• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Gastkommentar

Spieltheorie oder der ewige Sirtaki

, Frank Geilfuß

Der Blick in die griechische Geschichte zeigt verblüffende Parallelen zur heutigen Lage. Aus den historischen Pleiten des Landes lassen sich einige wichtige Lehren für die Gegenwart ziehen

Yanis Varoufakis © Getty Images
Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis im Athener Parlament

Frank Geilfuß  ist Leiter Kapitalmärkte und Anlagepolitik bei Bankhaus Löbbecke


Der ehemalige griechische Finanzminister Varoufakis hat es geschafft: Er hat zwar nicht die Schuldenprobleme seines Landes gelöst oder beachtliche Beiträge zu deren Bewältigung geleistet. In seiner kurzen Amtszeit hatte er jedoch eine Medienpräsenz, die ihn weltweit bekannter macht als alle seine Vorgänger. Sicher spielten das legere Outfit und die rebellische Rhetorik dabei eine gewisse Rolle. Ursächlich für die unerwartete Prominenz sind aber wohl auch seine vermeintlich philosophischen und spieltheoretischen Ausführungen, die wenig zu tun haben mit konkreten Vorschlägen, für die er eigentlich gewählt wurde. Das Schuldendesaster der Griechen war auf diese Art und Weise zwar nicht zu lösen. Der Verkauf eigener Bücher und die Honorare für Vorträge dürften davon jedoch nicht unerheblich profitiert haben.

Vielleicht ist die Lösung des Problems aber auch nie ernsthaft angegangen worden. Bei einem Blick in die Geschichte Griechenlands eröffnen sich verblüffende Parallelen, die den Eindruck eines jahrhundertelangen Sirtaki vermitteln. Stolz und schwermütig zugleich, sich im Kreise drehend und gestützt auf die Schultern anderer.

Die erste griechische Pleite der Neuzeit ereignete sich bereits 1821. Für den Kampf um die Unabhängigkeit vom osmanischen Reich wurde zunehmend im Ausland um Geld geworben. Angesichts der unsicheren Lage mussten damals dreistellige Renditen an die Gläubiger gezahlt werden. Trotzdem blieb der Geldsegen überschaubar, bis die britische und andere westeuropäische Regierungen die Bedrohung aus dem Osten für das eigene Gebiet erkannten und den Kampf der Griechen aus eigenen Interessen unterstützten.

Die griechische Exilregierung musste zu dieser Zeit Kredite an der Börse in London aufnehmen, deren Management die Leistungsfähigkeit des Landes weit überforderte. Dadurch war der Staat bereits vor der Staatsgründung 1830 heillos verschuldet. Das kriegsgeschädigte Land konnte den Schuldendienst in keiner Weise aufrechterhalten und bekam folgerichtig auch keine neuen Kredite mehr. Es folgten eine Staatspleite mit Ansage und ein Schuldenschnitt zwei Generationen später.

Staatsschulden als Druckmittel

In dieser Lage sorgten die damals führenden Mächte Europas für einen Monarchen von ihren Gnaden. König Otto aus dem Hause Wittelsbach wurde zwar mit Garantien der Großmächte liquide gehalten. Das so erhaltene Geld floss jedoch im Wesentlichen ins Ausland zurück oder in den Unterhalt der ausländischen Truppen sowie in Form von Reparationen an die Osmanen. Bereits 1838 musste Athen erneut den Aufschub der Zahlungen bei den Großmächten beantragen. Nachdem Otto seine Machtbasis im Inland verloren hatte, war die zweite Pleite des Landes nicht mehr abzuwenden. Als sich Griechenland während des Krim-Krieges auch aus regionalpolitischen Gründen auf russischer Seite engagieren wollte, wurde das Land insbesondere durch britischen und französischen Einfluss zur Neutralität gezwungen, wobei die Staatsverschuldung als Druckmittel benutzt wurde.

[Seitenwechsel]

Die industrielle Revolution in Europa und eine zunächst reformfreundliche Regierung in Athen führten in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu neuen Geldflüssen nach Griechenland. Das boomende europäische Finanzsystem erkannte in der geplanten Industrialisierung eine lukrative Anlagemöglichkeit. Mit der Zeit wurde jedoch offensichtlich, dass ein großer Teil der investierten Gelder in Rüstungsprojekten verschwendet wurde. Eine Tatsache, die offenbar auch aktuell einer Einigung mit den europäischen Institutionen und dem Internationalen Währungsfonds lange Zeit im Wege stand.

Die Weltwirtschaftskrise kurz vor dem Jahrhundertwechsel sorgte vor diesem Hintergrund für den nächsten Staatsbankrott. Weil die Gläubiger nicht bereit waren, auf ihre Ansprüche zu verzichten, wurde das Land mit weiteren Krediten am Leben gehalten. Um ihren Einfluss in Athen auszubauen wurde eine internationale Finanzkontrollbehörde aus Diplomaten der damals führenden europäischen Großmächte in Athen installiert, die den Staatshaushalt kontrollierte und die Schuldenbedienung organisierte. Die Abneigung der Griechen gegen diese Art Kommissionen ist also älteren Datums und das Verlangen der aktuellen Regierung nach Abschaffung der Troika (heute „Institutionen“) zumindest im historischen Kontext verständlich.

Nach drei Jahrzehnten des „Durchwurstelns“ zwischen hoffnungsvollen Aufbrüchen und immer wieder auch desaströsen Rückschlägen kam es 1922 zur völligen militärischen Niederlage gegen den ewigen Feind, die Türkei. Auch drastische Mittel wie Zwangsanleihen zur Kriegsfinanzierung konnten die Situation nicht mehr retten. Auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise musste Athen 1932 erneut Bankrott anmelden und nahm den Schuldendienst erst mit Beginn der sechziger Jahre wieder auf.

"Phantombonds" stützen die Banken

Aktuell steht das Land wieder vor kaum lösbaren Problemen und ist dringend auf Hilfe angewiesen. Grund genug für Kompromissbereitschaft und angestrengte Suche nach Verbündeten. Die Regierung in Athen scheint jedoch, auch ohne ihren Popstar Varoufakis, einen anderen Weg zu versuchen. Seit Monaten wird die Nachrichtenlage zunehmend von Berichten über frustrierende Verhandlungen zwischen Athen, Brüssel und Berlin geprägt. Meldungen über Fortschritte oder erneute Rückschläge in den Rettungs- und Konsolidierungsgesprächen wechseln sich im Wochentakt ab.

Dabei dürften sich auch wohlwollende Beobachter langsam fragen, welche Strategie die griechische Regierung tatsächlich verfolgt. Gibt es eine ausgebuffte spieltheoretische Verhandlungsstrategie wie manche vermuten? Oder tatsächlich nur Dilettantismus und hoffnungslose Selbstüberschätzung? Angesichts der offensichtlichen Inkaufnahme eines Zusammenbruchs des Landes erscheinen die Entwicklungen der letzten Monate in einem völlig anderen Licht.

Schließlich haben die Griechen inzwischen große Teile ihres Vermögens in das Ausland verbracht und erhebliche Bargeldbestände buchstäblich unter das Kopfkissen gelegt. Saldenmechanisch wird diese Kapitalflucht teilweise durch das EZB-System finanziert. Somit könnte ein Zahlungsausfall für das Land sogar eine vergleichsweise attraktive Möglichkeit sein, die mit einem Default verbundenen Lasten so weit wie möglich auf die europäischen Partner zu verlagern. Abzulesen ist dies schon jetzt am extremen Aufblähen von Target2-Salden oder bei der Refinanzierung der griechischen Banken über die staatlich garantierten sogenannten „Phantombonds“. In einem trotz der zwischenzeitlichen Einigung gar nicht mehr so unwahrscheinlichen Extremfall könnten die ausländischen Gläubiger auf Forderungen von aktuell mehr als 400 Milliarden € sitzen bleiben. Der Globus dreht sich aber auch dann weiter, es wird Sirtaki getanzt und Varoufakis zitiert.


Artikel zum Thema
Autor
  • Kommentar
Schwache EU-Gegner gegen kraftlose Befürworter

Die EU-Debatte in Großbritannien wird mit dürftigen Argumenten geführt. Von Frank GeilfußMEHR

  • Kommentar
Das Jahr der Notenbanken

2015 bewegten erneut die Notenbanken mit ihrer Politik die Kapitalmärkte. 2016 wird sich das nicht wiederholen. Von Frank GeilfußMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.