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  • Gastkommentar

The Wolf of Wolfsburg

, Nils Röper

Kein Frage, die Abgasmanipulationen sind ein Skandal. Das Insider-System bei Volkswagen steht aber zu Unrecht am Pranger. Von Nils Röper

VW-Logo
Schlechtes Image: Durch den Abgasskandal ruiniert Volkswagen seinen guten Ruf

Nils Röper ist politischer Ökonom an der University of Oxford, Department of Politics and International RelationsNils Röper ist politischer Ökonom an der University of Oxford, Department of Politics and International Relations

 


Auch wenn das Ende des Volkswagen Skandals noch offen ist, steht die Moral der Geschichte in Hollywood längst fest. Das von „New York Times“-Korrespondent Jack Ewing noch zu schreibende Buch, an dem sich Leonardo DiCaprio die Rechte gesichert hat, wird ein Betrugsthriller über gierige Manager, die von der Obsession getrieben, größter Automobilhersteller der Welt zu werden, vor nichts zurückschreckten.

Das moralische Versagen der VW Führung und nun wohl auch bei Porsche steht dabei nach aktuellem Kenntnisstand zu Recht am Pranger. Dass angloamerikanische Beobachter die Ursachen für Raffgier jedoch am Wolfsburger System der Unternehmensführung festmachen, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Schließlich gilt dieses von Insidern dominierte System als Gegenentwurf zum Finanzkapitalismus, dem Inbegriff von Habgier à la Wolf of Wall Street (in dem DiCaprio die Hauptrolle spielte). Diesem scheinbaren Widerspruch liegt eine irreführende Vermengung in der Debatte zugrunde: Unternehmenskultur und das System der Unternehmensführung sind zwei Paar Schuhe.

Die hiesige wie internationale Presse sucht im System der Wolfsburger Unternehmensführung die Ursache für den Dieselbetrug. Das Land Niedersachsen als staatlicher Großeigentümer, starke Gewerkschaften und noch stärkere Unternehmerfamilien gelten als Nährboden für Klüngel und mangelhafte Transparenz. Wenn man die Bücher nicht für externe Investoren öffnen muss, könne vieles unter den Teppich gekehrt werden. Die „Financial Times“ fordert angesichts der Skandal durchzogenen Konzerngeschichte und der im Branchenvergleich historisch unterbewerteten VW-Aktie gleich eine Generalüberholung der gesamten Unternehmensstruktur.

das angloamerikanische Modell ist kein Allheilmittel

Diese Argumente erinnern an die Diskussionen über das Ende der sogenannten „Deutschland AG“ in den 90er-Jahren. Personal- und Kapitalverflechtungen zwischen den großen Unternehmen und Banken machten die deutsche Wirtschaft international zum gescholtenen Prototyp des Insidersystems. Forderungen aus der Finanzwirtschaft zur Liberalisierung von Kapitalmärkten und Unternehmensführung fanden angesichts von Globalisierungsunsicherheiten, lahmender Konjunktur und öffentlichkeitswirksamen Unternehmensskandalen im gesamten Parteienspektrum Gehör. Shareholder Value wurde rasch zum neuen Management-Mantra, das durch Telekom-„Volksaktien“ und New-Economy-Aktienfieber auch bei Kleinanlegern Anklang fand. Dem alten Insidersystem sollte der Garaus gemacht werden.

Schnell zeigte sich jedoch, dass auch das angloamerikanische Modell mit breitem Aktienbesitz, viel Transparenz und hohem Marktdruck kein Allheilmittel ist. Daimler galt als Vorreiter des deutschen Shareholder Value und musste das Abenteuer Chrysler teuer bezahlen. Der Absturz des Neuen Marktes und der Telekom-Aktie trafen viele Kleinanleger empfindlich und trieben sie zurück zu Sparbüchern und Bundesschatzbriefen. Selbst Geburtshelfer der deutschen Finanzliberalisierung wie der ehemalige Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer, beklagten bald einen überhasteten Abschied vom alten Modell des „Rheinischen Kapitalismus“.

Es stellte sich heraus, dass das alte Insidersystem auch einen Wettbewerbsvorteil bedeutete, nämlich geduldiges Kapital. Der ständige Druck von externen Investoren und der Druck in Quartalszahlen denken zu müssen, steht langfristigen Investitionen zuwider. Es ist daher wenig verwunderlich, dass gerade ein weiterhin von Insidern geführtes Unternehmen wie VW den weltweit größten Forschungs- und Entwicklungsetat aufweist. Häufig wird übersehen, dass Volkswagen eben aufgrund seiner Eigentümerstruktur – gerade einmal zwölf Prozent der Aktien befinden sich im Streubesitz – das Privileg genießt, nicht gleichermaßen abhängig vom Kapitalmarkt zu sein. Dieses unzeitgemäß wirkende Insidermodell ist Teil der Erklärung, warum VW weiterhin in Deutschland produziert (wenn auch rückläufig), hohe Löhne zahlt und trotzdem zeitweise zum größten Automobilhersteller der Welt reifen konnte.

[Seitenwechsel]

Transparenz verhindert kein Fehlverhalten

Forderungen nach Transparenz klingen natürlich immer gut. Doch in diesem Fall gilt es zu unterscheiden: Transparenz gegenüber wem? „Gute“ Unternehmensführung wird in Rankings und der Berichterstattung häufig mit hoher Transparenz gleichgesetzt. Mehr Transparenz durch detailliertere Geschäftsberichte hilft Investoren dabei ein Unternehmen schneller bewerten zu können, was für den modernen Kapitalmarkt unabdingbar ist; unethisches Verhalten verhindert es jedoch nicht. Bilanzen sind selten die entscheidenden Indizien, mithilfe derer Aufsichtsbehörden geschäftliche Entgleisungen aufdecken. So schneidet zum Beispiel die Deutsche Bank in Studien zu „guter“ Unternehmensführung im Sinne hoher Transparenz regelmäßig sehr gut ab.

Ein Investoren gegenüber intransparentes Unternehmen ist nicht gleich unprofitabel oder unethisch. In unterschiedlichen Kontexten entfalten unterschiedliche Corporate-Governance-Systeme ihre Vorzüge. Insider-Systeme sind nicht nur ein angestaubtes Relikt des Rheinischen Industriekapitalismus. Sogenannte „patient capital funds“ haben in Großbritannien in diesem Jahr zum ersten Mal klassisches Venture Capital im Finanzvolumen für Start-ups übertroffen. Langfristige Investmenthorizonte gepaart mit Rechenschaft gegenüber Insider-Investoren, lautet das Erfolgsrezept. Diese Nuancierung, das mangelnde externe Transparenz nicht gleich mangelhafte Kontrolle bedeutet, ist der derzeitigen Pauschalverurteilung des Systems VW entgegenzusetzen.

Nach der globalen Finanzkrise wurde deutlich, dass Deutschlands Stärke in der Vielfalt liegt. Gerade die Mischung aus einem erfolgreichen Mittelstand, kapitalmarktorientierten Global Playern und weiterhin unternehmergeführten Konzernen wie VW und BMW, machen das deutsche Wirtschaftsmodell aus. Unter den reichen Ländern macht das produzierende Gewerbe lediglich in Südkorea einen höheren Anteil der Wirtschaftsleistung aus. VW ist emblematisch für den so häufig gepriesen industriellen Kern der deutschen Wirtschaft, der auf der Sonnenseite der grassierenden Arbeitsmarkt-Dualisierung steht.

Systemwechsel bei VW unnötig

Jetzt ist nicht die Zeit, um apologetisch oder ökonomisch patriotisch zu sein. Der Abgasbetrug gehört verurteilt; Risiken für die Umwelt, Gesundheit, Arbeitsplätze und nicht zuletzt internationales Vertrauen wurden missbilligend in Kauf genommen. Die hohe Wahrscheinlichkeit von langjähriger Kenntnis über die Manipulationspraxis in der Unternehmensspitze und der Politik erschreckt noch zusätzlich.

Natürlich muss ein Kulturwandel her. Doch sollten Struktur und Kultur eines Unternehmens in der Debatte nicht gleichgesetzt werden. Personeller statt systemischer Veränderung muss hier die Devise lauten. Schließlich ging es unter Jack Welch, dem Pionier des Managements im Sinne transparenzbasierten Shareholder Values, kaum weniger patriarchisch zu als bei Herrn Winterkorn.

Kein Corporate-Governance-System der Welt vermag es den ehrbaren Kaufmann im Konzernformat zu garantieren. Ein Blick in die USA oder auf den vermeintlichen deutschen Musterschüler in Sachen Unternehmenstransparenz – die Deutsche Bank – zeigt, dass sich erst unter dem Schafspelz der Wolf verbirgt. Anstatt das Modell VW in Gänze zu verteufeln, gilt es zu erörtern, wie dessen Stärken mit der Prävention derartiger Skandale in Einklang gebracht werden kann. Eine tatsächlich bissbereite staatliche Aufsicht wäre ein erster Schritt.


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