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Preis für das peinlichste Business-Geschwafel

, Lucy Kellaway

Was Unternehmen und Manager 2016 so von sich gaben, deckt die volle Bandbreite ab: vom Euphemismus bis hin zum reinen Schwachsinn. Von Lucy Kellaway

Lächelnder Mann mit Medaillen um den Hals © Getty Images

In der vergangenen zehn Jahren habe ich immer im Januar einen Preis verliehen: den für schreckliche Sprache im Geschäftsleben. Normalerweise amüsiert mich dieses Ritual. Dieses Jahr aber empfand ich es als niederschmetternd, welche Menge an Euphemismen, verunglücktem Gebrauch von Grammatik, mangelndem Einfallsreichtum oder schlichter Abscheulichkeit im Umlauf war. Ich habe deshalb beschlossen, meine 2016 „Golden Flannel Awards“ (Goldenen-Schwafel-Preise) mit einer Aufmunterung zu starten: dem Preis für Klarheit.

Ich nenne ihn den „Wan Long Preis“– nach dem chinesischen Fleisch-Magnaten, der einst den deutlichsten Satz gesagt hat, den je ein CEO von sich gegeben hat: „Was ich tue ist, Schweine töten und Fleisch verkaufen.“ Wan wird mit meiner Wahl eines weiteren Siegers sicher einverstanden sein. Es handelt sich um einen Vertreter der amerikanischen BNSF Railway Company, der auf einer Konferenz erklärte: „Wir bewegen Dinge von einem Ort zum anderen.“ Dieser Satz ist elegant, informativ und beinahe schön – und er ruft uns in Erinnerung, dass trotz all dem Schrecklichen, was nun kommt, Klarheit möglich ist.

Ich habe einmal geglaubt, Geschwafel sei ein Produkt des Scheiterns und der Mittelmäßigkeit. Dass es existiert, weil die Wahrheit zu sehr schmerzt oder es den Managern zu viel Mühe bereitete, die Wahrheit herauszufinden. Tatsächlich hat das vergangene Jahr die übliche Ernte an neuen Beschönigungen hervorgebracht, wenn es darum ging, Leute rauzuwerfen. Infosys kündigte „das ordentliche Herunterfahren von rund 3000 Personen“ an. Upworthy, ein kleines Medienunternehmen, hatte den Nerv, den Rausschmiss von 14 Leuten als „Entlassungsinvestition“ zu bezeichnen.

"Tradition ist Geschichte mit einer Zukunft"

Ansonsten hat das Jahr 2016 allerdings bewiesen, dass der ungeheuerlichste Jargon nicht ein Zeichen von Scheitern, sondern von Übererregung ist. Die Protagonisten fahrerloser Autos – das Industriesegment, das im Moment so angesagt ist, wie kein anderes – errangen die Weltspitze in der Disziplin Geschwätzigkeit. Elon Musk behauptete, „laser-konzentriert“ darauf zu sein, die volle Fähigkeit zur automatischen Steuerung zu erreichen, auf einer integrierten Plattform, mit einer um eine Größenordnung höheren Sicherheit als im Schnitt manuell gesteuerter Autos. Das heißt: Tesla-Autos sollen aufhören, Crashs zu verursachen.

Noch besser war die Frage, die Iain Roberts stellte, der Chef des Designunternehmens Ideo, und auf die ich möglichst niemals eine Antwort hören möchte: „Wie aktiviert man Insights im Zusammenhang mit latenter Mobilität oder multimodaler Bedürfnisse?“

Klarer Gewinner allerdings ist Ford-CEO Mark Fields. Er hat das Jahr mit der deprimierenden Neuigkeit begonnen, dass sein Unternehmen „sich von einem Autounternehmen in ein Autounternehmen und ein Mobilitätsunternehmen wandelt“. Fields fuhr dann mit der Erklärung fort, dass „Tradition Geschichte mit einer Zukunft ist“. Davon war er so entzückt, dass er es gleich mehrfach sagte. Während dieser Wiederholungen bin ich zum Schluss gekommen, dass dieser Satz weniger gnomisch (also ewig wahr) ist, denn schlichtweg schwachsinnig. Fields ist deswegen mein neuer Champion in der Disziplin Vernebelung.

"Ich hoffe, der Outreach stört Sie nicht"

Die PR-Branche überbot sich derweil mit immer modischeren Beschreibungen für die grundlegenden Tätigkeiten des Emailens, Sprechens und Treffens. Dazu gehörte: „Ich möchte auf Ihren Radar springen“ (keine gute Idee, denn Radargeräte zerbrechen, wenn man auf sie springt) und „lassen Sie uns einen Zeitpunkt finden, um uns zu verbinden und gegenseitig upzudaten.“ Mein Lieblingszitat kommt von einem PR-Mitarbeiter namens Michael, der schrieb: „Ich hoffe, der Outreach stört Sie nicht.“ Doch, es stört mich, tut mir leid. „Reach out“ (Kontakt aufnehmen) war mir immer verhasst, aber es zum Substantiv zu machen und die Wortfolge umzudrehen, macht es nicht besser. Michael, Du hast den Preis für die Kommunikationsbranche gewonnen.

Dann wäre da noch die faszinierende Wiederkehr der „unfeigned regards“ (aufrichtige Grüße), die ihre letzte Blüte im 18. Jahrhundert hatten und sich nun unter E-Mails indischer Hilfsorganisationen wiederfinden. Die Gewinner-Abschiedsfloskel aber habe ich am Freitag am Ende einer E-Mail entdeckt: „Weekend well“. Ich wollte dafür schon den zweiten Preis für das beste Nomen vergeben, das vorgibt, ein Verb zu sein – dann kam in letzter Minute noch etwas Besseres. Ich hörte einen Berater sagen: Können wir das „kalt handtüchern (cold towel)?“ Er bekommt dafür den Nerb-Preis. Der Schwester-Preis für das Verb, das sich am besten als Nomen maskiert, geht an einen anderen Berater für „global touch-base“.

Siemens wiederum bricht einen Rekord, das Unternehmen bekommt gleich zwei Preise für die Umbenennung seines Gesundheitsgeschäfts in Healthineers. Erstens den Martin-Lukes-Preis für die schlimmste Kombination zweier Worte. Und zweitens die Goldmedaille für den peinlichsten Unternehmenssong aller Zeiten. Mit singendem CEO und Elasthan-ummantelten Arbeitnehmern.

Am allerliebsten vergebe ich aber den Preis für den besten Störnamen für eine gebräuchliche Bezeichnung. Vor ein paar Jahren hat Speedo die Badekappe umgetauft in ein „Haar Management System“. Letztes Jahr hat Falke noch einen draufgesetzt und Socken in „Life Performance Solutions“ umbenannt. Traurigerweise muss Falke nun runter vom Siegerpodest. Ebay ist einfach besser. Das Unternehmen, von dem ich glaubte, ich würde es ewig lieben, weil es mir meine komplette Kleidung und Wohnungsausstattung liefert, erklärte: „Wir arbeiten leidenschaftlich daran, unsere Plattform nutzbar zu machen, um Millionen Menschen zu befähigen, indem wir Wettbewerbsgleichheit schaffen.“

Bingo! In weniger als 20 Worten kombiniert dieser Satz, was die Gewinner der letzten fünf Jahre erreicht haben – und sagt dabei: nichts. Schweren Herzens verleihe ich Ebay deshalb den Goldenen Schwafel-Preis 2016.

Copyright The Financial Times Limited 2017


Lucy Kellaway ist Kolumnistin bei der Financial Times. Seit 15 Jahren schreibt sie über Managementthemen und den BüroalltagLucy Kellaway schreibt über Managementthemen und den Büroalltag. Die langjährige FT-Kolumnistin wird die Finanzzeitung verlassen und ab Sommer als Lehrerin arbeiten (Foto: © Picture Press)



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