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Russlands Wirtschaft vor dem perfekten Sturm

, Anders Aslund

Ohne Kurswechsel droht der russischen Wirtschaft ein dramatischer Absturz - spätestens in der zweiten Jahreshälfte 2015. Von Anders Aslund

Russland © Getty Images
Es geht abwärts mit Russlands Wirtschaft

Anders Aslund ist Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics in Washington. Er beriet in den 90er-Jahren die russische Regierung bei der Transformation zur MarktwirtschaftAnders Aslund ist Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics in Washington. Er beriet in den 90er-Jahren die russische Regierung bei der Transformation zur Marktwirtschaft


Auch wenn die russische Wirtschaft in den vergangenen Jahren nur wenig gewachsen ist, so schien die Lage doch weitgehend stabil. Der Staatshaushalt war annähernd ausgeglichen, die Verschuldung lag bei nur elf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und Russland erzielte regelmäßig Überschüsse in der Leistungsbilanz.

Im Jahr 2014 aber hat die russische Wirtschaft eine schlimme Richtung eingeschlagen. Wenn ein radikaler Politikwechsel ausbleibt, wird es spätestens in der zweiten Hälfte des Jahres 2015 zu einem ernsthaften Absturz kommen.

Drei schwere Schläge sind es, die das Land hinnehmen muss: eine immer fatalere Strukturpolitik, die Finanzsanktionen des Westens und den fallenden Ölpreis. Seit der Zerschlagung des Yukos-Konzerns 2004 hat der Kreml staatlichen Einfluss und Vetternwirtschaft Schritt für Schritt vorangetrieben. Während der Finanzkrise von 2008 und 2009 nahm diese Tendenz sogar noch zu. Die russische Wirtschaft ist heute auf dem gleichen Stand wie 2008.

Zugang zum Kapitalmarkt verschlossen

Selbst der Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) brachte ironischerweise keinerlei Öffnung - Russlands Handelspolitik setzte stattdessen noch stärker auf Protektionismus. Präsident Wladimir Putin hat die Parole ausgegeben, Importe durch russische Erzeugnisse zu ersetzen, um so unabhängiger vom Westen zu werden. Allein diese Politik wird zur Folge haben, dass mehr als ein Prozent Wachstum in absehbarer Zukunft kaum drin ist.

Doch das Risiko ist noch viel größer. Im laufenden Jahr fließen gewaltige Mengen an Kapital aus Russland ab, sie werden ein geschätztes Niveau von 120 Mrd. Dollar erreichen. Angesichts der Finanzsanktionen des Westens dürfte sich dieser Trend fortsetzen. Der Kapitalabfluss hatte bereits im März angezogen, als die Sanktionen noch gar nicht beschlossen waren, die Investoren sie allerdings bereits einpreisten. Im Grunde hat Russland jetzt keinen Zugang zum Kapitalmarkt mehr. Kein internationales Finanzinstitut von Bedeutung würde derzeit das juristische Risiko auf sich nehmen Russland Geld zu leihen.

Noch Anfang 2014 gingen die Marktbeobachter im Schnitt von einem BIP-Wachstum in Höhe von 2,5 Prozent für 2014 aus. Jetzt liegt die Prognose bei Null. Die Kombination der drei Schläge hat Russland schon jetzt 2,5 Prozent vom BIP gekostet - oder 50 Mrd. Dollar.

Russlands Devisenreserven schrumpfen rasch

Oft wird behauptet, das Land könne diese Schwächephase überbrücken, da es ja über gewaltige Devisenreserven verfüge. Doch diese Rechnung geht so nicht auf. Mitte November standen die Reserven bei 421 Mrd. Dollar, eine beeindruckende Summe. Doch diese Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr bereits um 103 Mrd. Dollar geschrumpft. Und um zu verstehen, wie groß die verfügbaren Reserven wirklich sind, muss man sich ihre Struktur genauer ansehen: Von den 421 Mrd. Dollar stecken 45 Mrd. in Gold und 172 Mrd. sind auf zwei unabhängige Vermögensfonds verteilt. Diese Fonds werden vom Finanzministerium kontrolliert und ihre Assets liegen zu einem großen Teil bei staatlichen Banken. Es handelt sich also nicht um liquides Vermögen.

Zieht man diese Summen ab, liegen die Reserven nur noch bei 200 Mrd. Dollar. Im kommenden Jahr nun dürfte diese Summe noch einmal um 100 Mrd. Dollar abnehmen, wofür es einen einfachen Grund gibt. Russland muss 150 Mrd. Dollar an Schulden abbezahlen, während die Leistungsbilanz pro Jahr nur einen Überschuss von 60 Mrd. Dollar aufweist. Solche Zahlen werden einen Beschleunigungseffekt zur Folge haben. Wenn die Märkte kapieren, dass Russland die Reserven ausgehen, werden die Investoren noch schneller aus dem Land flüchten, weil sie Kapitalverkehrskontrollen befürchten.

Für den Wechselkurs des Rubels ist diese Entwicklung eine Katastrophe. Im laufenden Jahr ist der Rubel im Verhältnis zum Dollar um 30 Prozent gefallen. Die Zentralbank hat unlängst beschlossen, dem nichts mehr entgegenzusetzen, was immerhin bedeutet, dass keine Reserven mehr eingesetzt werden müssen, um den Kurs zu stützen. Doch der rapide Abfluss von Kapital setzt die Währung immer stärker unter Druck.

Verheerende Folgen für Wachstum und Lebensstandard

Als ob das alles noch nicht genug wäre, fällt auch der Ölpreis immer weiter, also der Preis für das wichtigste russische Exportgut. Auch hier steht für das laufende Jahr ein Minus von 30 Prozent in den Büchern. Die Schieferöl-Revolution in den USA hat zu einem Überangebot geführt, während die Nachfrage angesichts der mauen globalen Konjunkturlage schwächelt. Märkte tendieren dazu, übermäßig stark auf derartige Trends zu reagieren - was für einen deutlichen weiteren Sturz des Ölpreises spricht.

Das Problem ist hier gar nicht so sehr der russische Staatshaushalt. Da der Rubel parallel zum Ölpreis fällt und der Rohstoff in Dollar abgerechnet wird, dürfte das Budget annähernd ausgeglichen bleiben. Auch die Leistungsbilanz wird sich wohl kaum verändern, die Importe gehen ja angesichts des schlechteren Wechselkurses zurück. Wirklich verheerend werden die Auswirkungen hingegen für Lebensstandard und Wachstum. Der niedrige Wechselkurs und der zunehmende Hang zum Protektionismus werden zum Bremsklotz für die wirtschaftliche Entwicklung: Es herrscht annähernd Vollbeschäftigung bei einer hohen Inflationsrate von 8,5 Prozent, die auch noch steigt. Die Zentralbank wird daher dazu neigen, die Zinsen weiter zu erhöhen und damit mögliche Investitionen abwürgen.

Jeder der drei Faktoren wäre genug, um der russischen Wirtschaft im kommenden Jahr massive Probleme zu bereiten. Doch in diesem Fall kommen sie alle zusammen. Es sind Effekte, deren Wirkung sich zum Teil selbst beschleunigt: Je stärker Ölpreis und Devisenreserven abnehmen, desto fataler wirkt sich jeder weitere Verfall aus.

Eine Schrumpfung des russischen BIP 2015 um ein Prozent ist daher eher ein ausgesprochen optimistisches Szenario. Auch ohne exakte Prognose lässt sich sagen: Für die zweite Hälfte des kommenden Jahres braut sich ein perfekter Sturm zusammen – in dem Devisenreserven, Wechselkurs und Ölpreis abnehmen und Inflation und Zinsrate zugleich steigen. Ein BIP-Absturz um vier bis sechs Prozent ist dann durchaus möglich – wenn auch nicht unausweichlich.


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