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Sieben Start-ups mit Facebook-Potenzial

, Martin Kaelble

Trotz Start-up-Boom gibt es bislang keinen globalen Internet-Riesen aus Deutschland. Eine Reihe von Firmen hat jedoch das Potenzial dazu. Von Martin Kaelble

Martin Kaelble © Trevor Good
Martin Kaelble schreibt an dieser Stelle über Makro- und Techtrends aus der Weltwirtschaft

Haben Sie in letzter Zeit einmal einen Blick in den TecDax geworfen? Dafür dass wir im digitalen Zeitalter leben und das Internet die radikalste technische Umwälzung der vergangenen Jahrzehnte ist, sind dort erstaunlich wenig Internet-Firmen vertreten. Etwas ernüchternd. Und irgendwie passt das nicht so recht zum Start-up-Boom in Berlin, über den so viel in der Zeitung geschrieben wird. Es mag daran liegen, dass viele dieser Start-ups zwar gut laufende E-Commerce-Buden oder Online-Marktplätze sind, ihre Zukunftsperspektive sich aber darauf beschränkt, irgendwann von ihrem amerikanischen Vorbild aufgekauft zu werden. So kann auf Dauer kein deutsches Facebook oder Google entstehen.

Ein wenig Hoffnung macht aber immerhin, dass die jüngste Welle an Start-ups vielleicht immer noch zu frisch ist, um bereits Firmen einer substantiellen Größe zu produzieren. Und so gibt es unter den jungen Internetfirmen durchaus ein paar Kandidaten, die vielleicht doch den Sprung zum dauerhaften globalen Internet-Player Made in Germany schaffen könnten – oder es sogar schon sind. Hier kommen meine sieben Favoriten.

Da wäre zunächst einmal SoundCloud. Es ist zwar 2007 von Schweden gegründet worden, steht aber wie kaum ein anderes Start-up im Ausland für Berlins Tech-Landschaft. SoundCloud gilt als Marktführer für Musiktausch im Netz. Es hat mittlerweile mehr als zehn Millionen User. Zu den Investoren zählt Silicon Valley-Titan Kleiner Perkins, der schon Firmen wie Google, AOL und Amazon groß gemacht hat. Ein Risiko für die deutsche Tech-Landschaft ist allerdings, dass SoundCloud komplett nach Kalifornien abwandert, wo seine Investoren sitzen.

Zalando wächst rasant

Klar: An Zalando kommt man natürlich nicht vorbei. Auch wenn das Shoppingportal als Copycat des Inkubators Rocket gestartet ist (kopiert wurde der amerikanische Onlineshop für Schuhe Zappos), so hat er sich mittlerweile emanzipiert und eine Eigendynamik entwickelt. Zalando ist der wohl heißeste IPO-Kandidat unter den jungen deutschen Internetfirmen. Das Wachstum ist rasant. Und wenn man die Zalando-Klone von Rocket in Märkten wie Brasilien oder Asien hinzunimmt und diese eines Tages zu einem globalen Zalando fusioniert, könnte das dann irgendwann auch Amazon mal Konkurrenz machen. Allerdings gibt es auf dem Weg einige Hürden, die hohe Zahl von Retouren zum Beispiel. Die sollen bei 50 Prozent liegen. Und obwohl Zalando bereits 1 Mrd. Euro Umsatz macht, schreibt es immer noch Verluste. Aber: Amazon hat auch erst einmal 3,5 Mrd. Dollar verballert, bevor es dann profitabel wurde. Und auf dem Weg Zappos gekauft hat.

Neben Zalando muss man auch Deliveryhero nennen. Der Essens-Lieferdienst aus dem Hause Team Europe (einem Inkubator-Konkurrenten von Rocket) ist ebenfalls ein IPO-Kandidat. Das Geschäftsmodell ist simpel, lässt sich sehr leicht ausbauen und ist damit interessant für Investoren. Gerade erst hat der Laden 88 Mio. Dollar von US-Kapitalgebern eingesammelt. Damit ist Deliveryhero jetzt auch gewappnet gegen mögliche Übernahmen. Denn mit Justeat gibt es international einen großen Konkurrenten. Der Wettbewerb bei Lieferdiensten ist groß – was wiederum die Schattenseite des simplen Geschäftsmodells ist.

Ebenfalls viel Potenzial besitzt Researchgate. Soziale Netzwerke mögen nicht mehr besonders aufregend sein, jenseits von Linkedin und Facebook. Aber Researchgate ist eine Ausnahme: Denn das führende soziale Netzwerk für Forscher bietet echten Nutzen in der Community, aus der Projekte und Paper entstehen. Größtes Risiko: Dass Facebook es aufkauft. Gerüchte dazu kursierten bereits im vergangenen Jahr, als Mark Zuckerberg in Berlin war. Mehr als drei Millionen User, häufig mit einer sehr ziel gerichteten Nutzung, viele davon in den USA sprechen für sich.

Fragezeichen hinter App-Geschäftsmodell

Ein weiterer Kandidat: 6wunderkinder. Es ist bis jetzt zwar nur eine simple ToDo-Liste als App, aber erstens ist genau die Einfachheit hier die Stärke (siehe Apple). Und zweitens haben sich auch heutige Riesenkraken wie Google oder Facebook aus einem simplen Dienst mit einer einfachen Funktion heraus entwickelt - und erst später diversifiziert. Sechs Millionen Nutzer, viele davon in den USA, machen die App zu einem echten Exportschlager aus Berlin. Der legendäre Silicon Valley Investor Sequoia hat im vergangenen Jahr Geld gegeben. Das erste Mal überhaupt, dass Sequoia in Deutschland investierte. Größtes Risiko auch hier: Abwanderung (siehe oben) und die schnelllebige Welt der Mobile-Services. Und dann stellt sich natürlich auch noch die Frage, wie 6wunderkinder Geld verdienen will. Immerhin gibt es eine kostenpflichtige Pro-Variante, die von Firmen genutzt wird. Doch ansonsten sind App-Start-ups noch einige Antworten schuldig.

Nicht zu vergessen sind schließlich noch Wooga und THE Football App – die beide etwas weniger Aufmerksamkeit als die anderen genießen. Sie sind die stillen Juwelen. Wooga ist einer der größten drei Anbieter für Social Games (also Spiele, die in sozialen Netzwerken gespielt werden) weltweit, mit rund 40 Millionen Nutzern. Hauptkonkurrent Zynga ist in den USA längst an der Börse. Auch THE Football App (in Deutschland unter iliga bekannt) hat bereits eine beachtliche Größe mit zehn Millionen Downloads. Es ist die weltweit führende Fußball-Community im Mobilbereich mit Sitz in Berlin.

An diesen sieben Internetfirmen zeigt sich fraglos: Potenzial ist mittlerweile vorhanden in der deutschen Tech-Landschaft. Hier wachsen global ernstzunehmende Player heran. Es gibt einige Hürden – Aufkauf, Abwanderung, fehlende Einnahmequellen, sich wandelnde Geschäftssegmente. Die nächsten drei, vier Jahre werden zeigen, ob daraus dann endlich mal bleibende Tech-Größen aus Deutschland entstehen.

E-Mail: Kaelble.Martin@capital.de

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