• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Unternehmen

Google in der Gleichstellungsfalle

, Aliya Ram, Financial Times

Google-Chef Pichai feuert einen Ingenieur - wegen Diskriminierung. Jetzt machen Rechte Stimmung gegen das Unternehmen. Von Aliya Ram

Sundar Pichai © Getty Images
Google-Chef Sundar Pichai sah sich zum Handeln gezwungen

Dass ihn seine erste große Herausforderung als Google-Chef in das Fadenkreuz der Alt-Right Media-Webseite Breitbart bringen würde, hätte sich Sundar Pichai wahrscheinlich nicht träumen lassen. Der indische Ingenieur, dessen Aufstieg an die Spitze der weltgrößten Internetfirma außerhalb Googles weitgehend unbemerkt geblieben war, hat eine Tugend daraus gemacht, öffentliche Konfrontationen zu vermeiden. Von seinem Charakter her ist Pichai ein Vermittler, der anders als die Google-Gründer keinen Hang hat, Konventionen infrage zu stellen, auch wenn das Ärger mit sich bringt.

In dieser Woche handelte Pichai aber schnell, um eine Kontroverse zu beenden, die seine Firma zu verschlingen drohte – und dabei fand er sich mitten in einer der heftigsten Debatten des Silicon Valley wider.

Der Sturm braute sich über das Wochenende zusammen, nachdem ein 3500-Wörter umfassendes internes Memo eines Google-Ingenieurs in die Öffentlichkeit gelangt war. Der Autor James Damore wirft dem Unternehmen in dem Papier vor, eine „ideologische Echokammer“ zu schaffen, in der ehrliche Debatten über sensible Themen verboten sind. Die umstrittene Position des Autors: Wegen biologischer Unterschiede seien Männer besser für Ingenieur- und Führungspositionen in der Tech-Industrie geeignet als Frauen.

Geschlechterkluft im Silicon Valley

Am Montag wurde Damore gefeuert. Aber die Kontroverse lässt sich nicht so schnell beilegen. Pichai steckte in der unangenehmen Lage, über eine brisante Frage entscheiden zu müssen, die die Google-Ingenieure entzweit. Und der Fall wirft erneut ein Schlaglicht auf die Geschlechterkluft im Silicon Valley – er berührt einen empfindlichen Nerv von Google und der gesamten Tech-Branche.

Für seine rechten Kritiker ist Pichai in die klassische liberale Falle getappt, in dem er das Recht auf freie Meinungsäußerung der political correctness opfert. Und um die Sache noch schlimmer zu machen, habe er versucht, eine Debatte zu unterdrücken, die angeblich im Namen der Wissenschaft geführt wurde. Für ein Unternehmen, das stolz ist auf seine offene Art der internen Kommunikation und kompromisslose Hingabe für die intellektuelle Rigorosität, war die Entscheidung nicht einfach.

Damore, der vor seiner Zeit bei Google an einem Doktorandenprogramm in Systembiologie an der Harvard University teilgenommen hatte, stellte seinen Fall mit der leidenschaftslosen Distanz eines Wissenschaftlers dar. „Ich stelle nur fest, dass die Verteilung der Präferenzen und Fähigkeiten von Männern und Frauen zum Teil wegen biologischer Ursachen unterschiedlich ist und dass diese Unterschiede erklären können, warum wir keine gleichberechtigte Vertretung von Frauen in Tech und Führung haben“, schrieb er.

Breitbart attackiert "linke" Manager

Seine Unterstützer eilten schnell zu seiner Verteidigung herbei. Eric Weinstein, Geschäftsführer von Thiel Capital – der Investmentgesellschaft von Peter Thiel, einem erklärten Anhänger von Präsident Donald Trump im Silicon Valley – fasste auf Twitter die Argumente zusammen: „Ich glaube, Google hat einen Biologen gefeuert und damit ein unsicheres Arbeitsumfeld für *jeden* geschaffen, der an Unterschiede bei Menschen glaubt.“ In einem anderen direkt an Google adressierten Tweet fügte er hinzu: „Hört auf, den Frauen beizubringen, dass ihr Weg zur finanziellen Freiheit nicht über das Programmieren führt, sondern über eine Beschwerde an die Personalabteilung.“

Damore fasste seine eigene Kündigung in einer kurzen E-Mail an Breitbart zusammen: „Sie haben mich wegen des ‚Festhaltens an Geschlechterstereotypen’ gefeuert.“ Er behauptete auch, dass viele Kollegen ihn unterstützen würden, obwohl die öffentlich zugänglichen Kommentare von Google-Mitarbeitern mehrheitlich gegen ihn waren.

Breitbart stieg schnell auf die Geschichte ein, um ein Unternehmen zu treffen, das für seine liberale Haltung bekannt ist. „Die sozialen Gerechtigkeitskrieger von Google legen eine schwarze Liste mit Falschdenkern an“, lautete eine Schlagzeile. „Linken“ Managern wurde vorgeworfen, sie hätten Listen mit Mitarbeitern angelegt, deren Ansichten sie für inakzeptabel hielten.

Verstoß gegen Googles Verhaltenskodex

Für Pichai machte Damores inakzeptable Herabwürdigung einer ganzen Gruppe von Google-Mitarbeitern ein sofortiges Einschreiten notwendig. Zu behaupten, ein Teil der Mitarbeiter verfüge über Merkmale, die sie biologisch weniger fähig für die Arbeit bei Google machten, sei „beleidigend und nicht okay“, schrieb er am Montag in einer E-Mail an die Mitarbeiter. Wer solche Ansichten verbreite, verletze den Verhaltenskodex von Google, der die Mitarbeiter verpflichte, „eine Arbeitsplatzkultur zu unterstützen, die frei von Belästigung, Einschüchterung, Vorurteilen und rechtswidriger Diskriminierung ist“.

Er mag auch den Streit bei Uber im Kopf gehabt haben bei seinem Versuch die Kontroverse zu beenden. Anfang dieses Jahres warf eine Ingenieurin des Fahrdienstes dem Management in einem Memo vor, die Augen vor anhaltenden sexuellen Belästigungen zu verschließen. Angesichts seines eigenen brisanten Memos über Geschlechterfragen wollte sich Pichai nicht mit ähnlichen Vorwürfen konfrontiert sehen.

Wegen des wachsenden Unmuts im Unternehmen, blieb ihm wohl kaum eine Wahl. Angesichts der zunehmenden Angriffe von rechts am Dienstag, musste er eine Haltung einnehmen, die ihm nicht lieb sein kann.

Copyright The Financial Times Limited 2017

Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen:


Artikel zum Thema