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Stahl - Tradition der Korruption

, Bernd Ziesemer

Schon wieder ein Kartellverfahren in der Stahlindustrie. Die Konzerne fallen immer wieder in die Verhaltensmuster der Vergangenheit zurück. Von Bernd Ziesemer

Bernd Ziesemer © Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Die Beamten des Bundeskartellamts rückten am frühen Morgen unter anderem bei den Deutschen Edelstahlwerken an und bei Voest Alpine. Wieder einmal stehen deutsche und ausländische Stahlunternehmen unter schwerem Kartellverdacht. Die Kette einschlägiger Verfahren ist lang – so lang wie in keiner anderen Branche. In Bochum läuft beispielsweise immer noch der Strafprozess gegen die Stahlmanager, die mit einem Schienenkartell Hunderte von Millionen Euro von der Bahn und anderen Unternehmen abgezockt hatten. Urteile fielen in den letzten Jahren gegen mehrere Stahlhändler und gegen die Hersteller von Autoblechen. 2010 kassierten 17 Stahlkonzerne Millionenstrafen für Preisabsprachen bei Bauprodukten. Das Kartell funktionierte, wie die Richter feststellten, mindestens 18 Jahre lang. Die beteiligten Konzerne trafen sich zu über 550 konspirative Treffen.

Man kann von einer Tradition der Korruption in der Stahlindustrie sprechen, die im Fall Deutschlands hundert Jahre zurückgeht. Nach dem Ersten Weltkrieg bildeten deutsche Konzerne „Notkartelle“, um die Produktionsbeschränkungen der französischen Sieger zu unterlaufen. Nach dem Zweiten Weltkrieg organisierten Krupp, Thyssen und andere Unternehmen ein Kartell, um die Demontage ihrer Fabriken durch die Alliierten zu verhindern und einen Neuanfang zu sichern. In den fünfziger Jahren kämpften die Konzerne verbissen gegen Ludwig Erhard, um ihre Kartellprivilegien für alle Zeiten festzuschreiben. Einige Sonderregeln überlebten noch Jahrzehnte. Und als es schließlich die legalen Preis- und Produktionsabsprachen nicht mehr gab, machte man eben illegal weiter. Auch Strafen in dreistelliger Millionenhöhe führten (und führen offenbar) nicht zu einem veränderten Verhalten.

Thyssen-Krupp schert aus

Ein Wandel kann nur von innen kommen – durch veränderte Unternehmenskulturen und harte Compliance-Regeln, die im Alltag auch gegen die eigenen Mitarbeiter kompromisslos durchgesetzt werden. Deutschlands größter Stahlkonzern bemüht sich seit vier Jahren, mit der Tradition der Korruption zu brechen. Unter dem neuen Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger gilt bei Thyssen-Krupp heute eine Null-Toleranz-Politik bei Verstößen gegen das Kartellrecht. Manager müssen damit rechnen, dass sie der eigene Konzern anzeigt und gnadenlos verfolgt und mit Millionenforderungen in den persönlichen Bankrott treibt.

Selten wurden Compliance-Regeln in der deutschen Industrie so hart umgesetzt wie bei Thyssen-Krupp. Man darf gespannt sein, ob der verordnete Kultur- und Mentalitätswandel funktioniert. Unter Hiesinger sind bisher keine neuen Verstöße bekannt geworden, auch wenn der Konzern immer noch an einigen Altfällen aus der Vor-Hiesinger-Ära herum laboriert. Bei der jüngsten Razzia gegen Edelstahl-Konzerne fehlte der Name Thyssen-Krupp, der früher bei fast jedem Verstoß dabei war. Man kann nur hoffen, dass es so bleibt. Denn die letzte Razzia in der Stahlindustrie war der Einsatz letzte Woche gewiss nicht.


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