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Siemens' Russland-Blamage

, Bernd Ziesemer

Die westlichen Sanktionen gegen Russland bringen den Münchner Konzern in eine sehr schwierige Lage. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Seit 1851 macht Siemens in Russland Geschäfte. In München ist man sehr stolz auf diese lange Geschichte. Ob unter den Zaren, in der Sowjetära oder jetzt in der Wladimir-Putin-Zeit: Die jeweilige Führung des Konzerns pflegte immer sehr enge Beziehungen zur jeweiligen Macht in Moskau. Der jetzige Siemens-Chef Joe Kaeser hat das besondere Verhältnis zu Russland mehrfach betont. Als die deutsch-russischen Beziehungen nach der Besetzung der Krim 2014 auf einen Tiefpunkt fielen, eilte Kaeser nach Moskau zu Putin und entblödete sich nicht, von einer „Wertepartnerschaft“ zu reden. Siemens lasse sich nicht von „kurzfristigen Turbulenzen“ beeindrucken.

Nun haben die Russen, man kann es nicht anders sagen, ihre Wertepartner bei Siemens schwer hereingelegt. Es geht um vier Großturbinen des Konzerns, die sich nach dem Willen Putins künftig auf der Krim drehen sollen. Eine direkte Lieferung auf die Halbinsel wäre ein klarer Verstoß gegen die westlichen Sanktionen gewesen, die immer noch in Kraft sind. Deshalb wurden die Turbinen mit den typischen Mitteln eines Staats, der von einer Geheimdienstmafia regiert wird, von der vorgesehenen Baustelle im Süden Russlands in mehreren komplizierten Schritten auf die Krim umgeleitet. Ihr Betrieb dort wäre allerdings ein klarer Verstoß gegen den Vertrag mit Siemens, der ausdrücklich einen Einsatz auf der Krim verbietet. Schon jetzt aber kann man sagen: Putin schert sich nicht darum.

Kaeser ist in einer schwierigen Lage

Damit steckt Siemens tief in der Bredouille. Kaeser muss erstens nachweisen, dass er alles getan hat, um die Lieferung auf die Krim zu verhindern. Schon jetzt hört man im Umkreis der Bundesregierung, der Konzern habe wohl viel zu spät auf die ersten Anzeichen der russischen Aktion reagiert. Zweitens muss Kaeser jetzt wenigstens dafür sorgen, dass sich keine Siemens-Mitarbeiter an der geplanten Inbetriebnahme des Kraftwerks auf der Krim beteiligen. Der Konzern betreibt mehrere Joint-Ventures mit russischen Partnern, die in die ganze Affäre verstrickt werden könnten. Last but not least: Kaeser kann in Russland nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, wenn er nicht die internationale Glaubwürdigkeit des Konzerns aufs Spiel setzen will.

Bisher hat Siemens nur eine Klage gegen den russischen Besteller der Turbinen eingereicht. Das ist nicht mehr als eine symbolische Maßnahme. Vor einem russischen Gericht sind die Chancen gleich Null, den entsprechenden Vertrag rückabzuwickeln. Siemens müsste also einen äußerst langwierigen Prozess vor internationalen Gerichten anzetteln. Aber könnte der Konzern währenddessen einfach andere Geschäfte mit Russland machen, als ob nichts geschehen wäre? Auf die Antwort aus München darf man gespannt sein.

Ein Fazit kann man aber bereits ziehen: Deutsche Konzerne, die sich etwas auf ihre angeblichen Sonderbeziehungen mit dem Kreml einbilden, sollten nach der Siemens-Blamage endlich aufwachen. Das Putin-Regime ist eben doch kein ganz normaler Geschäftspartner.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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