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Renaissance des Schuldscheins

, Dirk Elsner

Das Kreditvolumen im Fintech-Sektor spielt keine große Rolle. Aber ein altes Finanzierungsmittel boomt: der Schuldschein. Von Dirk Elsner

Dirk Elsner © Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


Diese Kolumne steht ja unter dem Subtitel Finanzevolution. Im Schwerpunkt handeln die Entwicklungen im Finanzsektor derzeit von den durch die Finanztechnologie (Fintech) angetriebenen Veränderungen. Aber genauso wenig wie man Innovation im Finanzwesen nur auf Digitalisierung reduzieren sollte, bedeutet Evolution nicht stets das Entstehen von Neuem. Manchmal ändern sich die Bedingungen so, dass eine fast ausgestorbene Art wieder eine neue Blüte erlebt. So vermuten Wissenschaftler, dass wir Menschen vor mehr als 120.000 Jahren beinahe ausgestorben wären, weil wir nicht an die Umweltbedingungen der damaligen Kaltphase angepasst waren. Wie wir wissen, haben wir die Eiszeit überlebt und uns breit gemacht auf diesem Planeten.

Die zuweilen etwas überhitze Öffentlichkeitsarbeit einiger Start-ups, lässt uns manchmal aufhorchen, wenn sich irgendwo ein Unternehmen oder ein Fußballverein per Crowdfunding 1 Mio. Euro geliehen hat oder die Gesamtsumme der in einem Jahr vergebenen Peer-to-Peer-Kredite die 100 Millionen-Grenze übersteigt. Im Verhältnis zu den Gesamtverbindlichkeiten und -vermögenspositionen von Unternehmen bewegen sich die Volumina im Fintech-Kredit-Sektor trotz breiter Aufmerksamkeit weiterhin auf Nanoniveau. Schaut man etwa auf die Gesamtverbindlichkeiten aller Kapitalgesellschaften (ohne Banken) im dritten Quartal 2015, dann betrug die Summe laut Bundesbankbank 5443 Mrd. Euro. Selbst wenn die Gesamtsumme alle crowdgefundeten Projekte 1 Mrd. Euro betragen würde, lägen wir hier im Verhältnis zum Gesamtfinanzierungsvolumen noch im Promillebruchteilbereich.

Eine Finanzierungs- und damit Anlageklasse, die jenseits der öffentlichen Aufmerksamkeit eine Renaissance erlebt, ist der Schuldschein. Das ist rein technisch ein langweiliges Produkt, nämlich ein in einem Wertpapier verbrieftes Darlehen. Der wesentliche Unterschied zur Anleihe ist, dass Schuldscheindarlehen an einen oder wenige Geldgeber gehen und nicht an einer Börse gehandelt werden.

Schuldschein-Boom begann 2014

Schuldscheine spielen mittlerweile in der Finanzierungspraxis von Unternehmen wieder eine große Rolle. Das Fachmagazin Finance stellte im vergangenen Jahr fest, dass der Boom des Schuldscheins im zweiten Halbjahr 2014 begann. Damals hatten der Stromerzeuger Steag Schuldscheine für 400 Mio. Euro, United Internet für 600 Mio. Euro und der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport ein Papier über 350 Mio. Euro platziert. Im vergangenen Jahr wurden laut Finance Magazin Schuldscheine im Wert von rund 19 Mrd. Euro platziert. Das entspricht einem Anstieg zum Vorjahr um 65 Prozent. Das bisherige Rekordjahr war 2008 mit einem Volumen von 18,5 Mrd. Euro.

Anfang 2015 platzierte allein der Getriebehersteller ZF Friedrichshafen mit Unterstützung von BayernLB und LBBW mit einem Volumen von 2,2 Mrd. Euro den größten bis dahin begebenen Schuldschein eines Industrieunternehmens. Finance berichtete, dass dieses Darlehen mehrfach überzeichnet war und die Platzierung bei Privat-, Landes- und Genossenschaftsbanken erfolgte. Und auch in diesem Jahr geht der Boom weiter. Anfang des Jahres sammelte Porsche 1,1 Mrd. Euro ein. Über 150 institutionelle Investoren sollen den Schuldschein finanziert haben, 45 Prozent des Volumens trugen internationale Investoren. Interessant ist auch, dass Porsche ein Teil des Geldes für die Refinanzierung einer im Februar ausgelaufenen Anleihe verwendet hat.

In einer Studie erklärte die IKB, dass sich der Markt für Schuldscheine auf einem hohem Niveau stabilisiert habe, „nachdem er in der Finanzkrise im Jahr 2008 vorübergehend auf über 18 Mrd. Euro angewachsen war. Viele Unternehmen hatten in dieser Ausnahmesituation Schuldscheine platziert, als traditionelle Finanzierungsquellen gänzlich verschlossen oder nur mit hoher Verzinsung zu haben waren. Für viele mittelständische Unternehmen ist der Schuldschein seither ein erster Schritt, um neue Investoren über die Hausbankenfinanzierung hinaus zu gewinnen und sich im erweiterten Kapitalmarkt zu positionieren.“

externes Rating ist nicht notwendig

Der bürokratische Aufwand  ist für Schuldscheine geringer im Vergleich zu Anleihen. Schuldscheine werden privat bei institutionellen Anlegern platziert. Prospekte müssen nicht veröffentlicht werden. Die Geschäftsdaten werden nur den interessierten Investoren offengelegt. Ein externes Rating ist nicht zwingend notwendig, kann aber hilfreich sein. Daneben mögen viele Emittenten, dass die Papiere unabhängiger sind von Marktschwankungen und bei solchen Investoren platziert sind, die ein langfristiges Anlageinteresse haben.

Die vorstehenden Daten sind beeindruckend, selbst wenn man einwenden könnte, dass Schuldscheine im Vergleich zum Gesamtfinanzierungsvolumen ebenfalls nur eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielen. Allerdings ist der Markt hier sehr intransparent. Meines Wissens gibt es keine zentrale Meldepflicht. Wenn sich ein Mittelständler über einen Schuldschein etwa bei einem Lieferanten refinanziert, dann taucht dieser Wert in keiner Finanzstatistik auf.

Mit Schuldscheindarlehen lassen sich also erhebliche Finanzierungsvolumina realisieren, ohne durch das Kreditbuch einer Bank zu laufen. Ein weiterer Grund für die Beliebtheit des Instruments könnte demnach in der durch Basel III verschärften Finanzmarktregulierung liegen. Neben den strengeren Eigenkapitalvorschriften für Banken verlangen die Liquiditätsvorschriften (siehe dazu “Der Einfluss der Liquiditätsstandards nach Basel III auf die Unternehmensfinanzierung”) von Banken einen Mindestbestand an hochliquiden Aktiva und die Orientierung der Kreditlaufzeiten an den Fristen für Refinanzierung. Finanzieren sich Banken eher kurz, dann dürfen sie also nicht so viele langfristige Kredite vergeben. Unternehmen, die sich über Schuldscheine bei institutionellen Anlegern finanzieren können, sind diese regulatorischen Beschränkungen egal. Für Privatplatzierungen von Nichtbanken finden die meisten Vorschriften des Finanzsektors keine Anwendung. Banken spielen jedoch zum Beispiel als Begleiter der Transaktionen eine wichtige Rolle.

Fintechs haben kein Interesse an Schuldscheinen

Wie so oft, wenn ein Marktsegment boomt, bleiben Mahnungen nicht aus. So warnte die Ratingagentur Scope bereits vor einem Qualitätsverlust am Schuldscheinmarkt. Die Spezialisten hatten bereits im vergangenen Jahr festgestellt, dass sich die Bonität von mehr als ein Drittel aller Schuldscheinemittenten im spekulativen Bereich bewegt.

Um noch einmal den Bogen zu den Fintechs zu schlagen. Ich habe bei meiner Recherche leider kein einziges Unternehmen aus dem Bereich der Finanztechnologie finden können, dass diesen Markt adressiert. Eigentlich erstaunlich wenn man bedenkt, dass das Finanzierungsvolumen in Deutschland hier im vergangenen Jahr etwa 200 Mal höher lag als der ausgezahlte Betrag aller Crowd- beziehungsweise P2P-Finanzierungsplattformen zusammen.


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