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Russland kann mehr

, Jeffrey D. Sachs

In Sotchi will Russland auch seine wirtschaftliche Leistungskraft demonstrieren. Tatsächlich sind die Fortschritte bemerkenswert, trotzdem nutzt Putins Reich sein Potenzial nicht. Von Jeffrey D. Sachs

Olympiabaustelle in Sotschi © Getty Images
Olympia in Sotschi: russische Leistungsschau

Erstmals seit den Sommerspielen in Moskau 1980 während des Kalten Krieges veranstaltet Russland Olympische Spiele diesmal im Winter in Sotschi. Offenkundig hat sich in der Zwischenzeit politisch viel verändert. Doch die aktuellen Winterspiele bieten auch eine günstige Gelegenheit, einen Blick auf Russlands jüngste Wirtschaftsgeschichte zu werfen – und einen Ausblick zu wagen.

Viele Menschen, die sich an den Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 sowie dessen turbulente Folgen erinnern, glauben, Russlands Wirtschaft müsse verarmt und instabil sein –  und auch weit hinter dem boomenden China liegen. Falsch. Daten des Internationalen Währungsfonds zufolge beträgt das russische Pro-Kopf-Einkommen im Jahr 2013, gemessen an Kaufkraftparität, etwa 18.600 Dollar und liegt damit fast doppelt so hoch wie der chinesischen Wert von etwa 10.000 Dollar. Und nach Angaben der Weltbank gibt es in Russland beinahe keine extreme Armut, während der entsprechende Wert für China 2009 bei 11,8 Prozent lag (aktuellere Daten liegen nicht vor).

Ja, die russische Wirtschaft wurde in den letzten Jahren nicht nur durch solide makroökonomische Strategien angetrieben, sondern auch durch die weltweit hohen Öl- und Gaspreise. Tatsächlich hat der Zusammenbruch der Ölpreise auf dem Weltmarkt nach 1985 zur schweren Wirtschaftskrise in der Sowjetunion und Russlands in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren beigetragen. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn die Wirtschaftsreformen des früheren sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow und des ehemaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin hatten deshalb mit starkem Gegenwind zu kämpfen.

Der Westen ließ Russland hängen

Jeffrey D. Sachs © Getty Images
Jeffrey D. Sachs ist Professor für nachhaltige Entwicklung, Professor für Gesundheitspolitik und Gesundheitsmanagement sowie Direktor des Earth Institute der Columbia University

Zwei Jahre lang (1992-1993) war ich als makroökonomischer Berater von Ministerpräsident Jegor Gaidar und Finanzminister Boris Fjodorow tätig. Ich versuchte einen Beitrag zu leisten, der hohen Inflation sowie den extremen Engpässen während der letzten Jahre der Sowjetära ein Ende zu setzen und Russlands Übergang in eine Marktwirtschaft zu beginnen. Ich empfahl eine Strategie der makroökonomischen Stabilisierung, wie sie im nahe gelegenen Polen erfolgreich umgesetzt worden war. Dazu bedurfte es rascher finanzieller Hilfe von den Vereinigten Staaten, Europa und dem IWF, so wie sie auch Polen erhalten hatte.

Entgegen meiner Empfehlungen (und der vieler anderer Menschen) stellte der Westen die benötigte Finanzhilfe leider nicht zur Verfügung, weshalb sich die wirtschaftlichen und finanziellen Schwierigkeiten Russlands noch verschärften. Damals schrieb ich die Untätigkeit des Westens der Inkompetenz der US-Regierung und des IWF zu. Rückblickend ist klar, dass es auch eine bewusste Strategie der Neokonservativen in den USA, wie etwa dem damaligen Verteidigungsminister Dick Cheney, zur Schwächung des neuen russischen Staates gab. Außerdem machte sich die US-Regierung Mitte der 1990er Jahre auch mitschuldig an der Plünderung von russischem Staatseigentum, wie etwa den Vermögenswerten im Zusammenhang mit Öl, die skrupellos privatisiert wurden.

Die gute Nachricht ist, dass Russland nach diesen schrecklichen Jahren auch ohne die Hilfe des Westens oder der US-Regierung wieder auf die Beine kam. Obwohl von Korruption überschattet, fasste die Marktwirtschaft in Russland Fuß. Nach mehreren Jahren politischer Grabenkämpfe und unnötiger Verzögerungen wurde eine makroökonomische Stabilisierung erreicht und Russlands Wirtschaftswachstum wiederhergestellt, vor allem als die weltweiten Öl- und Gaspreise zu steigen begannen. Von 2001 bis 2013 wuchs das russische BIP jährlich im Schnitt um robuste 4,4 Prozent.

Überdies erreichte Russland ein gutes Maß an Finanzstabilität. Der IWF beziffert Russlands Inflationsrate 2013 auf 6,9 Prozent und die Arbeitslosenrate auf 5,5 Prozent, während das Haushaltsdefizit lediglich 0,3 Prozent des BIP betrug. Außerdem verfügt Russland über Devisenreserven im Ausmaß von 500 Mrd. Dollar.

[Seitenwechsel]

Unterentwickeltes High-Tech-Potenzial

Allerdings könnte Russland noch erfolgreicher sein, wenn seine Wirtschaft nicht nur einen Wachstumsmotor hätte, sondern zwei. Öl und Gas werden auch in den nächsten Jahren für starken Auftrieb der russischen Wirtschaft sorgen, vor allem weil sich China zu einem wichtigen Abnehmer entwickelt. Doch Russland verfügt auch über ein riesiges noch immer unterentwickeltes Potenzial in vielen globalen High-Tech-Branchen.

In der Sowjetzeit produzierte Russland eine breite Palette an technologiebasierten Industrieprodukten von Flugzeugen über Computer bis hin zu komplizierten Maschinen. Anders als die chinesische Industrie waren Russlands Fertigungsbranchen sowohl aufgrund des Kalten Kriegs als auch wegen der sowjetischen Planwirtschaft von den Weltmärkten komplett abgeschnitten.  Als sich das postsowjetische Russland dem Handel öffnete, hinkten seine Industriebetriebe den Spitzentechnologien weit hinterher, vor allem auf dem Sektor der dynamischen Informations-und Kommunikationstechnologie (IKT).

Aufgrund von Vernachlässigung, des Mangels an internationalen Partnern und des Finanzchaos brachen viele Industriezweige zusammen. Wer verschont blieb, überlebte nur knapp und die stark reduzierte Produktion ging hauptsächlich in den ehemaligen sowjetischen Markt.

Chancen in China, Afrika und Indien

Russland verfügt über Know-how, qualifiziertes technisches Personal und eine ausreichende Rohstoffbasis, um im globalen Wettbewerb bei einer Reihe wichtiger High-Tech-Branchen zu bestehen. Dazu zählen Kernenergie, kommerzielle Luftfahrt, kommerzielle Raumfahrttechnik (einschließlich Satelliten und GPS), IKT-Hardware und Software, Elektrofahrzeuge, Hochgeschwindigkeitszüge, Petrochemie und schweres Gerät für den Bergbau und den Kohlenwasserstoffsektor. Diese Industriezweige würden von dem enormen potenziellen Nachfragewachstum auf großen Märkten wie China, Afrika und Indien profitieren.

Doch um langfristiges Wachstum auf Grundlage der High-Tech-Industrien zu erreichen, ist ein Geschäftsumfeld erforderlich, das Investitionen des privaten Sektors ermutigt und auch für ausländische Akteure offen ist. Überdies muss das soziale und politische Umfeld den Arbeitskräften im High-Tech-Bereich zuträglich sein und  ansprechende Lebensqualität bieten, bürgerliche Freiheiten sicherstellen sowie unternehmerische Initiative und Kreativität unterstützen. Schließlich müssen wirtschaftspolitische Strategien technologische Fortschritte und weltweite technische Kooperation in vielversprechenden Sektoren fördern.

Es ist bemerkenswert, dass Russland kürzlich mit Ungarn ein Abkommen zur Finanzierung eines Atomkraftwerkes schloss und in der Türkei wahrscheinlich das Gleiche tun wird. Aufgrund der Bemühungen zur Entkarbonisierung des weltweiten Energiesystems wird die Nachfrage nach Atomenergie zunehmen. Die russischen Reaktoren scheinen sicher und mit Anlagen aus anderen Ländern konkurrieren zu können. Auch in Russland gebaute Zivilflugzeuge könnten in Partnerschaft mit internationalen Firmen, die mit russischen Unternehmen bei hochentwickelter IKT-Avionik zusammenarbeiten, auf dem Weltmarkt Fuß fassen.

1991 glaubten viele, dass es Russland nicht gelingen werde, die hohe Inflation in den Griff zu bekommen, die Marktwirtschaft einzuführen oder auf den Weltmärkten konkurrenzfähig zu agieren. Zwei Jahrzehnte später hat Russland bewiesen, dass die Skeptiker falsch lagen. Ja, Russland ist noch immer in zu starkem Maß abhängig von Öl und Gas und sollte sich mehr in Richtung Transparenz, Offenheit und Wettbewerb in Wirtschaft und Ordnungspolitik bewegen. Dennoch ist der Trend positiv: Russland hat sich zu einer stabilen Marktwirtschaft mit hohen Einkommen entwickelt und  mit einer vernünftigen Wirtschaftsstrategie bestehen gute Aussichten für jahrzehntelanges rasches BIP-Wachstum und Fortschritte im High-Tech-Sektor. 

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

Copyright: Project Syndicate, 2014. 
www.project-syndicate.org


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