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Selbstgefälligkeit im Angesicht der Krisen

, Nouriel Roubini

Die Finanzmärkte sind bislang immun gegen die vielen Krisen weltweit. Doch es bedarf nicht viel, dann ist es Aus mit der Gelassenheit. Von Nouriel Roubini

Nouriel Roubini © Getty Images
Nouriel Roubini

Nouriel Roubini ist Vorsitzender von Roubini Global Economics und Professor an der Stern School of Business der New York University. Sie können ihm hier auf Twitter folgen.


Im Laufe dieses Jahres hat sich an den globalen Finanzmärkten ein zunehmend offensichtliches Paradoxon herausgebildet. Obwohl immer mehr geopolitische Risiken hinzugekommen sind – der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, das Aufkommen des „Islamischen Staates“ und die zunehmenden Verwerfungen im Nahen Osten, die territorialen Streitigkeiten zwischen China und seinen Nachbarn, nun die Massendemonstrationen in Hongkong einschließlich des Risikos einer Niederschlagung der Proteste – geht es an den Märkten weiterhin lebhaft, wenn nicht sogar überschäumend zu.

Die Ölpreise sind tatsächlich gesunken, nicht gestiegen. Die globalen Aktienmärkte haben, im Großen und Ganzen, neue Höchststände erreicht. Und die Risikoaufschläge (Spreads) an den Kreditmärkten sind gering, während langfristige Anleiherenditen in den meisten Industrienationen gesunken sind.

Ja, die Finanzmärkte in krisengeschüttelten Ländern – so etwa die russischen Devisen-, Aktien- und Anleihemärkte – sind unter Druck geraten. Doch eine allgemeine Ansteckung der globale Finanzmärkte, normalerweise eine Folge geopolitischer Spannungen, ist nicht eingetreten.

Optimismus trotz der Risiken weltweit

Warum dieser Gelassenheut? Sind Investoren zu selbstgefällig oder ist ihre offensichtliche Unbekümmertheit angesichts der – zumindest bislang – tatsächlich geringen wirtschaftlichen und finanziellen Auswirkungen der gegenwärtigen geopolitischen Risiken rational?

Es gibt mehrere Gründe, warum die internationalen Märkte nicht reagiert haben. Zunächst einmal halten die Zentralbanken der Industrieländer (USA, Eurozone, Großbritannien und Japan) die Leitzinsen nahe null und langfristige Zinssätze niedrig. Dadurch steigen die Preise für andere riskante Anlagen wie Aktien und Kreditprodukte.

Zweitens sind die Märkte zu der Auffassung gelangt, dass sich der Konflikt zwischen Russland und der Ukraine nicht ausweiten und zu einem ausgewachsenen Krieg eskalieren wird. Obwohl also Sanktionen und Gegensanktionen zwischen dem Westen und Russland zugenommen haben, verursachen sie der Europäischen Union oder den USA keinen erheblichen wirtschaftlichen und finanziellen Schaden. Noch wichtiger ist, dass Russland seine Erdgaslieferungen an Westeuropa nicht eingestellt hat, was die auf Gasimporte angewiesenen EU-Volkswirtschaften erheblich erschüttern würde.

Drittens haben die Verwerfungen im Nahen Osten anders als 1973, 1979 oder 1990 keine  massiven Erschütterungen der Erdölförderung oder Ölpreisschocks ausgelöst. Im Gegenteil, es gibt Überkapazitäten auf den globalen Erdölmärkten. Der Irak mag zwar in Schwierigkeiten stecken, aber rund 90 Prozent seines Erdöls werden in der Nähe von Basra im Süden des Landes gefördert, der vollständig von Schiiten kontrolliert wird oder im Norden unter der Kontrolle der Kurden. Lediglich etwa zehn Prozent werden in der Nähe von Mossul produziert, das sich gegenwärtig unter Kontrolle des „Islamischen Staates“ befindet.

Abschließend stellt der Konflikt im Nahen Osten, der die Ölpreise nach oben schießen lassen könnte – ein Krieg zwischen Israel und Iran –, ein Risiko dar, das, vorerst, durch laufende internationale Verhandlungen mit dem Iran über die Eindämmung seines Atomprogramms eingedämmt wird.

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Terroranschläge bedrohen die Gelassenheit der Märkte

Es scheint also gute Gründe zu geben, warum internationale Märkte aktuelle geopolitische Risiken bisher gelassen aufnehmen. Wodurch könnte sich das ändern?

Mir fallen mehrere Szenarien ein. Erstens könnten sich die Verwerfungen im Nahen Osten auf die globalen Märkte auswirken, wenn sich ein oder mehrere Terroranschläge in Europa oder den USA ereignen sollten – eine plausible Entwicklung, angesichts der Tatsache, dass mehrere Hundert Dschihadisten des „Islamischen Staates“ Berichten zufolge europäische oder US-amerikanische Pässe besitzen. Märkte neigen dazu, die Risiken von Ereignissen zu vernachlässigen, deren Wahrscheinlichkeit sich schwer einschätzen lässt, die aber erhebliche Auswirkungen auf das Vertrauen haben, wenn sie eintreten. Ein Überraschungsangriff durch Terroristen könnte somit für Verunsicherung an den internationalen Märkten sorgen.

Zweitens könnten Märkte mit ihrer Einschätzung danebenliegen, dass Konflikte wie der russisch-ukrainische oder der Bürgerkrieg in Syrien nicht eskalieren werden. Der russische Präsident Wladimir Putin könnte eine aggressivere Außenpolitik verfolgen, wenn seine Macht im eigenen Land in Frage gestellt wird, während Jordanien, Libanon und die Türkei allesamt durch den andauernden Zerfall Syriens destabilisiert werden.

Drittens steigt die Wahrscheinlichkeit, dass geopolitische und politische Spannungen global ansteckend wirken, wenn ein für die Weltwirtschaft prägender systemischer Faktor ins Spiel kommt. Der perfekte Sturm im Miniaturformat etwa, der die Schwellenmärkte Anfang des Jahres in Aufruhr versetzte – und sogar eine Zeit lang in die Industrieländer überschwappte – trat aufd, als politische Turbulenzen in wenigen Ländern (Türkei, Thailand und Argentinien) mit schlechten Nachrichten über das chinesische Wachstum zusammenfielen. Mit seiner systemischen Bedeutung war China das Streichholz, das ein Pulverfass regionaler und lokaler Unsicherheit entzündet hat.

Ansteckungsgefahr ist nicht ausgeschlossen

In Verbindung mit Meldungen über eine weitere Abschwächung der chinesischen Wirtschaft könnte die Situation in Hongkong heute (oder bald) der Auslöser für ein verheerendes finanzielles Chaos auf aller Welt sein. Oder die US-Notenbank Fed könnte Ansteckungseffekte bewirken, wenn sie die Abkehr vom Nullzins früher und schneller vollzieht, als von den Märkte erwartet. Oder die Eurozone könnte in die Rezession und Krise zurückfallen und im Falle eines Zusammenbruchs der Währungsunion erneut das Risiko einer Währungsumstellung aufleben lassen. Aus dem Zusammenspiel dieser globalen Faktoren mit einer Vielzahl regionaler und lokaler geopolitischer Spannungsherde könnte eine hochexplosive Mischung entstehen.

Die Selbstgefälligkeit der Weltmärkte mag sich zwar rational begründen lassen, finanzielle Ansteckung kann jedoch nicht ausgeschlossen werden. Vor hundert Jahren haben Finanzmärkte der Wahrscheinlichkeit eines großen Konflikts in sehr geringem Umfang Rechnung getragen und die Risiken, die zum Ersten Weltkrieg führen sollten, bis zum Ende des Sommers 1914 völlig ignoriert. Damals waren die Märkte schlecht darin, Extremereignisse (Tail-Risks) mit geringer Wahrscheinlichkeit, aber weitreichenden Auswirkungen korrekt einzupreisen. Das sind sie immer noch.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow

© Project Syndicate 1995–2014


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