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Artenschutz für Querdenker

, Anja Förster

Ohne Abweichung von der Norm ist Fortschritt unmöglich. Deshalb müssen Querdenker in Firmen Gehör finden. Von Anja Förster

Anja Förster
Anja Förster

Anja Förster ist Autorin von sieben Büchern und Vortragsrednerin auf internationalen Wirtschaftsveranstaltungen. Ihr neues Buch (gemeinsam mit Peter Kreuz) “Macht, was ihr liebt” ist Anfang März erschienen.


„Ohne Abweichung von der Norm ist Fortschritt nicht möglich.“ Das sagte einst Frank Zappa. Wenn Sie sich nun fragen, was ein zauseliger Rockmusiker in einer Wirtschaftskolumne zu suchen hat, dann möchte ich Sie daran erinnern, was für eine musikalische Ausnahmeerscheinung Zappa war. Er war einer der großen Künstler des 20. Jahrhunderts, sein Werk hatte eine ungeheure Bandbreite: Pop, Rock, Jazz, ja sogar bis hin zur so genannten „ernsten Musik“. Und egal in welchem Genre, seine Musik bestach durch ihre Kreativität. Sie war alles, außer gewöhnlich! The Times nannte Zappa in ihrem Nachruf 1993 „einen ungebärdigen und entzückend bellenden wilden Geist, der eine der innovativen Kräfte der Rockmusik war.“

Innovative Kraft – darum geht es. Seine äußerst treffende Aussage bezieht sich meiner Ansicht nach nicht nur auf die Musik, sondern auf alle gesellschaftlichen Bereiche, insbesondere auf die Wirtschaft: Auch und gerade dort ist ohne Abweichung von der Norm kein Fortschritt möglich. Wer radikal neue, in die Zukunft weisende und Wert schaffende Lösungen sucht, findet diese nicht bei seinen umsatzstärksten Kunden. Erst recht nicht bei den Marktführern in der eigenen Branche. Er findet sie auch nicht mit Hilfe seiner mustergültigsten Mitarbeiter. Wirkliche Neuerungen entstehen niemals im Mainstream, sondern immer am Rand des Geschehens.

Jenseits des Mainstreams

Das neue Buch von Anja Förster und Peter Kreuz

Dort, am Rand, an der Peripherie, finden sich soziale Systeme, Organisationen oder einzelne Personen, die in ihren Eigenschaften oder ihrem Handeln von der Norm abweichen. Sie sind es, die zunächst oft unbemerkt und gegen den Widerstand des Etablierten neue Ideen hervorbringen und sie in neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle übersetzen.

Wer den Rand zum Schweigen bringt, der raubt dem Unternehmen seine Erneuerungs- und Zukunftsfähigkeit. Deshalb ist es so wichtig für Unternehmen, Anregungen jenseits des Mainstreams systematisch aufzugreifen. Und es handelt sich dabei nicht um ein kleines Randgebiet des Innovationsmanagements. Es ist der Kern einer zukunftsorientierten und innovationsfreundlichen Unternehmenskultur.

Nun ist das von der Norm Abweichende bekanntermaßen ein ziemlich weites Feld, in dem sich allerlei Krawallmacher, Dauerdemonstrierer und Ich-bin-dagegen-aus-Prinzip-Typen tummeln. Lassen Sie uns hier ganz einfach die Spinner und Freaks ignorieren. Vergessen Sie die dreisten Aufmerksamkeitsheischer und Möchtegern-Businesspunks. Und Vorsicht auch vor den Dauerdiskutierern, deren langatmig vorgetragene Einwände und Beanstandungen mehr durch Naivität als durch Intelligenz glänzen.

Offenheit für Abweichler bewahren

Worum es mir geht, sind jene Abweichler, deren Ideen tatsächlich die Gestaltung des Neuen vorantreiben. Die Unbequemen, die wirklich dazu beitragen, dass das Unternehmen auch zukünftig erfolgreich im Markt agieren kann. Die Köpfe, die nicht so sind, wie alle anderen, die aber nicht bewusst oder unbewusst sabotieren, sondern beste Absichten haben. Ich nenne sie die „positiven Abweichler“.

Das Problem dabei: Wie erkennen Unternehmen diese „positiven Abweichler“? Und wie unterscheiden sie diese von den Spinnern, Schwätzern, Intelligenzallergikern oder den komplett Ahnungslosen? Die Verwechslungsgefahr ist groß!

Hier gibt es nur einen vernünftigen Rat: Augen auf! Hinsehen! Offen bleiben! Nicht sofort werten! Nicht sofort urteilen! Zuerst: verstehen wollen! Echtes Interesse!

Richten Sie den Blick an die Peripherie Ihrer Organisation und schauen Sie genau hin. Und vor allem: Umgeben Sie sich mit Menschen, die nicht den Mainstream repräsentieren. Ganz konkret bedeutet das: Die Querdenker, die bunten Hunde und die fröhlichen Rebellen müssen in den Unternehmen unter Artenschutz gestellt werden. Und sie müssen Gehör finden. Es muss Teil der Unternehmenskultur werden, ihre Äußerungen nicht wegzurationalisieren, sondern auf ihren Input neugierig zu sein. Sie nicht mundtot zu machen, sondern an den Konferenztisch zu holen.

Wenn es um Innovationsfähigkeit geht, lautet die zentrale Frage: Wie gelingt es Ihnen, eine Unternehmenskultur zu schaffen, die willens und in der Lage ist, von diesen Menschen zu lernen und sie nicht als boshafte Verräter des herrschenden Systems zu brandmarken? – Da gibt es eine Kur: Wählen Sie die Anfangsdosis Andersartigkeit möglichst klein. Starten Sie vielleicht mit nur einem einzigen querständigen und unbequemen Mitarbeiter. Erhöhen Sie dann schrittweise die Dosis.

Auf Ihre Gesundheit!


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