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Sechs Risiken für die Weltwirtschaft

, Nouriel Roubini

Die Schuldenkrise verblasst langsam. Dafür tauchen neue Risiken auf - zum Beispiel die Gefahr einer harten Landung in China. Von Nouriel Roubini

Nouriel Roubini © Getty Images
Nouriel Roubini ist Chairman von Roubini Global Economics und Professor für Ökonomie an der Stern School of Business der New York University.

Gegenwärtig erfolgt eine Verlagerung der weltweiten wirtschaftlichen, finanziellen und geopolitischen Risiken. Einige Risiken weisen inzwischen eine geringere Wahrscheinlichkeit auf – auch wenn sie nicht völlig verschwunden sind. Bei anderen steigt die Wahrscheinlichkeit und sie gewinnen an Bedeutung.

Ein Auseinanderbrechen der Eurozone (einschließlich eines Austritts Griechenlands und dem Verlust des Zugangs zu Kapitalmärkten für Italien und/oder Spanien).

Eine Haushaltskrise in den Vereinigten Staaten (wegen fortgesetzter politischer Auseinandersetzungen über die Schuldenobergrenze und eines erneuten Verwaltungsstillstandes).

Eine Staatsschuldenkrise in Japan (weil die Kombination aus Rezession, Deflation und hohen Defiziten die Schuldenstandsquote erhöhte).

Deflation in vielen entwickelten Volkswirtschaften.

Krieg zwischen Israel und Iran wegen der mutmaßlichen nuklearen Ambitionen des Iran.

Ein umfassenderer Zerfall der regionalen Ordnung im Nahen Osten.

Diese Risiken sind inzwischen verringert worden. Wegen der Ankündigung des Präsidenten der Europäischen Zentralbank Mario Draghi „alles Notwendige zu tun“, neuer Finanzierungsinstrumente zur Stabilisierung krisengeschüttelter staatlicher Schuldner und des Auftaktes zur Bankenunion steht die Europäische Union nicht länger am Randes des Zusammenbruchs. In den USA haben Präsident Barack Obama und die Republikaner im Kongress vorerst einen Burgfrieden geschlossen, um den drohenden erneuten Verwaltungsstillstand wegen der Notwendigkeit einer Erhöhung der Schuldenobergrenze abzuwenden.

Japan befreit sich aus der Deflation

In Japan haben die ersten beiden „Pfeile“ der Wirtschaftsstrategie von Ministerpräsident Shinzo Abe – geldpolitische Lockerung und expansive Fiskalpolitik – das Wachstum angekurbelt und die Deflation gestoppt. Jetzt könnte der dritte Pfeil der „Abenomics“ – Strukturreformen – zusammen mit dem Beginn einer langfristigen Haushaltskonsolidierung zur Schuldenstabilisierung führen (wenngleich die wirtschaftlichen Auswirkungen der bevorstehenden Erhöhung der Konsumsteuer ungewiss sind).

Auch die globalen Deflationsgefahren wurden durch exotische und unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen eingedämmt: Zinssätze nahe Null, quantitative Lockerung, Kreditlockerung und eine „Forward Guidance“ genannte Kommunikationspolitik, die darauf abzielt das Wirtschaftsgeschehen über die Erwartungen der Marktteilnehmer zu beeinflussen.

Und das Risiko eines Krieges zwischen Israel und Iran konnte durch das im vergangenen November geschlossene Interimsabkommen über das iranische Atomprogramm verringert werden. Die sinkende Angstprämie hat zu einem Rückgang der Ölpreise geführt, auch wenn viele an der Aufrichtigkeit des Iran zweifeln und befürchten, dass das Land lediglich versucht Zeit zu gewinnen und unterdessen weiterhin Uran anreichert.

Harte Landung in China?

Viele Länder im Nahen Osten gelten zwar weiterhin als äußerst instabil, doch keines von ihnen ist in finanzieller Hinsicht von systemischer Bedeutung, und keiner der Konflikte hat die globale Erdöl- und Erdgasversorgung bislang ernsthaft erschüttert. Allerdings könnte eine Verschärfung einiger dieser Krisen und Konflikte erneut Sorgen über die Energiesicherheit aufkommen lassen. Noch wichtiger ist, dass sechs andere Risiken gestiegen sind, während die Risiken der letzten Jahre zurückgingen.

Zunächst einmal besteht das Risiko einer harten Landung in China. Die Verlagerung des Wachstums weg von Anlageinvestitionen hin zur Förderung des heimischen Konsums geht zu langsam vonstatten, weil die Behörden jedes Mal, wenn sich das jährliche BIP-Wachstum der Sieben-Prozent-Marke nähert in Panik geraten und erneut eine neue Runde kreditfinanzierter Investitionen tätigen. Die Folge sind weitere faule Vermögenswerte und notleidende Kredite, weitere überzogene Investitionen in Immobilien, Infrastruktur und Produktionskapazitäten und eine steigende öffentliche und private Verschuldung. Möglicherweise ist der Zug bis nächstes Jahr abgefahren, ein neues Wachstumsmodell auf den Weg zu bringen.

[Seitenwechsel]

Unsicherheiten über das Timing der Fed

Zudem besteht das Risiko, dass der US-Notenbank Federal Reserve bei ihrem Rückzug aus der geldpolitischen Lockerung Fehler unterlaufen. Letztes Jahr sorgte allein die Ankündigung der Fed, dass sie ihre monatlichen Ankäufe langfristiger Anleihen allmählich zurückfahren werde, für Aufruhr an den globalen Finanz- und Schwellenmärkten. Dieses Jahr ist die schrittweise Drosselung der Anleihekäufe („Tapering“) einkalkuliert, doch die Unsicherheit über das Timing und das Tempo, in dem die Fed versuchen wird, die Zinspolitik zu normalisieren sorgt für Volatilität. Einige Investoren und Regierungen befürchten jetzt, dass die US-Notenbank die Zinsen zu bald und zu schnell erhöht und auf diese Weise wirtschaftliche und finanzielle Schockwellen auslöst.

Drittens könnte die Abkehr der Fed von der Nullzinspolitik tatsächlich zu spät und zu langsam erfolgen (ihr gegenwärtiger Plan sieht vor, die Zinsen erst 2018 auf vier Prozent zu normalisieren) und so einen weiteren Boom – und letzten Endes abrupten Absturz – der Vermögenspreise verursachen. Tatsächlich haben unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen in den USA und anderen entwickelten Volkswirtschaften bereits zu einer massiven Reflation der Vermögenswerte geführt, wodurch zu gegebener Zeit auf den Immobilien-, Kredit- und Aktienmärkten Blasen entstehen könnten.

Viertens könnten sich die Krisen in einigen fragilen Schwellenmärkten verschärfen. Während die eigenen makroökonomischen Maßnahmen der Schwellenmärkte immer noch zu lax sind und der Mangel an Strukturreformen potenzielles Wachstum untergräbt, verspüren Schwellenmärkte Gegenwind (aufgrund fallender Rohstoffpreise und der Risiken im Zusammenhang mit den strukturellen Veränderungen in China und des neuen geldpolitischen Kurses der Fed). Hinzukommt, dass viele dieser Schwellenmärkte politischen und wahlbedingten Unwägbarkeiten entgegenblicken.

Gefahr militärischer Konflikte

Fünftens besteht die ernste Gefahr, dass der aktuelle Konflikt in der Ukraine in einem zweiten Kalten Krieg münden wird – und möglicherweise sogar in einer direkten militärischen Auseinandersetzung, falls Russland im Osten des Landes einmarschiert. Die wirtschaftlichen Konsequenzen eines solchen Ausgangs wären aufgrund der Folgen für die Energieversorgung und Investitionsströme immens – von der Zerstörung von Menschenleben und physischem Kapital zu schweigen.

Abschließend besteht die vergleichbare Gefahr, dass sich territoriale Unstimmigkeiten über Land- und Seegebiete in Asien (etwa der Streit  zwischen China und Japan) in direkte militärische Konflikte münden. Derartige geopolitische Risiken – so sie denn konkrete Formen annehmen – hätten systemrelevante ökonomische und finanzielle Auswirkungen.

Bisher haben sich die Finanzmärkte in Bezug auf diese neuen Risiken zuversichtlich gezeigt. Die Volatilität hat sich nur geringfügig erhöht, während die Vermögenspreise stabil geblieben sind. Wenn von diesen Risiken die Rede war, wurde das Vertrauen der Investoren bisweilen (aber nur kurzzeitig) erschüttert und moderate Marktkorrekturen kehrten sich tendenziell um.

Sind Investoren diesmal vorbereitet?

Investoren mögen recht haben, dass diese Risiken nicht in ihrer ernsteren Form eintreten werden oder dass die lockere Geldpolitik in entwickelten Volkswirtschaften und die fortgesetzte Erholung derartige Risiken eindämmen werden. Möglicherweise geben sich Investoren allerdings dem Irrglauben hin, dass diese Risiken eine geringe Wahrscheinlichkeit aufweisen – und könnten daher unangenehm überrascht werden, wenn eines oder mehrere derselben eintreten.

Wie es bei der globalen Finanzkrise der Fall war, scheinen Investoren tatsächlich nicht in der Lage zu sein, solche Extremereignisse (Tail-Risks) angemessen abzuschätzen, einzupreisen und abzusichern. Erst die Zukunft wird zeigen, ob ihre derzeitige Nonchalance erneut dem Versäumnis gleichkommt, extreme Ereignisse einzuschätzen und entsprechende Vorbereitungen zu treffen.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

Copyright: Project Syndicate, 2014.
www.project-syndicate.org


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