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Wie Siemens die Geschichte verbiegt

, Bernd Ziesemer

Zum 200. Geburtstag des Unternehmensgründers präsentiert sich der Münchner Konzern, wie er gern sein möchte – aber nicht ist. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Jeder legt sich im Laufe der Zeit eine Geschichte zurecht, die er irgendwann für sein eigenes Leben hält. Diese Erkenntnis trifft nicht nur auf uns sterbliche Menschen zu, sondern auch auf Unternehmen. Der britische Historiker Eric Habsbawm hat das die „Erfindung der Tradition“ genannt. In der Regel entwickelt sich diese erfundene Vergangenheit in Konzernen nicht durch plumpe Geschichtsfälschung, sondern geschicktes Weglassen des nicht mehr Erwünschten und eine neue Interpretation früherer Ereignisse.

Unter den großen deutschen Unternehmen gibt es viele Beispiele dafür. Beim Thyssenkrupp-Konzern schiebt sich beispielsweise die Kruppsche Traditionslinie immer mehr in den Vordergrund und verdrängt die Erinnerung an den viel erfolgreicheren Vorgänger Thyssen weitgehend aus den Annalen. Oder Beispiel Commerzbank: Wer erinnert sich noch an die Fusion mit der Dresdner Bank, die mittlerweile völlig aus dem kollektiven Gedächtnis des Kreditinstituts getilgt wurde?

Aus "Siemens und Halske" wurde Siemens

Besonders gut kann man aber in diesen Wochen bei der Siemens AG verfolgen, wie ein Konzern seine Geschichte wieder einmal neu erfindet. Den 200. Geburtstag des Unternehmensgründers Werner von Siemens sieht Konzernchef Joe Kaeser als gute Gelegenheit, die Vergangenheit des Konzerns so zu malen, wie er den Konzern heute gern hätte: als ein einziges großes Start-up und als Inkubator neuer Ideen. Deshalb musste ein großer Festakt in Berlin samt Kanzlerin und laufender Kameras her, um Werner von Siemens als eine Art Übererfinder und technischen Obergeist zu präsentieren.

Kein Zweifel: Werner von Siemens war ein begnadeter Tüftler. Aber eben auch ein knallharter Geschäftsmann, der seinen Kompagnon Johann Georg Halske nach 20 Jahren aus dem Unternehmen drängte. Die Erinnerung an dem Mitbegründer reduziert das Unternehmen inzwischen auf einen Halbsatz. Dabei führte Halske bereits eine erfolgreiche feinmechanische Werkstatt in Berlin, als Werner von Siemens noch als Leutnant in der preußischen Artillerie diente. Nicht ohne Grund hieß das später gegründete Unternehmen der beiden Pioniere über Jahrzehnte „Siemens und Halske“.

Kaeser betreibt Legendenbildung

Noch zu seinen Lebzeiten begann die bewusste Selbststilisierung des Gründervaters Siemens als Erfinder und Techniker, der gar nicht so sehr am ökonomischen Erfolg seiner Arbeit als am langfristigen Nutzen seiner Ideen interessiert sei. Siemens positionierte sich so gegen seinen wichtigsten Konkurrenten Emil Rathenau, der sein Unternehmen AEG streckenweise viel erfolgreicher führte. Gemeinsam mit seinem Bruder Carl, einem rabiaten Antisemiten, wollte Werner von Siemens dem „Geldjuden“ Rathenau (so die Bezeichnung im Briefwechsel der beiden) geschäftlich den Garaus machen. Beim Wettrennen um Staatsaufträge half es sehr, wenn sich Siemens als enthusiastischer Techniker ohne pekuniäre Eigeninteressen darstellte und im perfiden Gegenzug Rathenau als geldgierigen Kaufmann dastehen ließ.

In der neuen Gloriole, die man in München heute um Werner von Siemens und die Vergangenheit des Konzerns rankt, gibt es selbstredend keinen Platz für solche Erinnerungen. Siemens-Chef Kaeser webt die Legende letztlich, um sich selbst zu erhöhen. Schließlich stammt die ganze Idee, den großen und immer noch sehr bürokratischen Großkonzern als einziges Start-up darzustellen, vom obersten Kommunikator selbst: von Kaeser.

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