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Verpatzter Start ins neue Jahr

, Bernd Ziesemer

2016 beginnt ganz anders als von den meisten Konzernen erwartet. Die Vorstände sollten ihre Planungen schnell überprüfen. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Ja, mach nur einen Plan! Die schöne Zeile aus einer der schönsten Balladen Bert Brechts liest sich wie ein Kommentar zum neuen Jahr. 2016 beginnt ganz anders als von uns erwartet. Innenpolitisch verändern die Ereignisse der Silvesternacht in Köln die ganze Befindlichkeit der Republik. Und wirtschaftlich müssen wir zum Jahresstart mit einer so großen Fülle von schlechten Nachrichten fertig werden wie selten zuvor. Die deutsche Aktienbörse vernichtet in wenigen Januartagen die ganzen Kursgewinne des letzten Jahres. China zieht die ganze Weltwirtschaft herab. Der Erdölpreis fällt so heftig weiter, dass ganze Branchen kaum noch vernünftig kalkulieren können. Hinzu kommen die ersten schlechten Nachrichten von einzelnen Unternehmen – zum Beispiel der Deutschen Bank.

Der verpatzte Start gefährdet schon jetzt die ganze Jahresplanung einiger Konzerne. Normalerweise überprüfen die großen Unternehmen ihre Annahmen für das laufende Jahr nach dem ersten Quartal – und treten dann im April oder Mai auf die Kostenbremse, wenn ihre Umsätze und Gewinne hinter den Erwartungen zurückbleiben. Wenn es aber schon den ersten Monat des Jahres verhagelt, greift das normale Prozedere möglicherweise zu spät. Man entdeckt gegenwärtig wenig positive Faktoren, die Verluste im ersten Quartal im weiteren Jahresverlauf ausgleichen könnten. Und einige Konzerne haben 2016 sehr optimistisch geplant – zum Beispiel Siemens. Die Vorstände tun deshalb gut daran, ihre Planungen vorzeitig und schnell noch einmal zu überprüfen.

Chinas Schwäche trifft die deutschen Konzerne

Zwar besteht zu Panik kein Anlass. Die ganz große China-Katastrophe, die sich zu einer Weltfinanzkrise wie 2008/2009 auswächst, gehört nach wie vor eher zu den weniger wahrscheinlichen Szenarien. Der heutige chinesische Finanzsektor ist trotz aller Verbindungen zur westlichen Welt immer noch nicht annähernd so stark mit unserer Wirtschaft verflochten wie beispielsweise der amerikanische oder britische. Mögen die Anleger in Shanghai oder Shenzhen also ruhig die dortigen Aktienkurse weiter ins Bodenlose herunterspekulieren – eine große Finanzkrise in den Industrieländern entsteht dadurch noch lange nicht. Und eine Milliarde chinesischer Konsumenten fällt in der Tat „nicht so einfach vom Planeten“, wie ein deutscher Banker dieser Tage so schön sagte.

Auf der anderen Seite gilt: Das nachlassende Wachstum in China und anderen Schwellenländern berührt unsere Konzerne eben doch. Die große Frage ist beispielsweise bei den Autokonzernen, ob sie diese Entwicklung tatsächlich bereits in ihren Planungen genügend „eingepreist“ haben. Gerade bei Konzernen wie VW oder Daimler rollen die Planungsprozesse für ein neues Jahr sehr, sehr früh im jeweils noch laufenden Jahr an.

Zwar funktionieren die Controlling-Abteilungen großer Konzerne so gut, dass sich Vorstände wöchentlich, ja manchmal sogar täglich über Planabweichungen informieren können. Psychologisch aber tun sie sich oft schwer, schnell genug Konsequenzen aus ihren neuen Zahlen zu ziehen. Und wenn sie ihre Pläne korrigieren, dann oft eben auch zu zaghaft. Ganz wie in der „Ballade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ von Bert Brecht: „Und mach dann noch ´nen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht.“

Wer wird besser abschneiden?

Auf der anderen Seite des Spektrums steht ein Mann wie Siemens-Chef Joe Kaeser, der den ganzen Konzern auf eine neue Kommunikationslinie gezwungen hat. Der alte Bürokratieladen präsentiert sich unter seiner Regie als Unternehmen mit vielen Mitunternehmern, im ständigen Dialog mit Start-ups und Innovatoren. Eine neue Kultur soll neue, bessere Ergebnisse bringen. 2016 ist dafür das Schlüsseljahr. Ähnlich wie Kaeser arbeiten auch die Vorstandsvorsitzenden von Lufthansa oder Eon. Als charismatische und sehr auf sich selbst bezogene Chefs bemühen sie sich, ihren ganzen Konzern mitzureißen. Die Hauptgefahr für die Kommunikatoren: Ihre großen Gedankengebilde könnten an der schnöden Wirklichkeit zerschellen, weil sie sich nicht genügend mit den wirklichen Detailproblemen ihres Unternehmens auseinandersetzen.

Welche der beiden Gruppen sich 2016 am Ende besser schlägt, kann man nur schwer prophezeien. Deshalb kommt dieser Kommentar ausnahmsweise auf Wiedervorlage zum 1. Januar 2017. Dann mehr dazu an dieser Stelle.


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