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Wolfsburger Szenen wie im Weissen Haus

, Bernd Ziesemer

Bei VW kommt allmählich alles raus, was der Konzern mit aller Macht vertuschen möchte. Ein Lehrstück in Sachen Kommunikation. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Nichts ärgert Donald Trump mehr als die ständigen „leaks“ aus dem Weißen Haus. Der amerikanische Präsident möchte seine Administration am liebsten völlig von den Medien abschotten. Doch je mehr sich Trump über die Indiskretionen echauffiert, umso mehr missliche Nachrichten dringen aus dem innersten Kreis nach außen.

Manches, was sich in diesen Tagen in Wolfsburg abspielt, erinnert an diese Gemengelage im Weißen Haus. So emsig sich der VW-Vorstand auch bemüht, das Thema Dieselbetrug endlich zu begraben, so wenig gelingt es ihm. Immer neue Peinlichkeiten finden ihren Weg in die Zeitungen und ins Fernsehen. Jüngstes Beispiel: Der Bericht der „Bild am Sonntag“ über den SPD-Ministerpräsidenten und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil, der sich eine Regierungserklärung über die Dieselaffäre von Konzernmitarbeitern redigieren ließ.

Seit fast zwei Jahren bewegt der Betrug des Konzerns an Kunden und Behörden nun die Öffentlichkeit. Der Vorstand und die Aufsichtsräte haben in dieser Zeit immer nur das zugegeben, was ihnen bereits durch Staatsanwälte und Medien nachgewiesen worden war. Die Manager haben ihr ursprüngliches Versprechen gebrochen, die Ergebnisse einer internen Untersuchung zu veröffentlichen. Eine sorgfältig ausgehandelte Vereinbarung mit dem US-Justizministerium („Statement of Facts“) sollte einen Schlusspunkt setzen. Die Sprecher von VW behaupteten, damit seit der Aufklärung genüge getan. Weitere Fragen könne man leider nicht beantworten, um nicht in Konflikt mit den amerikanischen Gerichten zu kommen. Dabei liefen (und laufen) die Ermittlungen in den USA die ganze Zeit weiter. Aus amerikanischer Sicht war mit dem „Statement of Facs“ keineswegs ein Verzicht auf weitere strafrechtliche Verfahren verbunden.

Arroganz der Macht

Inzwischen kann man eindeutig sagen: Die Kommunikationslinie des VW-Konzerns ist auf ganzer Linie gescheitert. Gerade weil in Wolfsburg niemals reiner Tisch gemacht wurde, kommt der Konzern nicht aus den Schlagzeilen. Viele mittlere Manager von VW sind mittlerweile so verärgert über das Vorgehen ihrer Oberen, dass sie immer neue Fakten an die Medien durchstechen. Die Prozesse gegen zwei VW-Mitarbeiter in den USA, die beide mit der Justiz kooperieren, werden weitere wichtige Fakten ans Tageslicht spülen – vor allem über die Verantwortung früherer und amtierender Vorstände und Aufsichtsräte. Mit den Managern von gestern „nach vorn zu schauen“, wie VW-Chef Mathias Müller ständig fordert, wird nicht gelingen.

In den einschlägigen Lehrbüchern der Öffentlichkeitsarbeit wird man dem Fall VW später sicherlich ein besonderes Kapitel widmen: als Musterbeispiel dafür, wie man Krisenkommunikation NICHT betreiben sollte. Im Grunde leiden die VW-Oberen unter dem gleichen Syndrom wie Donald Trump: Mögen auch die Granaten in immer schnellerer Folge rund um sie herum einschlagen, sie halten sich selbst immer noch für schlauer als der ganze Rest der Welt. Die Arroganz der Macht ist ungebrochen – im Weißen Haus wie in Wolfsburg.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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