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Was bei VW immer noch fehlt

, Bernd Ziesemer

Der neue VW-Chef Matthias Müller kündigt einen einschneidenden Kulturwandel an. Aber starke Zweifel an der Unternehmensführung bleiben auch nach seinem ersten großen Auftritt vor der Presse.

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Konzerne regiert man von oben – und man ruiniert sie gemeinhin auch von oben. Ob VW bei der Aufarbeitung des jahrelangen Dieselbetrugs auf dem richtigen Weg ist oder nicht, kann man deshalb nicht allein an den Absichtserklärungen des neuen Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller messen, so ehrlich und geradlinig der Mann bei seinem ersten großen Auftritt vor der Presse am letzten Donnerstag auch daherkam. Vier wichtige Fragen stellen sich: Verhalten sich die Eigentümer des Konzerns vernünftig? Sorgen sie für einen vernünftigen Aufsichtsrat? Kontrollieren die Aufsichtsräte den Vorstand vernünftig? Und arbeitet der Vorstand selbst vernünftig? Leider muss man mindestens drei dieser Fragen bei VW verneinen.

Die wichtigsten Eigentümer des Konzerns, die Mitglieder des Porsche-Piëch-Clans, betrachten VW nach wie vor als ihr persönliches Duodez-Fürstentum statt sich wie normale Aktionäre zu verhalten. Sie haben die zahlreichen Verflechtungen zwischen ihren Privatinteressen und den Interessen des Konzerns nicht beseitigt. Bestes Beispiel: ihre Privatstiftungen und Vermögensverwaltungen, in denen nach wie vor Manager wie Audi-Chef Rupert Stadler sitzen. Von Ferdinand Piëch, dem eigentlichen Schöpfer der diktatorischen Unternehmensunkultur bei VW, fehlt nach wie vor auch jede ernsthafte Selbstkritik. Stattdessen pflegt der Patriarch seine tiefsitzende Abneigung gegen seinen Vetter Wolfgang Porsche, so dass einstimmige Entscheidungen der Eigentümer weiterhin nur unter größten Mühen zustande kommen.

Pötsch kommt als Chef-Aufklärer nicht infrage

Die Eigentümer sorgen auch nach wie vor nicht für einen Aufsichtsrat, der seinen Namen verdient. In dem wichtigsten Kontrollgremium des Konzerns fehlen unabhängige Mitglieder, deren private Interessen nicht mit VW verbunden sind. Mit Hans Dieter Pötsch haben die Eigentümer mitten in der Aufarbeitung des Betrugsskandals noch dazu einen bisherigen Manager des Konzerns zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats berufen. Das widerspricht allen Regeln einer guten Unternehmensführung. Ob Pötsch als Finanzvorstand des Konzerns persönliche Schuld auf sich geladen hat oder nicht, interessiert in diesem Zusammenhang wenig. Als Mitglied des Vorstands war der Manager auf jeden Fall mitverantwortlich für die verfehlte Corporate Governance, die kriminelle Machenschaften in diesem Umfang überhaupt erst möglich machte. Als oberster Aufklärer des Skandals kommt Pötsch daher nicht infrage. Gerade dies ist aber die vornehmste Aufgabe des Aufsichtsratsvorsitzenden in der jetzigen Lage.

Kontrolliert der Aufsichtsrat wenigstens den Vorstand vernünftig? Auch daran muss man leider zweifeln nach dem gemeinsamen Auftritt von Pötsch und Müller in der letzten Woche. Der Aufsichtsrat hat eine folgenschwere Fehlentscheidung des Vorstands abgesegnet: Nicht mehr der neue Konzernchef Müller, sondern sein Kollege Francisco Javier Garcia Sanz soll sich jetzt um die weitere Aufklärungsarbeit kümmern. Der amtierende Einkaufschef des Konzerns war in der Vergangenheit selbst verantwortlich für zahlreiche Verstöße gegen die Grundsätze guter Unternehmensführung. Sogar für einen Fall persönlicher Vorteilsnahme musste sich Garcia Sanz bereits verantworten. Es ist ein Skandal im Skandal, dass der Aufsichtsrat dieser Personalie zugestimmt hat.

Bleibt als vierte und letzte Frage nur der Vorstand selbst: Dem neuen Chef Müller sollte man vorerst zugestehen, dass er es ernst meint mit einem wirklichen Kulturwandel im VW-Konzern. Aber seine Strategie kann nur funktionieren, wenn es den gemeinsamen Willen dazu bei Eigentümern und Aufsichtsräten gibt. Daran muss man leider weiter zweifeln.


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