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Die neue Modedroge Schulz

, von Horst von Buttlar

Das Land berauscht sich an dem SPD-Kanzlerkandidaten. Wie konnte das passieren? Warum Martin Schulz die gleiche Langzeitwirkung wie Chrystal Meth hat. Von Horst von Buttlar

Zeit-für-Martin-Button © Getty Images
"Zeit-für-Martin"-Button: Der SPD-Kanzlerkandidat hat seiner Partei wieder Leben eingehaucht

Wer einige Wochen auf Reisen war und dieser Tage zurückkehrt in unser Land, wird es nicht sofort wiedererkennen: Da ist zum einen der Anti-Trump-Wahn, der sich zu einer neuen Obsession entwickelt – wo man sich fragt, mit welcher Energie der Erregungszirkus vier Jahre durchgehalten werden soll.

Und dann ist da die neue Modedroge namens Schulz. Seit der SPD-Kanzlerkandidat durchs Land reist und Deutschland und Europa wieder „great“ machen will, verliert sogar Wolfgang Schäuble die Nerven und vergleicht Schulz mit Trump. Wie konnte es passieren, dass sich so viele so schnell an einem nicht außergewöhnlichen Politiker berauschen, als müsste er das Land erlösen und plötzlich eine Wechselstimmung und nur noch „Merkel-Dämmerung“ im Land ist? Oder gibt es gar keine Wechselstimmung, und wir erleben nur eine neue gigantische Filterblase, die sich über die Hauptstadt gelegt hat? In der jene, die sich beklagen, wie Angela Merkel die Deutschen eingeschläfert hat, selbst gerade erst aufgewacht sind und ihre Lager-Lebensgeister entdeckt haben?

Zunächst einmal ist diese Belebung bei aller übertrieben Projektion in die Figur Schulz ja eine gute Sache. Denn nicht nur die SPD spürt wieder, dass sie lebt, auch die CDU, die sich bis zum Herbst mit der Frage beschäftigen wollte, wie hoch die SPD gegen sie verliert – und ob sie dann erneut mit den Sozis oder den Grünen regiert. In der Filterblase der Hauptstadt war man eher für die Grünen, weil wenigstens das etwas Neues gewesen wäre.

Der Aufstieg als Story ist wie ein Virus

Der kometenhafte Aufstieg eines SPD-Kandidaten muss dennoch eine neue und extreme Form der positiven Rückkopplung sein. Hier sei ein kurzer Exkurs gestattet: Der Ökonom Robert Shiller hat untersucht, wie sich Narrative auf die Wirtschaft auswirken. Diese sind im Grunde verpönt, Wirtschaftswissenschaftler lieben ihre Modelle, wer nur Anekdoten erzählt, versteht nichts von Wirtschaft. Das überlässt man den Sozialwissenschaftlern. Der Nobelpreisträger hat dem nun widersprochen: Er glaubt, dass Ökonomen Bausteine zur Erklärung von Krisen fehlen, weil sie etwas ignorieren: das Narrativ. Der Yale-Professor hat Narrative, also sinnstiftende Geschichten, untersucht und versucht nachzuweisen, dass sie doch einen Effekt auf ökonomisches Verhalten haben.

Solche Narrative können sich ausbreiten wie ein Virus, es wird darüber berichtet, viele lesen und sprechen darüber, was wiederum zu neuen Berichten führt. Im Internet kann man solche Narrative in einer ganz neuen Größe und Geschwindigkeit produzieren, was im Fall der SPD derzeit geschieht. Man spricht hier auch von „Social Proof“: Je mehr Menschen eine Idee richtig finden, desto wirklicher wird sie. Der Wiederaufstieg der SPD wird damit zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Man könnte nun sagen: Ist doch egal, Hauptsache wieder 30 Prozent. Hauptsache wieder die Möglichkeit einer Kanzlerschaft. Die SPD muss sich aber schon fragen, wieso nach nahezu zwölf Jahren mit Ergebnissen zwischen 20 und 25 Prozent, wo einige die SPD schon auf dem Weg hinter die AfD wähnten, nun plötzlich alles anders ist. Wieso man zwölf Jahre mit respektablen Kalibern wie Peer Steinbrück und Frank-Walter Steinmeier so scheintot und im Keller war – wieso also nun zwölf Tage reichen, um eine komplette Partei zu drehen, die ja noch nicht mal einen neuen Gedanken oder einen Plan präsentieren musste?

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Ein Hauch von 1998

Möglichkeit eins: Es ist nur eine Scheinblüte, nur Autosuggestion und Hype, bis die erregten Hauptstadtgeister wieder die Lust an der Aufstiegsstory verlieren, und bei Wahlen wird die SPD wieder auf die 25 Prozent fallen. Möglichkeit zwei: Der „Social Proof“ finden derzeit bei den Umfragen statt. Und allein das wirkt sich positiv auf das Ergebnis auf. Möglichkeit drei, und hier dürfte man tatsächlich den Trump-Vergleich herausholen, der für viele „Nicht-Hillary“ war: Schulz ist „Nicht-Merkel“ und gleichzeitig „Nicht-Gabriel“. Und da spüren dann doch mehr, als sie ahnten, wie überdrüssig sie der Kanzlerin geworden sind – und die SPD, obwohl selbst an der Regierung, plötzlich parallel etwas Neues darstellt. Und erstmals seit langer Zeit ist „das Neue“ reizvoller als das Bekannte, das „Sie kennen mich“. Die Union könnte dem nur begegnen, wenn das Neue zu jenem wird, was die Deutschen fürchten: das Risiko.

Es wird wieder spannend – und das ist gut so. Man hungert danach, über Programme und Ideen zu streiten, und zwar nicht so, wie man nun seit fast zwei Jahren über Flüchtlinge streiten muss – wo es vor allem apokalyptische Erregungszustände geht. Ein Hauch von 1998 tut uns gut, selbst wenn der Aufstieg von Schulz derzeit in einer seltsamen Sehnsucht herbeigeschrieben wird, flankiert von öffentlich-rechtlicher Wahlwerbung, wo man sich fragt, ob NDR und WDR spontan ins Willy-Brandt-Haus gezogen sind.

Wer Drogen nimmt, muss sich aber mit der Langzeitwirkung beschäftigen: Und hier wird die Modedroge Schulz erst gefährlich. Es ist müßig und albern zu rekonstruieren, ob Schulz von 1987 bis 1998 ein guter oder schlechter Bürgermeister von Würselen war – und dort sündhaft teure Spaßbäder hat bauen lassen, die heute Millionengräber sind.

Schulz wirkt wie Chrystal Meth

Allein das zählt, was vor uns liegt: Mit Schulz wird Rot-Rot-Grün seit langer Zeit wieder zu einer Machtoption. Durch die AfD war ein solches Bündnis nur knapp an die 40 Prozent gekommen. In den jüngsten Umfragen liegt es schon bei 45 bis 47 Prozent. Rot-Rot-Grün aber wäre mehr, als nur etwas Neues, als nur „Nicht-Merkel“. Eine solche Koalition wäre eine ganz neue Bedrohung für die Wirtschaft und den Aufschwung, der seit 2005 anhält und nur 2009 durch die Finanzkrise unterbrochen wurde.

Drei Elemente dieser Bedrohung sollte man erkennen, zumal eines schon in dieser Koalition durchscheint. Erstens, eine Politik wird zunehmen, die Unternehmen und den Standort schwächt – man muss nur auf die Agenda der beiden SPD-Ministerinnen Andrea Nahles und Manuela Schwesig schauen; immer neue Gesetze, meist ideologisch getrieben, die neue Bürokratie und Lasten für Unternehmen und Arbeitnehmer im Namen der Gerechtigkeit erfinden. Nahles wäre in einem rot-rot-grünen Kabinett vermutlich die wirtschaftsfreundlichste.

Zweitens, eine notorische Blindheit gegenüber dem demografischen Wandel, die immer neue schädliche Eingriffe in das Rentensystem zur Folge hat. Die Union ist hier inzwischen ebenso erblindet, die letzte nachhaltige Reform gab es 2006. Auch hier sind Zahlen und Fakten weniger wichtig, Rentenpolitik wird in der Form einer Lebensleistungs-Agiation betrieben, für die immer frisches Geld in das System muss.

Und drittens, ein beunruhigender Investitionswahn – der eigentlich einen richtigen Kern hat. Es muss ja mehr investiert werden, aber hier gibt es keine Angebotsseite mehr (etwa private Investitionen fördern), sondern eine übereifrige Nachfrage-Besessenheit, die vor allem ein Ziel hat: mehr Geld. Dass dieses seit einigen Jahren in Hülle und Fülle vorhanden ist, stört nicht. Dass öffentliche Töpfe nicht geleert werden, auch nicht. Das Heil heißt: mehr Geld. Flankiert wird das Ganze von immer neuen „Gutachten“, vor allem vom DIW in Berlin, die im Grunde Propaganda sind.

Mehr Geld heißt auch frisches Geld – und das heißt: höhere Steuern. Das holt man natürlich von den Erben und Reichen. Dass die oberen zehn Prozent bereits die Hälfte der Einkommensteuer tragen, interessiert da auch wenig – weil zwischen dem Dax-Vorstand und den Facharbeitern, Handwerksmeistern, den Ärzten, Unternehmen und Ingenieuren gar nicht mehr so viel differenziert wird. Die sind alle irgendwie oben, und da soll ordentlich was geholt werden. Und wer mit Vordenkern von Rot-Rot-Grün spricht, hört genau das: Da gibt es nicht wenige, die das Land noch einmal ordentlich umpflügen wollen. Insofern hat die Droge Schulz die gleiche Wirkung wie Chrystal Meth – man fühlt sich zunächst ziemlich gut. Aber die Langzeitschäden sind gefährlich.

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