• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Finanzevolution

Warum Robo-Adivsors Asset‑Mixer sind

, Dirk Elsner

Roboter werden keine Anlageberater, sondern eher geschickte Portfolio-Mixer. Von Dirk Elsner

Dirk Elsner © Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Veränderungen der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und digitale Finanzdienstleistungen. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog Blick Log gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Ab sofort schreibt Elsner alle zwei Wochen eine Kolumne auf Capital.de. Der Titel ist Programm: Finanzevolution


Ältere Semester werden sich vielleicht noch an den Hit „Die Roboter“ von Kraftwerk erinnern. Im Songtext heißt es unter anderem: „Wir laden unsre Batterie jetzt sind wir voller Energie…Wir sind auf alles programmiert und was du willst wird ausgeführt.“ Dieses Motto kann schon bald für die „Anlageberatung“ gelten, denn die Batterien der Anlageroboter werden derzeit kräftig aufgeladen. Sie sind dann auf das programmiert, was Kunden wollen, eine „gute“ Anlageberatung.

Die automatisierte Anlageberatung (in Fachkreisen Robo-Advisory genannt) gehört zu den heißesten Trends in der Financial Technology (FinTech). Bevor ich in späteren Beiträgen auf den Kampf Mensch vs. Maschine(n) in der Beratungspraxis eingehe, geht es hier um die Frage, ob die automatischen Berater wirklich Berater sind.

Wer sein Geld anlegen will, der hat heute die Qual der Wahl unter Millionen von Anlageprodukten und -strategien. Die Handlungsmöglichkeiten müssen möglichst in Einklang gebracht werden mit den Zielen des Anlegers, seinem Informationshorizont und seiner Risikoneigung. Das alles ist nicht trivial. Viele Menschen, die ihre Anlagenprodukte selbst auswählen wollen, sind nach der Lektüre von Fachliteratur und Anlageprospekten eher verwirrt. Manche suchen daher Rat beim Anlageberater. Die sollen in der Idealvorstellung zielsicher die Präferenzen der Kunden erkennen und danach aus dem Anlageuniversum die richtigen Produkte herausfiltern können.

Die ideale Anlageberatung erfordert also mindestens:

• Informationen über die persönliche und finanzielle Lage des Anlegers, um auf dieser Basis individuell zugeschnittene Empfehlungen abzugeben,

• Ziele, die mit der Anlage verfolgt werden sollen und

• umfassende Informationen über die Ausstattungsmerkmale, Chancen und Risiken von Kapitalanlagen.

Anlagen möglichst breit streuen

Wenn uns die letzten Jahre an den Finanzmärkten etwas gelehrt haben, dann ist das die Erkenntnis, dass es die ideale Anlageberatung vielleicht in den Modellen der Ökonomen geben mag, nicht jedoch in der Realität. Egal wie smart ein Anlageberater heute erscheint, und egal welche Erfolgsgeschichten er erzählen kann, am Ende ist es meist Zufall, wenn die Empfehlungen des Beraters erfolgreicher sind als der „Markt“.

Und hier hilft die vom US-Ökonom Harry Markowitz schon in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelte Portfoliotheorie. Danach ist eine Kapitalanlage unter Risiko-Ertragsgesichtspunkten dann besonders erfolgreich, wenn die Anlagen möglichst breit gestreut (diversifiziert) werden. Unter den (übrigens umstrittenen) Modellannahmen der Portfoliotheorie ist das so bezeichnete Marktportfolio die am besten gestreute Anlagemischung und unter Risikogesichtspunkten effizienter als jede Einzelanlage. „Als effizient werden Portfolios bezeichnet, wenn bei gleicher Rendite kein Portfolio konstruiert werden kann, das ein geringeres Risiko aufweist beziehungsweise wenn bei gleichem Risiko kein Portfolio konstruiert werden kann, das eine höhere Rendite ergibt.“ (Professionelles Portfoliomanagement von Bruns und Meyer-Bullerdiek)

Das Marktportfolio wird in der Kapitalanlagepraxis meist durch einen Aktienindex beziehungsweise einen oder mehrere möglichst breit gestreute Indexfonds repräsentiert. Das ist methodisch zwar strittig, weil keine noch so breit gestreuten Indizes alle Vermögenstitel einer Volkswirtschaft repräsentieren. Selbst der MSCI All Country World Investable Market Index kann das nicht, obwohl daran ausgerichtete ETFs (= Exchange Traded Funds) 8500 Firmen aus 45 Ländern abbilden würden. Finanzfachleute sehen darin aber dennoch eine bestmögliche Annäherung.

[Seitenwechsel]

Mischung aus risikofreier Anlage und „Marktportfolio“

Eine weitere wichtige These der modernen Finanzmarkttheorie ist übrigens, dass sich Analysen und Vorhersagen nicht lohnen sollen. Wer in das „Marktportfolio“ investiert und seine Risikoneigung durch den Anteil der „risikofreien“ Anlage steuert, liegt unter Effizienzgesichtspunkten stets besser als Anleger, die sich nach aufwendiger Analyse Einzelanlagen herauspicken. Die Debatte, ob das so stimmt, tobt seit Jahrzehnten und wird wohl nie abgeschlossen sein.

Nun werden aber mit diesen Erläuterungen die Zutaten der „Robo-Advisors“ klar. Man benötigt keine Einzelanalyse von Aktien, sondern man muss nur Instrumente zur Verfügung haben, die möglichst das Marktportfolio repräsentieren. Kennt man dann die Risikoneigung des Anlegers, kann man „einfach“ eine Mischung aus risikofreier Anlage und „Marktportfolio“ wählen.

Wer soweit gefolgt ist und den Modellannahmen der Portfoliotheorie traut, der wird zustimmen, dass man somit den Anlageprozess komplett automatisieren kann. Eine persönliche Beratung oder gar eigene Analyseleistungen eines Beraters sind nach diesen Überlegungen nicht nur teuer und unnötig, sie sind der automatischen Strategie sogar unterlegen. Damit ist aber die Bezeichnung „Robo-Advisor“ falsch. Der Begriff Advisor steht für Berater oder Ratgeber. Hier wird aber nicht mehr beraten, sondern lediglich gemischt aus „risikoarmen Anlagen“ (Termingeld) und risikobehafteten Anlagen, in der Regel durch Exchange Traded Funds (ETF). Damit erübrigt sich auch der Streit, ob Roboter bessere Berater sind. Roboter beraten nicht, sondern stellen nur zusammen. Eigentlich wäre damit die richtige Bezeichnung „Asset-Mixer“.

keine Raketenwissenschaft

Die „Asset-Mixer“ formalisieren und standardisieren den Anlageprozess auf Basis eines Algorithmus, der den oben beschriebenen Prozess abbildet. Individuelle Wünsche werden hier über die Risikoneigung abgebildet und können über den Anlagehorizont variiert werden, wie etwa bei Vaamo oder Easyfolio (siehe dazu auch Finanzwesir „Excel statt Schamanismus – was taugen Vaamo und Easyfolio?“).

Der Kern des Robo-Advisory ist also keine Raketenwissenschaft, sondern im Grunde ziemlich simpel. Wer an die Kernaussagen der Portfoliotheorie glaubt, kann in fünf Minuten einen entsprechenden Algorithmus skizzieren. Deutlich länger dauert es dann freilich, diesen Algorithmus nutzerfreundlich zu gestalten und technisch so umzusetzen, dass die richtigen Transaktionen automatisch generiert und das Portfolio in bestimmten Zeitabständen angepasst wird (Rebalancing).

Es gäbe für Kapitalmarktpuristen jetzt jede Menge zu diskutieren. Die Kernfrage, ob sich Anlageberatung lohnt oder nicht füllt ganze Bibliotheken. Die Kernannahmen hinter der Kapitalmarktheorie, wie rationale Anleger, unbegrenzte Liquidität oder die Existenz einer risikofreien Kapitalanlage, wurden in den vergangenen Jahren mehrfach auf die Probe gestellt. Insoweit besteht dann doch wieder Bedarf nach Beratung, nämlich ob man den Modellen der Robo-Advisor wirklich trauen kann.


Artikel zum Thema
Autor
  • Finanzevolution
Dämpfer für die Blockchain‑Technologie

Der DAO-Hack ist ein Rückschlag für sogenannte Smart Contracts. Abschreiben darf man Blockchain deshalb aber nicht. Von Dirk ElsnerMEHR

  • Finanzevolution
Messenger-Apps drängen in den Zahlungsverkehr

Warum Messenger-Apps mit P2P-Zahlungen die wahre Bedrohung für Banken sind. Von Dirk ElsnerMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.