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Wenn der Tornado über VW zieht

, Bernd Ziesemer

In den USA braut sich eine immer gefährlichere Wetterlage für den deutschen Autokonzern zusammen. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Die Amerikaner benutzen häufig die schöne Metapher vom „perfekten Sturm“, wenn sich außergewöhnliche Umstände in einer äußerst seltenen Kombination zusammenballen und damit gegenseitig verstärken. So ein Tornado braut sich in den USA gerade über dem VW-Konzern zusammen. Ob die Vorstandsmitglieder und Aufsichtsräte in Wolfsburg bereits das volle Ausmaß dieser Gefahr erkennen? Daran muss man ernsthaft zweifeln.

Bundesrichter Charles Breyer hat den Volkswagen-Managern ein Ultimatum bis zum 24. März gesetzt. Bis dahin sollen sie endlich technische Lösungen für die 600.000 Dieselautos vorlegen, die gegenwärtig ohne gültige Zulassung auf amerikanischen Straßen herumfahren. Breyer verhandelt in San Francisco rund 500 Klagen von betroffenen Kunden, Händlern und Wettbewerbern – und verliert allmählich die Geduld. Die Strafen und Schadenersatzzahlungen, die VW am Ende für den Betrug mit manipulierter Motorsoftware bezahlen muss, richten sich nicht zuletzt nach der Bußfertigkeit und Kooperation des Konzerns. Der Spielraum eines amerikanischen Richters ist riesig.

Gleichzeitig verdichten sich seit Wochen die Hinweise, dass der frühere VW-Chef Martin Winterkorn und andere Vorstände Hinweise auf manipulierte Motoren sehr viel früher bekommen haben als ursprünglich behauptet. Ob sie diesen Hinweisen nicht nachgegangen sind oder den Betrug wissentlich geduldet haben macht aus Sicht amerikanischer Behörden keinen allzu großen Unterschied. Der genaue Tathergang in Wolfsburg wird angeblich immer noch untersucht, erst im April sollen Resultate vorliegen. Auch hier verlieren die Amerikaner allmählich die Geduld.

US-Justiz spielt Hardball

Last but not least mehren sich in den USA die kritischen Stimmen gegen VW-Chef Matthias Müller und Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Sie gelten inzwischen unter vielen Beteiligten als unfähig oder unwillig, einen Neubeginn durchzusetzen. Als langjährige VW-Manager, die schon zur Zeit der großangelegten Betrugsaffäre in hohen Ämtern waren, traut man ihnen schlicht die notwendige Unabhängigkeit gegenüber ihren früheren Vorgesetzen und Kollegen nicht zu. Auch bei Pötsch und Müller persönlich verlieren die Amerikaner also allmählich die Geduld.

Die amerikanische Justiz spielte schon bei früheren Auseinandersetzungen mit deutschen Konzernen Hardball. Man denke nur an die Korruption bei Siemens oder Daimler – oder an die Sammelklagen gegen den Bayer-Konzern wegen des Medikaments Lipobay vor 15 Jahren. In keinem dieser Fälle aber war die Verärgerung in den zuständigen Behörden auch nur annähernd so hoch wie jetzt bei VW. Die Causa Volkswagen sieht man in den USA inzwischen als absolut singulär, nicht mehr als Verfahren unter vielen. Sie wächst sich zu einer Kraftprobe zwischen einem deutschen Unternehmen und dem amerikanischen Rechtssystem aus. Deshalb muss VW mit sehr viel empfindlicheren Strafen und Auflagen rechnen als andere deutsche Konzerne in der Vergangenheit.

Die bisherige Kommunikationsstrategie des Konzerns in der Dieselgate-Affäre kann man auf drei Wörter reduzieren: Wir sagen nichts. Sie hat sich als falsch erwiesen und als gefährlich. Den VW-Managern ist in den letzten Wochen das passiert, was im Schach gewöhnlich der Vorbote der finalen Niederlage ist: der Verlust des Momentums.


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