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Wall Street greift nach P2P‑Finanzierung

, Dirk Elsner

Deutsche Banken schrecken vor der P2P-Finanzierung zurück. Dagegen wittert die Wall Street ein neues Geschäftsfeld. Von Dirk Elsner

Dirk Elsner © Sebastian Berger, Stuttgart
Dirk Elsner

Dirk Elsner berät als Consultant für die Innovecs GmbH Banken und Unternehmen. Zu seinen Schwerpunkten gehören Veränderungen der Finanzwirtschaft, der Unternehmenspraxis und digitale Finanzdienstleistungen. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog Blick Log gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde. Elsner schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne auf Capital.de. Der Titel ist Programm: Finanzevolution (Foto: Sebastian Berger, Stuttgart)


Es gibt Produkte im Finanzwesen, von denen haben manche geglaubt, andere gehofft, dass sie nach dem großen Knall der Finanzkrise 2007 bis 2009 ausgestorben seien. Zu diesen Produkten gehören die “Collateralized Debt Obligations” (= CDO). Diese, von einigen Zeitgenossen als Giftmüll bezeichneten Instrumente, hatten manche Bank in den Notstand getrieben. Merkwürdigerweise wurden dafür die Instrumente verantwortlich gemacht und nicht diejenigen, die nicht verstanden haben, was sie da erworben hatten.

Mit einem CDO werden vergebene Kredite und ihre Risiken neu geschnürt und weitergereicht. CDOs sind kein Hexenwerk, sondern gehören zu den forderungsbesicherten Wertpapieren (Asset Backed Securities) und strukturierten Kreditprodukten. Ausgangspunkt für CDOs sind also Darlehen, wie beispielsweise Hypotheken oder Kreditkartenforderungen. Kreditnehmer sind dabei Privatpersonen oder Unternehmen, die häufig nicht einmal ahnen, dass ihre Verbindlichkeiten an andere Investoren weitergereicht werden. Jedenfalls werden diese Kredite gebündelt und in Paketen zusammengefasst. Ab diesem Zeitpunkt wird es etwas komplizierter und damit auch undurchsichtiger. Eine Besonderheit der CDOs ist nämlich, dass sie in Tranchen mit unterschiedlichen Ausfallrisiken und Zinskupons aufgeteilt werden können. Ich habe die Instrumente vor längerer Zeit einmal in meinem Blog erklärt.

Ihren Boom hatte die angeblich „gefährlichste Wette“ der Wall Street bis 2007. Viele CDOs waren und sind Gegenstand unzähliger Rechtsstreitigkeiten (siehe zum Beispiel hier). Die Käufer (oft selbst Banken) warfen den Geldhäusern vor, die die CDOs verkauft haben, nicht korrekt über die Risiken informiert und diese zum Teil bewusst verschleiert zu haben. Die Renaissance dieser Instrumente ist dennoch seit einiger Zeit in Gang (siehe dazu hier).

P2P-Kredite als Anlageklasse längst etabliert

Um eine besondere Form von Krediten geht es beim Peer-to-Peer-Lending. Hier erhält ein Unternehmen oder eine Person über eine Internetplattform seinen Kredit von einer Gruppe von Einzelpersonen und nicht mehr von einer Bank. Die Einzelanleger beteiligen sich dabei jeweils nur mit einem Bruchteil des gewünschten Kreditbetrags. Wenn genügend Einzelanleger zusammengekommen sind, erhält der Kreditnehmer sein Geld. In der Praxis haben sich P2P-Kredite etwa in England und in den USA längst als eigene Anlageklasse etabliert.

Und schon lange finanzieren nicht nur andere Privatpersonen auf der Suche nach besserer Verzinsung die Darlehen. Institutionelle Anleger wie Pensions- und Hedgefonds haben die P2P-Kredite schon vor Jahren als lukratives Anlagevehikel entdeckt und investieren große Beträge, die sie dann gleich auf sehr viele Darlehen verteilen (siehe dazu auch diesen Beitrag des Insitutional Investor). Das Volumen dieser Investments ist mittlerweile so stark angewachsen, dass die institutionellen Investoren die privaten Anleger verdrängen. Bis zu 80 Prozent des Volumens sollen laut New York Times von den Finanzprofis stammen. Der CEO der weltweit größten P2P-Plattform Lending Club sah sich in einem Gespräch mit Forbes schon genötigt deutlich zu machen, dass P2P-Finanzierungen nicht durch Hedgefonds gekapert werden.

Der Grund ist einfach. Die Erfahrungen mit den P2P-Darlehen haben gezeigt, dass sich daraus ein stabiler und gut vorhersehbarer Einkommensstrom generieren lässt. Aus den regelmäßig aktualisierten Statistiken von Lending Club kann man ablesen, dass Darlehen in der niedrigsten Risikoklasse mit 5,04 Prozent und in der höchsten mit 8,94 Prozent verzinsen und zwar nach Ausfall von Zahlungen. Das setzt freilich eine entsprechende Streuung voraus.

Das große Interesse der institutionellen Investoren führt nebenbei dazu, dass Darlehen in wenigen Minuten finanziert sind. Die professionelleren Plattformen ermöglichen den Anlageprofis, per IT-Schnittstelle die Darlehen automatisch zu erwerben.

Goldman Sachs mischt mit

Die Entwicklung dreht sich immer schneller. Mittlerweile werden P2P-Portfolios in eigenen Wertpapieren verbrieft, womit wir dann bei den eingangs erwähnten CDOs sind. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete jüngst darüber, dass einige Wall Street Banken an solchen Konstruktionen arbeiten. Ratingagenturen  schauen sich die Instrumente an und bewerten sie, Versicherungen bieten Schutz gegen den Ausfall der in der Regel unbesicherten Kredite. In den USA wird sogar über Credit Default Swaps auf P2P-Kredite gesprochen und Derivate, die die Performance nachbilden sollen.

Einen Schritt weiter will Goldman Sachs gehen. Anfang Mai erfuhr das Wall Street Journal, dass sich die Investment Bank für das digitale Zeitalter vorbereitet. Danach soll die Bank auch onlinebasierte Kreditgeschäfte an kleine Unternehmen und Privatkunden über diesen Weg planen. Details dazu sind zwar noch nicht bekannt. Die Bank hat sich dafür personell verstärkt. Das ist auch deswegen interessant, weil Goldman Sachs diese Kunden bisher gar nicht bedient hat.

Die Gedankenspiele von Goldman Sachs verfolge ich mit einer gewissen Freude. Seit Jahren versichern mir Banker in Gesprächen, sofern sie überhaupt etwas von P2P-Finanzierung gehört haben, dass sie davon nichts halten und dies viel zu riskant sei. Ich habe zuletzt in dieser Kolumne die Argumente zusammengetragen, warum sich dieses Geschäft auch für etablierte Banken lohnen kann. Wenn nun eine der weltweit führenden Banken in dieses Segment strebt, werden wir dies wohl ebenfalls bald in Deutschland erleben. Erste Ansätze sehen wir zum Beispiel bereits in einer Vertriebspartnerschaft, die die deutsche Lending-Plattform für Unternehmenskredite Zencap mit der Sparda-Bank Berlin eingegangen ist.

Diese und viele weitere Aktivitäten zeigen, dass das Geschäft mit der neuen Finanzierungsform, mit der man sich eigentlich vom Bankensystem unabhängig machen wollte, längst von diesem entdeckt wurde. Schließt sich also hier der Kreis? Seit jeher gehört es zu den Stärken der Wall Street, ein feines Gespür für neue Geschäftsmöglichkeiten zu entwickeln.

 

Weitere Kolumnen von Dirk Elsner, die er für die inzwischen eingestellte deutsche Ausgabe des „Wall Street Journal“ geschrieben hat, finden Sie auf seiner Übersichtsseite 


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