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  • Gastkommentar

Unheimliche neue Arbeitswelt

, Frank Rieger

Die Welt steht vor einer neuen industriellen Revolution: Roboter und Software werden die menschliche Arbeitskraft verdrängen. Eine Debatte über die Folgen für die Arbeitswelt ist unausweichlich. Von Frank Rieger

Frank Rieger © ddp images
Frank Rieger, Autor und Sprecher des Chaos Computer Clubs

Auf dem Bauernhof kümmern sich tüchtige Menschen in Gummistiefeln um ihre Tiere, sähen und ernten das Getreide. Die Kühe stehen auf der Weide und werden abends gemolken. So haben wir es aus den Bilderbüchern unserer Kindheit gelernt, so lernen es auch unsere Kinder. In Wahrheit stehen die Kühe heute meist in einem halbautomatisierten Stall und werden von Melkrobotern gemolken, die sie selbst aufsuchen. Aussaat und Ernte des Korns werden mit Hilfe von hochtechnisierten Maschinenparks bewältigt.

Arbeiten, für die früher dutzende oder hunderte Landarbeiter nötig waren, bringen heute nur noch vergleichsweise wenige Menschen in Lohn und Brot. Automatisierte Mühlen und Backfabriken verarbeiten das Korn zu Brot. Der Mensch ist oft nur noch für die Überwachung und Wartung der computerisierten Maschinen nötig – und für Tätigkeiten, für die Roboter derzeit noch zu ungeschickt oder teuer sind. An der Entstehung von etwas so Alltäglichem wie Brot ist der Mensch nur noch am Rande beteiligt.

Dass überall Maschinen im Einsatz sind, dass vieles automatisch läuft, dass selbst im Stall und auf dem Feld eine ausgeklügelte computergesteuerte Logistik gar nicht mehr wegzudenken ist, wird noch von traditionellen Bildern überstrahlt – oder wir blenden es aus. Die moderne Welt erscheint uns oft komplex, verwirrend, in ihren Mechanismen nahezu undurchschaubar. Wir leben mit einer abstrakten, vereinfachten Vorstellung von Zusammenhängen und Abhängigkeiten, die wir ganz wesentlich aus dem vorigen Jahrhundert herübergerettet haben. Es war die Zeit vor der flächendeckenden Vernetzung, Integration und Digitalisierung von Produktions- und Informationssystemen, die sich um den gesamten Globus erstrecken, getrieben von einem unablässigen Drang nach Beschleunigung aller Abläufe und Geschehnisse.

Schwer durchschaubares Geflecht

Robot Baxter © Laif
Der Industrieroboter Baxter hat ein Gesicht

Wir können höchstens noch erahnen, wie unsere Zivilisation tatsächlich funktioniert, wie fundamental die Durchdringung mit digitalen Technologien die Grundstrukturen des Lebens der Menschen und von Wirtschaft und Gesellschaft verändert. Das reicht von Produktion über Logistik und Geschäftsmodellen bis zu neuen Machtkonzentrationen und der Art, wie Menschen arbeiten, leben, kommunizieren und Beziehungen pflegen.

Ignorant zu bleiben, wird uns einfach gemacht: Die Fassaden sind schließlich gleich oder zumindest erkennbar geblieben, obwohl sich die dahinterliegenden Mechanismen grundlegend gewandelt haben. Der Ort, an dem wir unsere Brötchen kaufen, hat immer noch entfernte Ähnlichkeit mit einem Bäcker. Er ist jedoch nur das sichtbare Glied in einer langen Kette von Abläufen und Prozessen, die bei der Ernte und Verarbeitung durch Maschinen beginnen und nicht mehr viel mit dem althergebrachten Handwerk zu tun haben – von der industriellen Fertigung der Zutaten über vollautomatische Backstraßen bis zum strukturierten Franchise-Vertrieb mit algorithmenbasierter Verkaufsoptimierung und Logistik. Dahinter zu blicken, zu verstehen, wovon wir eigentlich abhängig sind und welche komplexen Algorithmen, Mechanismen und Technologien unser Leben und unsere Arbeitswelt dominieren, ohne dass wir uns dessen bewusst sind, ist nicht immer einfach, aber stets spannend.

Für Kinder gibt es "Wie funktioniert das?"-Bücher und die Sendung mit der Maus, mit deren Hilfe sie lernen können, warum der Himmel blau ist, wie die Streifen in die Zahnpasta kommen und warum Flugzeuge fliegen. Erwachsene müssen sich jedoch ihr eigenes Bild einer sich rasant verändernden Welt mühsam zusammenstoppeln, aus widersprüchlichen Büchern und Medienberichten, die oft nur einen begrenzten, spezifischen Blickwinkel offerieren. Was fehlt, ist der Versuch, ein systematisches Bild zu skizzieren, die Zusammenhänge zu erklären, die tatsächlichen neuen Mechanismen mit Hilfe verständlicher Analogien zu beleuchten und erfassbar zu machen.

Je mehr die komplexen Systeme wanken und Risse zeigen, durch Finanzkrisen, Klimawandel und absehbare Rohstoff- und Energieknappheit, desto wichtiger wird es, zu verstehen, wovon wir abhängig sind – oftmals ohne es zu wissen. Das Buch (Arbeitsfrei: Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen; Anm. der Redaktion) soll diese Lücke schließen helfen, indem es dem auf den ersten Blick alltäglichsten, einfachsten Lebensmittel folgt: Brot.

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Mensch gegen Maschine

Beleuchtet werden nicht nur die strukturellen Zusammenhänge, die technischen Prinzipien, Funktionsweisen und Abhängigkeiten beim Entstehen eines Grundnahrungsmittels. Es geht vor allem auch um die Menschen, die ihre Rollen in technisierten Systemen ausfüllen, mehr und mehr in Konkurrenz zu den Maschinen stehend, die immer komplexere Tätigkeiten übernehmen können. Die menschliche Arbeit ordnet sich dem Takt der Maschinen und Algorithmen unter, der das weltumspannende Gefüge am Laufen hält. Der Speditionsfahrer, dem der Fahrtroutenplanungsalgorithmus einen kaum zu bewältigenden Zeitplan aufnötigt, befindet sich genauso in einer unfreiwilligen Symbiose mit den Maschinen wie der Einpacker am Ende der Backstraße, der im Laufschritt seine von einer Software erzeugte Packliste abarbeitet.

Diese Veränderung der Arbeitswelt hat gravierende Auswirkungen. Tätigkeiten, die digital erfassbar und berechenbar sind, mutieren zwangsläufig zu Niedriglohnberufen mit immer höherem Zeitdruck. Und zunehmend sind es auch die geistigen Tätigkeiten, die bisher eine unangreifbare Domäne des menschlichen Gehirns zu sein schienen, die nun effizienter von Computern erledigt werden können – auch in Bereichen, deren Berechenbarkeit lange Jahre nicht nahelag. Die nächste industrielle Revolution geschieht vor unseren Augen, doch oft nehmen wir ihre Effekte isoliert wahr, können nicht sicher ausmachen, wohin die Entwicklung geht. Die technologischen Durchbrüche geschehen in schneller Folge auf vielen, auf den ersten Blick unzusammenhängenden Feldern. In ihrer Kombination entsteht jedoch das Bild einer Wirtschaft mit dem Menschen als bloßen Randfiguren.

Das Nachdenken darüber, wer eigentlich von den Früchten der technologischen Umwälzungen profitiert, hat erst leise und zaghaft begonnen. Noch scheint in Deutschland die Arbeitslosenquote zu sinken, die Wirtschaft zu brummen. Und doch ist die überwiegende Mehrzahl der neu entstehenden Jobs unterbezahlt, die Verträge befristet und schnell kündbar. Die tatsächlichen Hürden, viele dieser Arbeitsplätze wegzuautomatisieren, sind nur gering. Globalisierung, Berechenbarkeit und Effizienzoptimierung haben den Menschen austauschbar und ersetzbar gemacht.

Outsourcing und die Optimierung der Produktionsprozesse auf Austauschbarkeit und Verlagerbarkeit haben das Feld für Software und Roboter bereitet. Auch geistige Arbeitsprozesse werden digitalisiert, Quellen und Ergebnis der Tätigkeit sind längst Dateien – seien es Texte, Visualisierungen oder Analysen. Um einfache geistige Tätigkeiten von Menschen zu ersetzen, sind heute keine teuren Investitionen in Maschinen mehr nötig. Lediglich der Mensch vor dem Bildschirm wird durch bessere Software im Inneren des Computers ersetzt.

Wie werden wir künftig arbeiten?

Deutlich wird schon jetzt, dass der Mensch als manueller Arbeiter bereits seit längerem der Verlierer im großen Rennen gegen die Maschinen ist. Noch bauen nicht Roboter neue Roboter. Der Mensch ist derzeit noch unersetzlich. Zwangsläufig entstehen jedoch neue Symbiosen. Wo heute noch Roboter abgezirkelt in Sicherheitskäfigen werkeln, werden demnächst Mensch und Maschine unmittelbar Seite an Seite arbeiten. In verschiedenen Forschungseinrichtungen und Pilotversuchen wird diese neue Form der Zusammenarbeit derzeit erprobt – ein Ausblick in die Zukunft.

Das neue Bild der digitalen Welt, ausgeleuchtet an einem einfachen, alltäglichen Beispiel, provoziert zum Nachdenken und Debattieren darüber, ob, wie und was wir morgen arbeiten werden. Die kommenden Umbrüche und Verwerfungen aber auch die Potentiale und Ideen für ein neues, positives Verhältnis zu unseren Maschinen und der produktiven Symbiose mit ihnen bedürfen einer umfassenden gesellschaftlichen Diskussion. Unsere Kinder müssen bald wissen, was sie lernen und studieren sollen, welche Tätigkeiten und Berufe "automatisierungssicher" bleiben – zumindest vorerst.

Der politische Diskurs darüber, wie eine Gesellschaft aussehen kann, in der es vielleicht nur noch für 30 Prozent der Menschen Arbeit in unserem heutigen Verständnis gibt wird sich auch um die Frage drehen, wie der Gewinn aus den Produktivitätssteigerungen – die Automatisierungsdividende – verteilt werden kann und soll. Dass eine Marktwirtschaft kaum funktionieren kann, wenn es für einen Großteil der Menschen kein gesichertes Einkommen in unserem heutigen Sinne mehr gibt, weil ihr Stundenlohn vom steil fallenden Preis maschineller Arbeit gedrückt wird, macht diese Diskussion unausweichlich. Die Fragen werden nicht einfach zu beantworten sein, schon allein, weil sie an lange liebgewonnene Grundüberzeugungen rühren. Wir sollten die Debatte jedoch jetzt beginnen, sie wird die Wirtschafts-, Sozial- und Fiskal-Politik der nächsten Jahre ohnehin bestimmen.

Mehr zum Thema: Technologien mit Durchschlagskraft und Seid Visionäre!

Von Frank Rieger und Constanze Kurz ist vor kurzem erschienen: "Arbeitsfrei: Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen", Riemann 

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Fotos: © ddp; Laif


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