• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Management

Schluss mit dem Business‑Theater!

, Lars Vollmer

In Unternehmen fanden im Januar wieder zuhauf die obligatorischen Auftaktveranstaltungen statt. Unternehmen täten gut daran, nicht nur Business-Rituale aufzuführen, sondern den Termin auch zur Wertschöpfung zu nutzen.

Lars Vollmer © larsvollmer.com
Lars Vollmer

Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Autor. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Wrong Turn - Warum Führungskräfte in komplexen Situationen versagen", Orell Füssli April 2014


„Ihr seid die Besten“, versichert der Vorstand. Solche oder ähnliche Aussagen sind auf jeder Jahresauftaktveranstaltung zu hören. Und die gibt es zuhauf, denn jedes Unternehmen, das etwas auf sich und seine Mitarbeiter hält, ruft im Januar alle zusammen, um sich selbst zu feiern und die Mitarbeiter mit dem Yes-we-can-Getue der Führungsmannschaft fürs neue Geschäftsjahr zu motivieren.

Und im Anschluss daran werden die obligatorischen Ziele auf- oder vorgestellt. Plattitüden wie „Das kommende Jahr wird das herausforderndste der Firmengeschichte“ oder „Der Wettbewerber schläft nicht, also ran an die Arbeit“, werden in den Saal geworfen. Die Mitarbeiter fühlen sich erst gebauchpinselt, dann macht sich Unruhe breit, denn alle werden in den kommenden Monaten die Extrameile gehen müssen.

Das ist so rituell, das ich mich fast schon fremdschäme.

Aber zum Schluss des Events ist alles wieder gut. Da applaudieren sich die Mitarbeiter auf Kommando von der Bühne sogar selbst. Nein, ich finde eher: Applaus für die Darsteller, die da großartiges Theater aufführen.

Aber bevor der Vorhang fällt und die Mitarbeiter sich wieder an die Arbeit machen, gibt es noch das Beste vom Abend: Alle sind gesellig beisammen und schießen sich zünftig ab – mit dem vom Chef gesponserten Alkohol versteht sich.

Viel blabla, und doch nichts zu sagen

Ich durfte dieses Jahr als Vortragsredner einige solcher Veranstaltungen großer Firmen beiwohnen und frischen Wind in die Unternehmen blasen. Fasziniert habe ich beobachtet, wie viel bei den Events geredet wird – aber trotzdem findet keine lebendige Kommunikation statt. Unglaublich, wie viel Zeit – und im Endeffekt auch Geld – dabei verschwendet wird.

Wenn ich darüber einmal reflektiere, frage ich mich: Stiften solche Veranstaltungen denn einen Nutzen? Für den Kunden? Für den Mitarbeiter? Und die wichtigste Frage: Helfen solche Veranstaltungen wertschöpfungsbezogene Probleme zu lösen? Bestimmt nicht!

Es geht dabei nämlich kaum darum, Innovationen weiterzuentwickeln, ein gemeinsames Verständnis der Strategie aufzubauen oder gar einen Mehrwert für die Kunden zu schaffen. Nein, ein derartiger Jahresauftakt erfüllt meines Erachtens eine ganz andere, tatsächlich wichtige sozial-hygienische Funktion: Er dient vornehmlich dem Strukturerhalt. Das Organigramm manifestiert sich. Jedem wird wieder in Erinnerung gerufen, wo oben und unten in der Organisation ist und welche Funktionen von welchen anderen ab-geteilt sind. So wird allen Beteiligten folkloristisch vor Augen geführt, wer wer ist und wer was darf. Mit diesen Veranstaltungen wird also die Unternehmensstruktur manifestiert. Prima.

Spielchen über Spielchen

Aber bevor ich mich hier in Rage rede und Sie das Gefühl bekommen, ich würde Jahresauftaktveranstaltungen grundsätzlich verteufeln: Das tue ich nicht. Sie sind eine Management-Praxis unter vielen, die nichts mit Wertschöpfung zu tun haben, für die die Arbeit in Unternehmen aber immer und immer wieder unterbrochen wird. Ja, manchmal habe ich das Gefühl, in Unternehmen wird viel zu wenig richtig gearbeitet und dafür viel zu viel Business-Theater aufgeführt.

Denn Praktiken, deren einziger Zweck es ist, die formale Struktur einer Organisation aufrechtzuerhalten gibt es zuhauf. Mir fallen da spontan noch Mitarbeitergespräche, Meetings, Budgetverhandlungen oder Reisekostenanträge ein.

Da kommt die Frage auf, wer das zu verantworten hat. Sind es machthungrige Manager? Oder faule Mitarbeiter? Weder noch, würde ich sagen. Das Problem liegt tiefer, nämlich in der Struktur der Organisationen. Unternehmen sind soziale Systeme, die zunächst einmal nur ein einziges Ziel verfolgen: ihr Fortbestehen. Und um das zu erreichen, um im Wesentlichen so zu bleiben, wie sie sind – mit all den Hierarchien und Zuständigkeiten, die der Taylorismus ihnen beschert hat – müssen alle Beteiligten genau so agieren, wie es das System erwartet. Soll heißen: die Rolle ausfüllen, die ihnen die Struktur gibt, obwohl sie doch viel lieber echter Arbeit nachgehen würden.

[Seitenwechsel]

Der Chef verfügt über den Parkplatz direkt am Haupteingang, größere Reisebudgets und kann Berichte bei seinen Mitarbeitern anfordern etc. Und seine Leute stellen sich selbst und ihre Leistung in aufwendigen Präsentationen und Reports dar. Schön sortiert nach Gewerken, damit auch niemand durcheinander kommt.

Wer da nicht mitspielt – beispielsweise einfach mal nicht zum Meeting erscheint und sich stattdessen um den Kunden kümmert – muss mit Konsequenzen rechnen, weil sein Verhalten als Widerstand gewertet wird, das den Strukturerhalt gefährdet. Soziales Theater wird vom System also geradezu provoziert. Schade nur, dass es nicht zur Steigerung des Unternehmensergebnisses führt.

Schluss mit dem Jahresauftakt?

Wenn meine Einschätzung stimmt und weder Führungskräfte noch Mitarbeiter Lust auf das Theater haben, warum machen Unternehmen dann nicht einfach Schluss mit den ganzen nicht wertschöpfenden Ritualen. Warum gibt es jedes Jahr zum Beispiel wieder Jahresauftaktveranstaltungen?

Nun ja, weil es ganz so einfach leider nicht ist. Stellen Sie sich einmal vor, Sie würden plötzlich beschließen, dass es keinen Jahresauftakt mehr gäbe. Und all das andere Management-Theater streichen Sie gleich mit. Das reißt den Mitarbeitern und Chefs den Boden unter den Füßen weg. Nicht, weil ihnen plötzlich wichtige Informationen und Fakten fehlen – die werden bei solchen Veranstaltungen eh nicht ausgetauscht. Sondern weil sie nicht mehr wissen, wo in der Hierarchie sie sich überhaupt befinden und wie sie sich verhalten sollen.

Den Kontext verschieben

Was also tun? Mit diesen verschwenderischen Praktiken wird zu wenig gearbeitet, ohne sie scheint es aber auch nicht zu gehen. Da sage ich: einen anderen Kontext schaffen.

Sie könnten nächstes Jahr Ihre Jahresauftaktveranstaltungen beispielsweise einmal mit lebendiger Kommunikation ausstatten, mit Gesprächs- und Konferenzformaten, die echte Kommunikation ermöglichen. Anstatt in großer Runde zu sitzen und Vorträgen zu lauschen, bedienen Sie sich eines Open-Space-Formats oder veranstalten ein so genanntes World-Café. Die Themen kommen nicht exklusiv von der Unternehmensführung, sondern von allen Teilnehmern. Und jeder geht zu den Themen, die er oder sie relevant hält. Das wäre sinnvolle Arbeit und alles andere als verschwendete Arbeitszeit. Natürlich kann am Anfang ein Impuls stehen, worüber gesprochen werden könnte, aber die tatsächlichen Themen bestimmen die Mitarbeiter selbst.

Und dann beobachten Sie einfach einmal, was passiert, wenn die Leute problem- und zielgerichtet miteinander kommunizieren können. Mein Tipp: Sie hören auf, Theater zu spielen, und tun das, wofür Sie sie eingestellt haben: Sie arbeiten!


Artikel zum Thema
Autor
  • Management
Von wegen keine Planwirtschaft!

Zum Jahresende lebt die Planwirtschaft wieder auf. Dann ist vielen Firmen nichts mehr heilig - Hauptsache der Umsatz stimmt. Von Lars VollmerMEHR

  • Management
Das Märchen von der Wissensarbeit

Vergessen Sie den Schmu von den Wissensarbeitern! Worauf es heute wirklich ankommt, ist Können. Von Lars VollmerMEHR

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.