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Reden wir über Geld

, Christian Kirchner

Wirtschaft als Schulfach und finanzielle Bildung sind nötig - aber das Thema Geld darf auch in den Familien nicht länger tabuisiert werden. Von Christian Kirchner

Geldbeutel
Geld ist vorhanden, aber in vielen Familien ist das Thema Finanzen tabu

Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über GeldanlagethemenChristian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen

 


Im Kurznachrichtendienst Twitter macht derzeit ein Beitrag die Runde mit tausenden Weiterleitungen, der offenbar den Nerv vieler Leser trifft.

Hoffentlich stößt der Beitrag eine Debatte über die Rolle von Verbraucher- und Finanzwissen an. Denn wer auf Konferenzen oder im Smalltalk am Finanzplatz Frankfurt Applaus und Zustimmung erhaschen will, hat mit folgender Strategie leichtes Spiel: Man bejammere zunächst, dass die Deutschen ja so gute Sparer, aber so schlechte Anleger seien. Sie liebten das Sparbuch trotz negativer Realzinsen, scheuten aber Aktien  – völlig zu Unrecht, weshalb das durchschnittliche Privatvermögen in anderen Ländern auch viel höher sei.

Nach der Diagnose leite man dann über zur Forderung, wie das zu ändern sei: mit mehr finanzieller Bildung, idealerweise einem Schulfach Wirtschaft. Und schon setzen heftige Nickbewegungen ein. Wer würde da auch widersprechen wollen?

Ich widerspreche. Mehr finanzielle Bildung, mehr Verbraucherwissen ist fraglos wichtig und wünschenswert, ebenso, dass mehr  Deutsche einen rentableren Vermögensaufbau betreiben als derzeit.

Allerdings kursieren zum Thema Finanz- und Verbraucherwissen eine Reihe Halbwahrheiten, mit denen es sich alle Beteiligten zu leicht machen.

Deutsche wissen nicht weniger als andere

Nehmen wir die Finanzbildung im internationalen Vergleich: Die ist, wie aus länderübergreifenden Studien hervorgeht, in Deutschland keineswegs schlechter als in angelsächsischen Ländern, die uns wegen der Affinität der Bürger zu Aktien immer wieder als gute Beispiele vorgehalten werden. 53 Prozent der Deutschen konnten in einer von der OECD in Auftrag gegebenen Befragung drei einfache Fragen zur Rolle von Zins, Inflation und Streuung bei der Geldanlage richtig beantworten, aber nur 30 Prozent der US-Amerikaner.

Und: Gerade bei den jüngeren Befragten unter 36 war der Wissensvorsprung der Deutschen vor den US-Befragten immens. Das macht das fehlende Wissen nicht besser, hilft aber, den rituellen Blick auf angelsächsische Länder in Finanzdingen etwas zu relativieren.

Eine weitere – überraschende Erkenntnis – der noch jungen Forschung ist, dass es keine Zusammenhänge zwischen der finanziellen Bildung an Schulen und der Partizipation an langfristig rentablen Anlageformen am Kapitalmarkt gibt. Das heißt: Es wird in Deutschland nicht mehr Aktionäre geben, nur weil man Schülern klar macht, dass Dividendenpapiere langfristig dem Sparbuch überlegen sind.

Die Familien sind gefordert

Fraglos würde ein Schulfach Wirtschaft mehr nützen als schaden. Es muss dringend her. Schließlich geht es nicht nur um Geldanlage, sondern auch um Alltagsfinanzen, Kreditfallen, Versicherungen, Mietverträge. Und wer - wie der Staat - Handy-, Strom-, Gas- und Telefonmärkte liberalisiert; wer zusieht, wie die Bemühungen um die private und geförderte Altersvorsorge bestenfalls stagnieren trotz immer größerer demografischer Herausforderungen, muss seine Bürger in die Lage versetzen, sich diesen Problemen zu stellen.

Da allerdings Bildung Ländersache ist, droht das Thema auf schulischer Ebene eher politisch zerredet zu werden, ehe sich etwas bewegt – zumal die Lobbyisten aus der Informationstechnologie mit ebenfalls guten Argumenten für die Integration von IT-Wissen in der Schule plädieren. 

Es gibt ohnehin eine weit wichtigere Determinante für finanzielle Bildung als ein Schulfach Wirtschaft oder hunderte neue Verbraucherzentralen. Ganz einfach: Reden. Die Enttabuisierung des Themas Geld, Geldanlage und Kredit ist in erster Linie ein familiärer Auftrag. Den Umgang mit Geld (und fehlendem Geld) leben Eltern ihren Kindern vor, und das glaubwürdiger als jeder Lehrer. Nimmt man etwa die Schwellenländer als Maßstab, sprechen Eltern laut einer Erhebung des Kreditkartenkonzerns Visa in Brasilien und Mexiko am häufigsten mit ihren Kindern über Geld, in Indonesien am wenigsten. Die finanzielle Allgemeinbildung ist am höchsten in Brasilien und Mexiko – und am niedrigsten in Indonesien.

Natürlich gibt es viele Eltern, denen das Wissen fehlt, folglich können sie auch kaum etwas weiterreichen. In dieser Hinsicht sollten wir uns in Deutschland – siehe die Befragungen zum Allgemeinwissen – aber auch nicht kleiner machen, als wir sind. Aber auch zu unserem Unwissen stehen.


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