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Vier Irrtümer der zweiten Depression

, Robert Skidelsky

In der Zeit seit 2008 wurden, vor allem von Spitzenpolitikern, massenhaft ökonomische Trugschlüsse wiedergekäut. Im Folgenden meine vier Favoriten. Von Robert Skidelsky

Robert Skidelsky © Getty Images
Robert Skidelsky, Mitglied des britischen House of Lords, ist emeritierter Professor für Wirtschaftspolitik an der Warwick University

1. "Die schwäbische Hausfrau"

„Man hätte einfach nur die schwäbische Hausfrau fragen sollen”, sagte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers im Jahr 2008. „Sie hätte uns eine Lebensweisheit gesagt: Man kann nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben.”

Diese vernünftig klingende Logik untermauert derzeit die Sparpolitik. Übersehen werden dabei die Auswirkungen der hausfräulichen Sparsamkeit auf die Gesamtnachfrage. Wenn alle Haushalte ihre Ausgaben reduzieren, würde der Gesamtverbrauch sinken und damit auch die Nachfrage nach Arbeitskräften. Verliert der Ehemann der Hausfrau seine Arbeit, ginge es dem Haushalt schlechter als vorher.

Allgemein handelt es sich bei diesem Trugschluss um einen „Trugschluss der Komposition“: was für einen einzelnen Haushalt oder ein Unternehmen sinnvoll ist, muss insgesamt nicht unbedingt zum Wohle des Ganzen sein. Im Speziellen zeigte John Maynard Keynes dies am „Sparparadoxon“ auf:  Wenn in schlechten Zeiten alle sparen, sinkt die Gesamtnachfrage, wodurch die gesamten Ersparnisse aufgrund des rückläufigen Verbrauchs und des geringeren Wirtschaftswachstums schrumpfen.

Wenn der Staat versucht, sein Defizit einzudämmen, müssen Haushalte und Unternehmen ihr Geld zusammenhalten, was zu geringeren Gesamtausgaben führt. Unterm Strich allerdings wird das Defizit kaum schrumpfen, egal in welchem Ausmaß der Staat seine Ausgaben kürzt. Und wenn alle Länder gleichzeitig auf Sparpolitik setzen, führt die geringere Nachfrage nach den Waren der einzelnen Länder zu geringerem Verbrauch im jeweiligen Land und im Ausland. Dann geht es allen schlechter. 

2. "Der Staat kann kein Geld ausgeben, das er nicht hat"

Dieser - wiederholt vom britischen Premierminister David Cameron vorgebrachte - Trugschluss betrachtet Staaten so, als wären sie mit den gleichen Etatbeschränkungen konfrontiert wie Haushalte oder Unternehmen. Doch Staaten sind nicht wie Haushalte oder Unternehmen. Durch die Ausgabe von Anleihen kommen Staaten immer an das benötigte Geld.

Doch muss nicht ein zunehmend verschuldeter Staat immer höhere Zinsen zahlen, so dass die Kosten des Schuldendiensts letztlich die gesamten Einnahmen aufbrauchen? Die Antwort lautet nein: Die Zentralbank kann ausreichend zusätzliches Geld drucken, um die Kosten der Staatsschulden niedrig zu halten. So funktioniert die so genannte quantitative Lockerung. Bei Zinssätzen nahe null können es sich die meisten westlichen Staaten nicht leisten, keine Kredite aufzunehmen.

Dieses Argument gilt nicht für Staaten ohne eigene Zentralbank. In diesem Fall ist der Staat mit den gleichen Haushaltsnöten konfrontiert wie die oft zitierte schwäbische Hausfrau. Und das ist der Grund, warum manche Mitgliedsstaaten der Eurozone in derartige Schwierigkeiten gerieten, bis sie von der Europäischen Zentralbank gerettet wurden.

3. "Staatsschulden sind aufgeschobene Steuern"

Diesem häufig zitierten Trugschluss zufolge können Staaten durch die Ausgabe von Anleihen zwar Geld aufbringen, müssen es aber, weil es sich bei Anleihen um Darlehen handelt, letztlich zurückzahlen und das kann nur über Steuererhöhungen erfolgen. Weil die Steuerzahler damit rechnen, sparen sie in der Gegenwart schon für künftige Steuerzahlungen. Je mehr Kredite ein Staat heute für seine Ausgaben aufnimmt, desto mehr sparen die Menschen, um zukünftige Steuern zahlen zu können, wodurch jegliche stimulierende Wirkung des zusätzlich aufgenommenen Geldes zunichte gemacht wird.

Das Problem bei diesem Argument besteht darin, dass Staaten selten mit der verpflichtenden „Rückzahlung“ ihrer Schulden konfrontiert sind. Sie können das tun, aber in den meisten Fällen wird mittels Ausgabe neuer Anleihen umgeschuldet. Je länger die Laufzeit der Anleihen, desto seltener müssen Staaten neue Kredite an den Märkten aufnehmen.

Noch wichtiger ist, dass aufgrund der durch Kredite ermöglichten Ausgaben eventuell vorhandene brachliegende Ressourcen (wenn die Arbeitslosigkeit beispielsweise viel höher ist als normal) wieder genützt werden. Die sich daraus ergebenden höheren Staatseinnahmen (im Verbund mit geringeren Ausgaben für Arbeitslose) tragen die Kosten der zusätzlichen Kredite, ohne dass Steuern erhöht werden müssen.

4. "Die Staatsschulden sind eine Belastung künftiger Generationen"

Dieser Denkfehler wird so oft wiederholt, dass er bereits in das kollektive Unbewusste eingedrungen ist. Das Argument lautet: wenn die derzeitige Generation mehr ausgibt als sie einnimmt, ist die nächste Generation gezwungen, mehr einzunehmen, als sie für den Schuldendienst ausgeben muss.

Übersehen wird dabei die Tatsache, dass sich die Inhaber genau dieser Schuldtitel unter den angeblich belasteten künftigen Generationen befinden werden. Nehmen wir an, meine Kinder müssten an Sie Schulden zurückzahlen, die durch mich angefallen sind.  Dann sind meine Kinder zwar finanziell schlechter dran, aber Ihnen geht es besser. Das mag zwar schlecht für die Wohlstands- und Einkommensverteilung sein, weil es Gläubiger auf Kosten des Schuldners reicher macht, aber daraus ergibt sich keine Nettobelastung nachfolgender Generationen.

Genau das gleiche Prinzip gilt, wenn es sich bei den Inhabern nationaler Schuldtitel um Ausländer handelt (wie im Fall Griechenland), obwohl der politische Widerstand gegen die Rückzahlung um vieles stärker sein wird. 

Keine exakte Wissenschaft

In der Ökonomie wimmelt es von Irrtümern, weil es sich nicht um eine Naturwissenschaft wie Physik oder Chemie handelt. Ökonomische Thesen sind selten absolut wahr oder falsch. Was in einigen Fällen wahr ist, kann sich in anderen als falsch erweisen. In erster Linie hängt die Wahrheit vieler Thesen von den Erwartungen der Menschen ab.

Man denke an die Annahme, wonach die künftige Steuerbelastung umso höher ausfallen wird, je mehr Geld sich der Staat leiht. Wenn die Menschen ihr Verhalten nach dieser Annahme ausrichten und jedes zusätzliche Pfund, jeden Dollar oder Euro, den sie vom Staat bekommen, auf die Seite legen, dann werden die zusätzlichen staatlichen Ausgaben keine Wirkung auf die wirtschaftliche Aktivität zeigen und zwar ungeachtet dessen, wie viele Ressourcen brach liegen. Dann muss der Staat die Steuern erhöhen – und aus dem Trugschluss wird eine selbsterfüllende Prophezeiung. 

Wie kann man nun aber in der Ökonomie zwischen wahren und falschen Thesen unterscheiden?  Vielleicht sollte man die Trennlinie folgendermaßen ziehen: hier die Thesen, die sich bewahrheiten, wenn die Menschen sie für wahr halten und dort die Thesen, die sich ungeachtet irgendwelcher Annahmen bewahrheiten. Die Feststellung „Es ginge uns allen besser, wenn wir in einer Rezession alle mehr sparen“ ist absolut falsch. Es ginge uns nämlich allen schlechter. Doch die Feststellung „Je mehr der Staat Kredite aufnimmt, desto mehr muss er auch für seine Kreditaufnahme zahlen“, ist manchmal wahr und manchmal falsch. 

Oder vielleicht sollte man zwischen Thesen auf Grundlage vernünftiger Verhaltensannahmen und jenen mit  haarsträubenden Verhaltensannahmen unterscheiden. Wenn die Menschen jeden zusätzlichen Cent sparen, den sie vom Staat aufgrund seiner zusätzlichen Kreditaufnahme bekommen, hätten die staatlichen Ausgaben keine stimulierende Wirkung. Wahr. Doch solche Menschen existieren nur in den Modellen der Ökonomen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

Copyright: Project Syndicate, 2013.
www.project-syndicate.org


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