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Das Selbstmitleid der Stahlkonzerne

, Bernd Ziesemer

Die USA drohen deutschen Stahlherstellern, deutsche Konzerne umgekehrt chinesischen. Ein völlig sinnloser Streit. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Donald Trump macht zum ersten Mal Ernst mit seinen Drohungen gegen deutsche Konzerne. Sein neuer Handelsminister Willbur Ross, ein Rohstoffmilliardär, wirft deutschen Stahlerzeugern Dumping vor und will jetzt „fairen Wettbewerb“ in den USA erzwingen. In seinem Sündenregister finden sich neben der Salzgitter AG und der Dillinger Hütte auch Unternehmen aus Österreich, Frankreich, Belgien, Italien, Japan, Südkorea und Taiwan. Sie alle schädigen angeblich die amerikanischen Stahlerzeuger durch zu niedrige Preise. Ein Sünder aber fehlt komischerweise auf der Liste: China. Dabei bezichtigen deutsche Stahlkonzerne vor allem die chinesischen Staatsbetriebe des unfairen Wettbewerbs.

In der Stahlindustrie gilt fast seit einem Jahrhundert die unausgesprochene Devise: Dumping – das machen immer die anderen. Das Gejammer über die künstlich niedrig gehaltenen Preise der Konkurrenz gehört bei den Konzernen zum Geschäft wie der Hochofen oder die Bramme. Und alle Stahlhersteller können auch den Nachweis führen, dass irgendjemand irgendwo auf der Welt schon einmal irgendetwas viel zu niedrig angeboten hat. Nur man selbst ist selbstverständlich immer sauber geblieben.

Deutschland gehört auch zu den Sündern

Das ist natürlich Unsinn. Alle Konzerne betreiben, wenn man es genau nimmt, immer mal wieder Dumping. Nur das Ausmaß der künstlichen Preisdrückerei unterscheidet sich. Es gibt sozusagen einfache Sünder und besonders schlimme Sünder. Das allein macht den Unterschied. Legt man diesen Maßstab an, so kann man sagen: Deutschland gehört auch zu den Sündern, aber keineswegs zu den schlimmsten Sündern wie etwa China.

Der Hang zum gelegentlichen Dumping hängt mit den betriebswirtschaftlichen Besonderheiten in dieser Industrie zusammen. Kaum ein anderes Geschäft ist so kapitalintensiv wie die Produktion von Stahl. Einen Hochofen kann man nicht eben mal abstellen wie ein Fließband in der Autofabrik. Steigt oder fällt die Auslastung der Stahlfabriken um zwei oder drei Prozent, schlägt das sofort massiv auf die Gewinne durch. Da macht es ökonomisch durchaus Sinn, manchmal einen Teil der Produktion zu verramschen, nur um die Hochöfen und Walzstraßen optimal am Laufen zu halten. Diese schöne Versuchung gibt es zwar auch in anderen Industrien – aber nirgends so stark wie beim Stahl.

Das wirkliche Problem sind nicht einzelne Dumpingfälle, sondern die weltweiten Überkapazitäten in der Stahlindustrie. Wenn sie sinken, geht automatisch auch der Verkaufsdruck zurück. In den USA könnte Trumps Politik dazu führen, die dortigen Kapazitäten erheblich auszubauen. Vielleicht hören wir dann in ein paar Jahren in Europa laute Klagen über das schlimme Dumpingverhalten von US-Herstellern. Und selbstverständlich auch den Ruf, endlich „fairen Wettbewerb“ herzustellen. So war es in der Vergangenheit schon immer: Mal galten die Japaner als die schlimmsten Übeltäter, mal die Südkoreaner oder die Europäer. Mal sehen, wer als nächster dran ist.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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