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Die Start-up-Party ist noch nicht vorbei

, Martin Kaelble

Nicht die vereinzelten Pleiten sind ein Problem für die deutsche Start-up-Szene, sondern der Umgang damit. Von Martin Kaelble

Martin Kaelble © Trevor Good
Martin Kaelble schreibt an dieser Stelle über Makro- und Techtrends aus der Weltwirtschaft

Der Trick funktioniert immer: Wer als Erster einen Hype für tot erklärt, erntet dafür Aufmerksamkeit. Ein Artikel in der Wirtschaftswoche hat das Ende des Start-up-Booms in Berlin ausgerufen - und sorgte damit dieser Tage für ordentlich Aufruhr in der deutschen Start-up-Szene. Die ganze Debatte zeigt das eigentliche Problem für junge Unternehmer in Deutschland.

Nach mehreren Jahren des Start-up-Booms in Deutschland gibt es nun auch Fälle des Scheiterns. Wenn einige Jahre viele Firmen sprießen, dann kommt nach zwei, drei Jahren für einige die Stunde der Wahrheit - und manche gehen dann eben wieder ein.

Die entscheidende Frage dabei ist: Akzeptiert man Pleiten von Start-ups als Teil des Spiels?

Die einfache Wahrheit über die Berliner Internet-Szene ist: Einige haben es geschafft, einige haben es nicht geschafft. So läuft es eben. Jetzt kann man sich die Gescheiterten selektiv herauspicken und eine große Negativ-Story daraus machen. Damit wird man in Deutschland viele Leute abholen, die kopfnickend sagen: „Siehst Du, habe ich doch von Anfang an gesagt, dass das alles eine Blase ist.“

Scheitern als Schandfleck

Scheitern ist hierzulande eine pikante Angelegenheit. Insolvenzen sind ein Schandfleck für Unternehmer - ein Tabuthema. Im Silicon Valley ist das anders: Man lernt daraus, und beim nächsten Mal klappt es dann vielleicht. Dafür gibt es genug Beispiele. Bill Gates scheiterte mit seinem automatisierten Verkehrszähler Traf-O-Data. Amazon-Gründer Jeff Bezos musste seinen Dienst Amazon Auctions schnell wieder einstellen. Elon Musk war mit dem Elektroauto-Hersteller Tesla 2008 quasi pleite. Nicht umsonst sagen viele: Die wichtigste Fähigkeit eines Unternehmers ist es, nach Niederlagen schnell wieder aufzustehen.

Hier liegt der entscheidende Punkt: Es braucht in Deutschland einen anderen Umgang mit dem Scheitern. Ein Ökosystem, dass jede Start-up-Pleite unters Brennglas legt, ist kein guter Nährboden für Unternehmertum.

Denn die Wahrheit ist: Für jedes Facebook das im Silicon Valley entstanden ist, gab es mehrere andere Start-ups, die auf dem Weg eingegangen sind. Wagniskapitalgeber kalkulieren das fest ein. Nur so funktioniert eine Start-up-Kultur. Das ist übrigens in natürlichen Ökosystemen, in der Evolution nicht viel anders. Nicht jede Spezies setzt sich durch, die irgendwann mal das Licht der Welt erblickt hat. Aber es braucht den Nährboden, dass erst einmal viele Varianten sprießen können.

Das Risikokapital fehlt

Zurück zur deutschen Start-up-Szene: Natürlich gibt es Probleme in dem noch jungen Ökosystem Deutschland. Es ist wahr, dass im Inkubator-Bereich Ernüchterung eingekehrt ist. Einige der Firmenwerften haben hier nach ein paar Jahren nicht ausreichende Erfolge produziert. (Wobei interessanterweise an Konzerne angeschlossene Inkubatoren gleichzeitig einen Hype erfahren – aber das ist eine andere Geschichte.)

Es ist wahr, dass sich nach viel Wachstum in der Frühphase von Firmen nun die Frage stellt: Gibt es für all diese Sprösslinge eine genügende Anschlussfinanzierung? Hier hat das deutsche Ökosystem tatsächlich ein Problem. Bislang springen sehr viele Venture-Capital-Firmen aus dem Ausland in die Bresche. Aber es fehlt an Wagniskapital in Deutschland.

Doch unterm Strich muss deswegen die Party nicht gleich vorbei sein. Und schon gar nicht, weil einige Start-ups auf dem Weg Pleite gehen.

Dass dazu auch mal etwas prominentere Beispiele wie Amen oder Gidsy, Wahwah oder MyParfum gehören, gehört eben auch dazu. Ein Zalando ist wohlgemerkt nicht darunter. Und zugleich steht diesen gescheiterten (und finanziell nicht besonders relevanten) Fällen eine Reihe an jungen Firmen gegenüber, die in den vergangenen Monaten mit sehr viel Geld für weiteres Wachstum ausgestattet wurden – Researchgate, 6wunderkinder, Soundcloud, Deliveryhero. Sie haben die Chance den nächsten Schritt zu machen.

Ob das deutsche Ökosystem als Ganzes den nächsten Schritt macht, hängt derweil auch davon ab, ob wir hierzulande einen anderen Umgang mit unternehmerischem Scheitern entwickeln.

E-Mail: Kaelble.Martin@capital.de

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