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  • Gastkommentar

Griff nach den Sternen

, Moritz Baier

Neue Grenzen, neue Werte und die neue Lust am Weltall: Für Space X-CEO Elon Musk rückt der Mars in greifbare Nähe. Von Moritz Baier

Space X CEO Elon Musk zieht es zum Mars © Getty Images
Space X CEO Elon Musk zieht es zum Mars

Silicon Valley ist sich einig: die Idee der technologischen Singularität - dem posthumanen Zeitpunkt, an dem die von uns geschaffene Technologie ihre menschlichen Erschaffer übertrumpft - ist längst mehr als ein philosophisches Gedankenspiel des berühmten US-Autors und Zukunftsforschers Ray Kurzweil. Oder Drehbuchmaterial für den nächsten Hollywood-Blockbuster.

Die Wahrheit ist, dass wir bereits eine transhumane Ära durchwandern. Schon heute stellen uns beispielsweise Fortschritte in der Genforschung, bei der künstlichen Intelligenz und der virtuellen Realität vor eine Neubewertung unserer intellektuellen, physischen und psychologischen Grenzen.

Ebenso stehen unsere gesellschaftlichen Wertvorstellungen auf dem Spiel. Soziale Auswirkungen der erwarteten Automatisierung haben in Finnland zu ersten Experimenten mit dem bedingungslosen Grundeinkommen geführt, um für eine gelungene politische Zukunft zwischen Mensch und Maschine zu sorgen. Der Anspruch staatlicher und wirtschaftlicher Entscheidungsträger wird es sein, den zu erwartenden Exzess an menschlicher Aufmerksamkeit und Arbeitskraft würdevoll auszugestalten.

Auf dem Weg dorthin wird unsere Fähigkeit, sich ständigem und beschleunigendem technologischen Wandel anzupassen, zunehmend wichtiger als sich auf unseren bisherigen Wissensschatz zu verlassen. In diesem Sinne möchte ich an dieser Stelle eine Schrittmacher-Technologie in den Vordergrund rücken, die im Tandem mit den oben genannten technologischen „Megatrends“ unser menschliches Selbstverständnis revolutionieren wird.

Where is Everybody?

Sternklare Sommernächte berühren uns auf unterschiedliche Weise. Wo manche im Angesicht der Schönheit und unvorstellbaren Ausmaße des Universums tiefenentspannt in Tagträumen versinken, stellt sich anderen die bohrende Frage nach den noch immer ausbleibenden Anzeichen von extraterrestrischer Intelligenz. Darunter auch Enrico Fermi, Nobelpreisträger und Namensgeber des in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mathematisch sauber ausgearbeiteten Fermi-Paradoxons. Seinen Berechnungen zufolge übersteigt die Verfügbarkeit der heute bekannten „erdähnlichen“ Planeten die „Unwahrscheinlichkeit“ der biologischen Herausbildung von lebenden Organismen um solch ein Vielfaches, dass es ein Rätsel sei, bis heute keine Lebenszeichen aus dem All erhalten zu haben.

Erst Ende Februar dieses Jahres fanden europäische Forscher das Planetensystem Trappist-1 mit gleich sieben erdähnlichen Himmelskörpern. „Where is everybody?“ fragt Fermi im Jahr 1950 daher vielleicht zu Recht und liefert viele mögliche Antworten. Darunter auch die These über zu regelmäßige „mass extinction events“, die das sehr langwierige Erreichen einer interplanetaren Zivilisationsstufe bisher verhindert haben könnten.

Was nach einer wilden Theorie vom „regelmäßigen“ jüngsten Gericht klingt, wird unangenehme Realität, wenn man sich die Historie der heute bekannten Massenauslöschungen auf der Erde vor Augen führt. In den letzten 450 Millionen Jahren gab es nach heutigem Kenntnisstand mindestens fünf Ereignisse, die circa 60 bis 100 Prozent der derzeit auf der Erde lebenden Spezies auslöschten. Wir leben in einer gefährlichen Nachbarschaft: Asteroiden, schwarze Löcher, Supernovas, Sonneneruptionen, Gammastrahlenblitze, oder eine jederzeit mögliche Umkehrung des Magnetfelds der Erde. Von „irdischen“ Sorgen wie globalen Epidemien, verheerenden Weltkriegen oder unerwarteten technologischen Konsequenzen (zum Beispiel Folgen künstlicher Intelligenz) ganz zu schweigen.

Vision einer multiplanetaren Spezies

Grund genug für Elon Musk, Tesla-CEO und Paypal-Gründer, eine „Sicherheitskopie“ unserer anscheinend sehr kostbaren menschlichen Spezies auf dem Mars abzuspeichern. Seine 2002 gegründete Raketenmanufaktur Space X, die als eines der bedeutendsten Unternehmen des noch jungen Jahrhunderts gehandelt wird, hat konkrete Pläne für einen bemannten Flug zum roten Planeten in den späten 20ern-Jahren. Sie reichen vom bereits begonnenen Bau der bislang größten Rakete bis hin zu Kalkulationen über thermonuklearen Explosionen an den Polkappen des Mars, um dort festgehaltene Gase für eine nachhaltige und positive Veränderung des Klimas freizusetzen. Andere Ideen für die marsianische Terraformierung beinhalten unter anderem die Konstruktion einer gigantischen magnetischen Schutzfolie.

Musks großer wirtschaftlicher Vorteil: Space X hat nicht nur die bei der Anfertigung verwendeten Materialien fundamental überdacht und dadurch drastisch Kosten gesenkt, das Unternehmen hat auch als erstes eine Landung der Trägerraketen und die damit verbundene Wiederverwendbarkeit der kostspieligsten Komponenten ermöglicht. Zwei grundlegende Entwicklungen, welche die finanziellen Aufwendungen pro Raketenstart langfristig um ein bis zu 100-Faches senken könnten.

Doch die Konkurrenz schläft nicht. Nachdem die USA nach der erfolgreichen Mondlandung und dem Ende des Kalten Krieges die staatlichen Ausgaben für die Raumfahrt drastisch gekürzt haben (von circa 4,5 Prozent des BIP in der „Blütezeit“ auf etwa ein Prozent in den kommenden Jahrzehnten), erleben wir heute ein Remake des „Space Race“, das in den 60er-Jahren in einem der bedeutendsten technologischen, ideologischen und politischen Momente der Menschheit gipfelte.

4400 Satelliten für einen globalen Internetzugang

Der Weltraum ist im Jahr 2017 wieder ein Objekt der Begierde. Neben Space X haben Blue Origin, „Raketen-Start-up“ des Amazon-Gründers Jeff Bezos, sowie die ULA, ein Joint Venture zwischen den Industrie-Giganten Boeing und Lockheed Martin, ihre Augen auf den roten Planeten gerichtet. Diese privaten Investitionen haben die Weltraumforschung ebenfalls zurück auf die politische Agenda gebracht. Während Russland, die Europäische Union und China öffentlich zum Wettlauf um die Marsbesiedelung ausgerufen haben, hat auch US-Präsident Donald Trump eine Neuausrichtung der NASA-Ausgaben mit neu eingehauchtem Pioniergeist verkündet. Drei Kreuze wurden in der vergangenen Woche auf Aufforderung des neuen Staatsoberhaupts im 2033er NASA-Kalendar für eine US-amerikanische Marsannäherung vermerkt. Eine Wiederkehr zur „Erkundung der unendlichen Weiten“ und ein Abschied von der ausschließlichen „Vermessung der Erde“ durch Satelliten.

Allerdings stehen Satelliten nach wie vor im Zentrum der Aufmerksamkeit. So will Space X beispielsweise den Kostenvorteil ihrer Raketenstarts für ein zweites revolutionäres Projekt nutzen. Öffentlichen Dokumenten zufolge möchte Musk beginnend im Jahr 2018 eine Konstellation von über 4400 Kommunikationssatelliten für die Bereitstellung eines globalen Internetzugangs ins All schießen und damit Googles und Facebooks vergleichbaren Plänen zuvorkommen. Für weitere Dynamik in der Branche der weltweiten Vernetzung sorgt der jüngste, mit 18 Mrd. Dollar notierte Firmenzusammenschluss zwischen dem Satelliten-Wettbewerber Intelsat und dem Internetanbieter Oneweb.

Es wird also in vielerlei Hinsicht nach fünf Jahrzehnten stagnierenden Enthusiasmus endlich wieder richtig spannend in der Weltraumforschung. Fragt man Musk, dann gilt es bei der „Mars Mission“ keine Zeit zu verlieren. Ein Zufall, dass er ausgerechnet Kurzweils Bestseller „The Singularity Is Near“ zu den Büchern zählt, die ihn am meisten beeinflusst haben?


Moritz Baier ist Investment Banker bei Goldman Sachs in New York und berät Technologiekonzerne und „Unicorns“ von der Wall Street bis zum Silicon Valley in Strategie- und Finanzierungsfragen.

Moritz Baier ist Investment Banker bei Goldman Sachs in New York und berät Technologiekonzerne und „Unicorns“ von der Wall Street bis zum Silicon Valley in Strategie- und Finanzierungsfragen. (Foto: Roderick Aichinger)



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