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Wie sinnvoll ist Einwanderung?

, Martin Wolf

Die ökonomischen Vorteile der Migration sind fragwürdig. Wer die Interessen der eigenen Bürger in den Vordergrund stellt, hat daher durchaus Recht. Von Martin Wolf

Frau mit Kopftuch © Getty Images
Von Migration profitieren vor allem die Migranten selbst

Martin Wolf ist Kolumnist der Martin Wolf ist Kolumnist der "Financial Times". Er ist bei der britischen Finanzzeitung Chefkommentator für ökonomische Themen


Ich bin ein Flüchtlingskind. Meine Eltern flohen vor Adolf Hitler nach Großbritannien und retteten damit ihr Leben. Sie wurden zu den glühendsten Patrioten, die man sich vorstellen kann. Vor diesem Hintergrund wird es niemanden überraschen, dass ich Europa moralisch in der Pflicht sehe, Flüchtlinge aufzunehmen.

Aber wie ist – abgesehen von moralischen Fragen – Immigration zu bewerten?

Die Globalisierung betrifft nicht nur Waren, Dienstleistungen und Kapital, sondern natürlich auch Menschen. Länder mit einem hohen Einkommensniveau sind nicht nur reicher, sondern auch stabiler und weniger korrupt als andere. Es ist daher nur natürlich, dass der Westen eine hohe Anziehungskraft auf Migranten ausübt. Es gibt aber auch kaum ein Thema, dass umstrittener wäre. Einwanderung ist das Kernthema jeder Form von Rechtspopulismus. Man denke nur an Nigel Farage, Marine Le Pen oder Donald Trump.

Die globalen Unterschiede bei den Reallöhnen gelten manchen als die größte ökonomische Verzerrung überhaupt. Wer so argumentiert, setzt die Ströme von Menschen dem Handel mit Waren gleich – die Welt würde demnach profitieren, wenn so viele Hindernisse wie möglich abgebaut würden. Zwar würden, so heißt es, sehr viele Menschen in die reichen Länder auswandern, in denen bisher nur ein Siebtel der Weltbevölkerung lebt – mit allen Konsequenzen, die das mit sich brächte. Der allgemeine Wohlstand aber würde maximiert.

Wachstum allein hilft nicht

Dieses weltoffene Denken ist allerdings nicht vereinbar mit der Art, wie unsere Gesellschaften organisiert sind, also als sich selbst verwaltende territoriale Körperschaften. Und es ist erst recht nicht vereinbar mit dem Recht der Bürger zu entscheiden, wer gemeinsam mit ihnen in einem Land leben darf.

Solange Staaten also die Kontrolle über die Immigration haben, bleibt das wichtigste Kriterium die Frage, inwieweit die derzeitigen Bürger und ihre Nachkommen von ihr profitieren. Mögliche Vorteile für die Migranten müssen im Vergleich dazu eine deutlich geringere Rolle spielen.

Was also bringt die Immigration den Bürgern der reichen Staaten und den ihnen nachfolgenden Generationen? Werfen wir einen Blick auf die Zahlen, aber auch auf mögliche qualitative Unterschiede.

Ist es entscheidend, dass die Bevölkerung wächst? Natürlich nicht. Wenn in einem wohlhabenden kleinen Land wie Dänemark einfach nur die Bevölkerung zunähme, würde der Lebensstandard in keiner Weise gehoben. Stattdessen müsste in großem Maß investiert werden, um des Andrangs Herr zu werden. Lediglich die Landesverteidigung würde billiger, wenn viele Einwanderer kämen.

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Alterung lässt sich kaum aufhalten

Die Zahl allein kann also nicht entscheidend sein, viel wichtiger ist, was für Eigenschaften die Migranten mitbringen. Die Befürworter einer groß angelegten Einwanderungspolitik verweisen darauf, dass die Neuankömmlinge jünger, billiger und stärker motiviert seien und allein ihre andere Herkunft eine Bereicherung darstelle. Dem lässt sich entgegnen, dass auch Migranten irgendwann altern und kulturelle Unterschiede nicht nur Vorteile mit sich bringen.

Tatsächlich sind Migranten im Durchschnitt vergleichsweise jung. Im Grunde sorgt nur die Einwanderung dafür, dass die Gesellschaften Europas überhaupt noch wachsen. In den USA gehen nach Angaben der OECD 47 Prozent des Zuwachses beim Arbeitskräftepotenzial auf Einwanderer zurück, in Europa sind es 70 Prozent. Der Grund liegt auf der Hand: Die natürliche Wachstumsrate der Bevölkerung geht in den Industrieländern seit Jahrzehnten zurück.

Migration erhöht also den Anteil der arbeitenden Bevölkerung im Verhältnis zur Menge der Rentner und Pensionäre. Allerdings ist diese Wirkung auf den so genannten Abhängigenquotienten nur gering, solange es bei dem derzeitigen Niveau an Einwanderung bleibt. Um einen spürbaren Effekt zu erreichen, müsste dieser Strom noch gewaltig zunehmen. Im Jahr 2014 kamen in der Europäischen Union auf 100 Menschen im arbeitsfähigen Alter 29, die älter als 65 Jahre waren. Damit es bei einem Quotienten von unter einem Drittel bleibt, müssten nach Uno-Berechnungen bis 2050 154 Millionen Menschen in die EU einwandern. Da auch Migranten altern, müssten es danach sogar noch deutlich mehr sein.

Fiskalischer Effekt ist gleich Null

Wer also den Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung spürbar steigern will, muss Einwanderung im großen Stil akzeptieren. Man könnte argumentieren, dass ein Kontinent, auf dem so wenige Kinder geboren werden, sich damit abfinden muss, dass seine Bevölkerung sich auf diese Weise ändert.

Werfen wir noch einen Blick auf andere mögliche Auswirkungen von Migration. Die OECD untersuchte für ihre Mitgliedsländer die Einwanderungswellen der vergangenen 50 Jahre mit Blick auf die Staatshaushalte und kam zu dem Schluss, dass die Wirkung gleich Null war. Im einzelnen hängt der Effekt davon ab, wie gut ausgebildet die Migranten und wie flexibel die jeweiligen Arbeitsmärkte waren. Das gleiche Kriterium gilt übrigens auch für andere Auswirkungen von Einwanderung: Oft ist die Frage entscheidend, ob die Migranten vorhandene Arbeitskräfte ergänzen oder ersetzen – und wenn sie jemanden ersetzen, dann wen genau.

Gefahr der Abschottung

Zusammengefasst lässt sich zu den Folgen der Immigration folgendes sagen. Erstens: Damit sie spürbar das Verhältnis zwischen Arbeitskräften und Rentnern ändert, muss Einwanderung in großem Maßstab stattfinden. Zweitens: Immigration erfordert Investitionen in Häuserbau und Infrastruktur, vor allem in Ländern, die ohnehin schon dicht besiedelt sind. Und drittens: Größte Nutznießer der Einwanderung sind immer die Migranten selbst.

Aber natürlich geht es bei Einwanderung nicht nur um Wirtschaft. Migranten sind Menschen, die Familien mitbringen. Einwanderung im großen Stil würde die Kultur der Empfängerstaaten mit der Zeit durchaus verändern. Immigranten bringen Vielfalt und verändern die kulturelle Dynamik. Zugleich aber kann es zu Abschottung und Trennlinien kommen. Es ist durchaus denkbar, dass die Menschen einfach nebeneinander herleben, ohne Werte und Interessen zu teilen.

Einwanderung hat Auswirkungen auf die Wirtschaft. Aber sie beeinflusst auch das Wertesystem eines Landes und seinen Umgang mit Ausländern. Es ist völlig legitim, wenn die Menschen angesichts dessen über unterschiedliche Politikansätze streiten. Die Industriestaaten werden niemals völlig geschlossen oder völlig offen sein und es ist schwer, die richtige Balance zu finden. Wer auf der Suche danach den Interessen der eigenen Bürger stets Vorrang gibt, handelt absolut vernünftig.

Copyright: The Financial Times Limited 2015


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