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  • Gastkommentar

Verkehrswende: "Simplify your Drive!"

, Claudia Kemfert

Der Dieselgate ist die Chance, aus der Furcht vor dem Crash wieder eine Freude am Fahren zu machen. Von Claudia Kemfert

Stromtankstelle für Elektroautos in Osterode am Harz © dpa
Stromtankstelle für Elektroautos, aufgenommen am 13.10.2016 in Osterode am Harz

Die Angst geht um im Autoland Deutschland. Davon zeugt die Begeisterung für sogenannte SUVs, also klobige Autos, die für einen Ausflug ins schwere Gelände gerüstet sind und dann doch nur den Weg zur Grundschule oder ins Büro schaffen müssen. SUVs sind die Speerspitze einer jahrzehntelangen mobilen Aufrüstung. Waren Autos einst Inbegriff von Freiheit und Unabhängigkeit, sind sie nun eine Trutzburg gegen eine feindliche Außenwelt, automatische Türverriegelung inklusive. In einer immer unübersichtlicher werdenden Verkehrswelt fühlen sich die Menschen darin sicher. Mehr Überblick, mehr „Wumms“ und im Ernstfall auch mehr Knautschzone – das sind die Vorteile der modernen Ritterrüstung des Straßenverkehrs.

Aber um den rollenden Koloss in Bewegung zu bringen, braucht es große (und schwere) Motoren, viel Technik und einen kraftstrotzenden Sprit, der „die Leistung auf die Straße bringt“. In den 60er versprach die Werbung noch den Tiger im Tank, in den 80er-Jahren ging es um die Herausforderungen der Ölförderung im Packeis, die man anzupacken versprach. In den letzten Jahren ging es nur noch um die ergänzenden Shoppingangebote an der Tankstelle. Kaffee und frische Croissant sind für das Gefühl der Sicherheit offenbar wichtiger als der Treibstoff.

Der aktuelle „Dieselgate“ führt die Absurdität dieser emotionalen Entwicklung besonders krass vor Augen: Warum steigen wir in Panzer, wenn wir uns doch eigentlich nach Frieden sehnen? Schließlich nehmen wir dafür zahlreiche Nachteile in Kauf: hohe Anschaffungskosten, hoher Spritverbrauch und hohe Umweltbelastung. Zwar wurden Autos theoretisch immer effizienter, aber sie verspielten die Effizienz durch neue Gadgets und Sicherheitspakete.

Nur die Autos werden größer, fetter, schwerer

Die Expansion in Größe und Gewicht in der Autowelt widerspricht völlig dem Trend des 21. Jahrhundert. Da wird nämlich eigentlich alles immer kleiner: An die Stelle der achtspännigen Postkutsche ist ein Gerät getreten, das nur deshalb noch Hosentaschengröße hat, damit unsere klobigen menschlichen Finger es bedienen können. In der Medizin operieren wir – ohne schweres Gerät, ohne Vollnarkose und lange stationäre Behandlung – mit mikroinvasiven Methoden im Minutentakt. Herzschrittmacher sind so klein, dass sie mit der Pinzette implantiert werden. Nur die Autos werden größer, fetter, schwerer.

„Simplify your Drive“ könnte auch in unserer mobilen Welt zum Trend werden: Entschlacken wir die überbordende Dinosaurer-Technologien, mit der wir über den Globus trampeln und starten endlich die klimaschonende und echte Verkehrswende. Die Digitalisierung macht’s möglich.

Ausgerechnet in den städtischen Vorgärten zeigen sich die Pioniere der neuen Mobilität: Anstelle mit lärmendem und stinkenden Benzingeräten wöchentlich im Schweiße seines Angesichts den Rasen zu mähen, lässt der moderne Hobbygärtner seinen Rasen mähen: nicht vom Nachbarssohn, sondern von einem kleinen Roboter, der die stupide und öde Tätigkeit autonom verrichtet, und zwar nicht nur unermüdlich, sondern auch unter Berücksichtigung aktueller Wetterdaten und moderner Rasenbehandlungserkenntnisse – klein, leicht, elektrisch. Und umweltfreundlich.

Die zukunftsfähigen, innovativen Technologien und Lösungen einer echten nachhaltigen Verkehrswende liegen – buchstäblich – auf der Straße, also genau dort, wo derzeit noch angebliche „Fahrzeuge“ 90 Prozent ihrer Zeit als „Stehzeuge“ ungenutzt parkend die Fahrbahnen verengen. Durch digitale und smarte Technik können wir nicht nur die Staus von den Straßen schaffen, sondern auch die – das Stadtbild nicht wirklich verschönernden – Steh-Blechhaufen aus dem Lebensraum. Ganz sicher fiele uns Schöneres ein, was man auf den aktuell noch mit Autos zugepflasterten Plätzen machen könnte. Die ersten selbstfahrenden Elektro-Fahrzeuge sind bereits im Einsatz. Sie kommunizieren untereinander und vermeiden dadurch Unfälle. Mit ihnen verschwindet der Lärm genauso aus den Städten wie lebensbedrohlicher Feinstaub, Stickoxid und CO2-Emissionen.

Nachteil? Nun, alte Gewohnheiten müssten aufgegeben werden. Aber ganz ehrlich: Wer vermisst noch das Satteln großer Pferde? Wer die Wählscheibe am Telefon? Wer das Brecheisen beim Zahnarzt?

Die digitalisierte Verkehrswende

Es gibt unzählige Ideen und Ansätze für eine Verkehrswende, die statt Angst wieder Freude verbreitet. Intelligente Mobilitätskonzepte bewegen kleinere, wendigere und flexibel einsetzbare Busse nicht nach Fahrplan, sondern nach Bedarf. Man müsste weder sein schweres Gepäck zur nächsten Haltestelle schleppen, noch gefühlte Ewigkeiten auf den nächsten Zug warten. Stattdessen ruft man die Gemeinschaftsfahrzeuge per Knopfdruck via Handy dahin, wo man sie braucht. Schnelle Rechner ermitteln die für alle Beteiligten ideale Streckenführung – und das problemlos auch im ländlichen Raum zu jeder Tages und Nachtzeit. Unkompliziert, bequem und schnell kommt jeder an sein individuelles Ziel. Wir kennen Vergleichbares schon aus großen Bürohäusern, in denen intelligente Liftanlagen in Sekundenschnelle eine tausendköpfige Belegschaft zur Mittagszeit in die Kantine und wieder zurück ins Büro bringen.

Im Fokus steht die Elektrifizierung des Verkehrs, gewonnen aus Öko-Energien. Genau wie im Stromsystem ist der künftige Verkehr dezentral und intelligent vernetzt – ganz ohne fossile Technologien und Kraftstoffe, sondern mittels erneuerbarer und intelligenter Technik.

Wenn sich die traditionellen Industriebetriebe nicht so dagegen sperren würden, könnte die Auto-Nation Deutschland längst viel weiter sein. Es sind „low hanging fruits“, die wir schnell ernten könnten. Strom ist überall, wir sind elektrisch ohnehin vernetzt. Die Kabel liegen bereit. Es wäre ein leichtes, beispielsweise jede Laterne mit einer schnell ladenden Ladestationen auszurüsten.  

Mutiger Sprung in die Zukunft

Und selbst wenn heute noch Strom aus klimaschädlicher Kohleverbrennung gewonnen wird, im Rahmen der Energiewende wird der Anteil erneuerbarer Energien immer weiter steigen. Und dann werden sich die Energie- und Verkehrswende wechselseitig stützen: Der – in wenigen Jahren ausschließlich grüne – Strom wird die Fahrzeuge antreiben. Und die Fahrzeuge werden in ihren Batterien als Stromspeicher die Energieversorgung sichern und die Netze entlasten. Die Schwerlast-Lkw werden genau wie der Schienenverkehr mittels Strom-Oberleitungen auf den Haupt-Verkehrsadern der Republik versorgt und gesteuert. Auch der Luft- und Schiffsverkehr lassen sich bereits heute mit Öko-Energien antreiben, nämlich mittels synthetisch hergestelltem Gas, welches aus erneuerbaren Energien gewonnen wird. Öko-Wasserstoff und Öko-Methan kann Fahrzeuge aller Art antreiben.

Die Techniken sind erdacht, sie sind bekannt – und sie sind einsatzbereit! Nicht nur führende deutsche Schiffs-Motorenhersteller stehen in den Startlöchern, um endlich echte klimaschonende Motoren auch in Deutschland einsetzen zu können. Das ist keine „Traumtänzerei“, das ist die ganz reale Gegenwart in einem Land, welches seit über einem Jahrhundert durch innovative Ingenieurskunst hervorsticht und alle Chancen hätte, das auch in Zukunft zu tun. Echter Vorsprung durch Technik ist nicht das Bewahren des Alten, sondern der mutige Sprung in die Zukunft. Nur das schafft wirtschaftliche Chancen. Deswegen ist es an der Zeit, aus der Furcht vor dem Crash wieder eine Freude am Fahren zu machen. Da könnte Deutschland endlich mal Tempo aufnehmen!


Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Ihr neues Buch "Das fossile Imperium schlägt zurück - 
Warum wir die Energiewende jetzt verteidigen müssen" erschien am 20. April 2017. (Foto: dpa)


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