das in fachdidaktischen und bildungspolitischen Kreisen sehr einflussreich ist, ähnlich vielleicht wie der Sachverständigenrat in der Fachwissenschaft. Die Unterrichtsreihe stellt höchst kontroverse Themenkomplexe wie die Wirkung von Staatsschulden, den Reformbedarf im Rentensystem im Hinblick auf den demografischen Wandel oder die Entwicklung der Staatsausgaben auf  einseitige und in Teilen irreführende Weise dar.

Es wird ein dramatisierendes Bild gezeichnet von der Entwicklung der Staatsausgaben und insbesondere der staatlichen Sozialausgaben und Subventionen in Deutschland. Dabei werden Vergleichsjahre willkürlich gewählt, Ergebnisse aus Gutachten für arbeitgebernahe Institutionen unkommentiert übernommen, und prominente Gegenpositionen bleiben unberücksichtigt. Der in einigen Materialbausteinen widergegebenen Forderung nach mehr privater Altersvorsorge und einem Abbau des Sozialstaats werden keine alternativen wirtschaftswissenschaftlichen Standpunkte gegenübergestellt, sondern lediglich vereinzelte ethische Bedenken. Parallelen zu Gutachten des Sachverständigenrats drängen sich auf.

Dabei ließe sich systematisch zeigen, dass die Unterrichtsreihe „Unsere Wirtschaftsordnung“ von „Handelsblatt macht Schule“ bei weitem kein Einzelfall ist. Natürlich gibt es auch Unterrichtsreihen, in denen ein alternatives Bild von den wirtschaftlichen und sozialen Zuständen in Deutschland gezeichnet wird. Aber gerade im Dschungel des Internets droht das Kontroversitätsgebot zur Farce zu werden.

Von anderen Sozialwissenschaften lernen

Es ist offensichtlich, dass zwischen dem Zustand der Wirtschaftswissenschaften, wie er sich in den Gutachten des Sachverständigenrates offenbart, und dem Zustand der ökonomischen Bildung in Deutschland ein enger Zusammenhang besteht. So wäre es verfehlt, den Autoren von Unterrichtsmaterialien wie dem oben kritisierten unlautere Absichten zu unterstellen. Die Materialien spiegeln in Teilen schlicht den Mangel an Kontroversität in der wirtschaftswissenschaftlichen Fachdebatte wider.

In Deutschland gelten der Abbau der Staatsschulden und ein ausgeglichen Staatshaushalt tatsächlich bei vielen Ökonomen als alternativlos, selbst in Zeiten von hohen Leistungsbilanzüberschüssen, Nullzinsen und negativen öffentlichen Nettoinvestitionen. Und Verteilungsfragen werden schnell als „Neiddebatten“ abgetan, wie jüngst vom Sachverständigenrat in seinem Jahresgutachten. Daher deuten der Mangel an Kontroversität und die handwerklichen Mängel in vielen Unterrichtsmaterialien vielleicht nur darauf hin, dass angesichts der bisherigen marktliberalen Deutungshoheit eine gründliche Qualitätskontrolle offenbar nicht für nötig gehalten wurde.

Spätestens wenn Stimmen laut werden, die die flächendeckende Einführung eines eigenen Schulfachs Wirtschaft fordern, ist aber der Moment gekommen, wo Politik und Zivilgesellschaft die Einseitigkeit der deutschen Wirtschaftswissenschaften nicht mehr tolerieren können. Bereits heute protestieren Studierende der Volkswirtschaftslehre zunehmend lautstark gegen diese Fehlentwicklungen. Aber wenn diese auch noch auf allgemeinbildende Schulen überzugreifen drohen, stellt sich die Frage, ob die Gesellschaft es wollen kann, dass Millionen von Schülern mit dem einseitigen Weltbild konfrontiert werden, das die deutsche Volkswirtschaftslehre heute bedauernswerter Weise prägt.

Wer sich diese Krise des ökonomischen Denkens vor Augen führt, redet vielleicht weniger abfällig vom guten alten Sozialwissenschaftsunterricht. Die derzeit staatlich zugelassenen sozialwissenschaftlichen Schulbücher weisen in den Wirtschafts-Kapiteln teilweise deutlich mehr Kontroversität auf und regen mehr zu selbstständigem Denken an als die meisten universitären Ökonomie-Lehrbücher. Selbstverständlich wären eine Demokratisierung des ökonomischen Wissens und insbesondere die verstärkte Kultivierung von makroökonomischem Denken im Schulunterricht wünschenswert. Doch genauso notwendig ist es, frischen Wind ins ökonomische Denken selbst zu bringen. Dabei könnten die Wirtschaftswissenschaften in Sachen Pluralismus und Methodenvielfalt von den übrigen Sozialwissenschaften vieles lernen. Die Wirtschaft ist jedenfalls zu wichtig, um sie einer einseitig marktliberalen Ökonomik zu überlassen. 


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