• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Kolumne

Das System Reitzle bei Linde

, Bernd Ziesemer

Bei Linde führt der Aufsichtsratschef faktisch den Konzern. Eine gute Unternehmenskultur sieht anders aus. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Man muss sich das alles auf der Zunge zergehen lassen: Der frühere Finanzchef? Vom Hof gejagt. Der bisherige CEO? Vor Vertragsende über Nacht ausgeschieden. Sein Nachfolger? Ein bereits pensionierter Vorstand, der unter normalen Umständen niemals ans Ruder gekommen wäre. Was in den letzten Wochen und Tagen bei der Linde AG passiert, sucht seinesgleichen in der deutschen Wirtschaft. Schließlich reden wir nicht über einen Krisenkonzern, sondern ein funktionierendes und immer noch hoch profitables Unternehmen. Doch bei Linde gelten andere Maßstäbe: Der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Reitzle führt faktisch den Konzern. Um jeden Preis will der ehrgeizige Manager im zweiten Anlauf den Zusammenschluss mit dem amerikanischen Wettbewerber Praxair durchdrücken – und wirft dabei alle Regeln guter Unternehmensführung über den Haufen.

Viele Medien haben die Vorgänge im Linde-Konzern als „Chaos“ beschrieben. Doch diese Beschreibung führt völlig in die Irre. Reitzle macht alles, was er macht, eiskalt und zielgerichtet. Für ihn heiligt der Zweck die Mittel. Corporate Governance? Gilt nicht mehr, wenn es um das große Ziel geht. Respekt für führende Mitarbeiter? Kennt Reitzle nicht. Gewaltenteilung? Ist für ihn entbehrlich. Checks and Balances im Unternehmen? Braucht er nicht.

Reitzle regiert selbstherrlich

Sicherlich gelten bei einer großen Fusion oder Übernahme besondere Regeln. Der Aufsichtsratsvorsitzende spielt dabei eine größere Rolle als im unternehmerischen Normalbetrieb. Auch in vielen anderen Konzernen konnte man es beobachten – zum Beispiel bei Bayer: Aufsichtsratschef Werner Wenning schaltet sich aktiv in die Verhandlungen mit Monsanto ein und berät sich teilweise im Tagestakt mit seinem Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann. Allerdings käme Wenning wohl niemals auf die Idee, dem operativen Management die ganze Übernahme aus der Hand zu nehmen. Das System Reitzle funktioniert ganz anders als bei Bayer.

Beim Betonriesen Lafarge-Holcim schöpfte Reitzle zwei Jahre lang die Möglichkeiten der Schweizer Corporate Governance bis ans Limit aus. Als Präsident des Verwaltungsrats konnte der Deutsche in einem Maße selbstherrlich regieren, wie das im dualen System deutscher Unternehmensführung nicht vorgesehen ist. Trotzdem versucht Reitzle bei Linde, den Konzern auf ähnliche Weise zu regieren wie ein Verwaltungsratschef in unserem Nachbarland.

Macht korrumpiert

Und die anderen Aufsichtsräte? Für die Kapitalseite gilt: Man ist so geblendet von den Versprechungen Reitzles, die Gewinne in neue Dimensionen zu treiben, dass niemand aufbegehrt. Und für die Arbeitnehmerbank kann man sagen: Die Aufsichtsräte mit Gewerkschaftsbuch konzentrieren sich ganz darauf, im Zuge der Fusion mit Praxair möglichst viele Arbeitsplätze in Deutschland zu retten. Alles andere ist ihnen offenbar egal.

Kurzfristig könnte die Brachialoperation Reitzles durchaus erfolgreich sein. Ein zweites Scheitern der Fusionsgespräche ist eher unwahrscheinlich. Und die Logik des Zusammenschlusses ist nicht falsch. Langfristig aber stellt sich die Frage, ob Linde unter dem Sonnenkönig Reitzle jemals wieder wie ein normaler Konzern mit normaler Arbeitsteilung zwischen Aufsichtsrat und Vorstand arbeiten kann. Es gilt die alte Maxime: Macht korrumpiert – und absolute Macht korrumpiert absolut.

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen:


Artikel zum Thema

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.