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Warum Wilders seinen Schrecken verloren hat

, Simon Kuper, Financial Times

Die Außenwahrnehmung täuscht: Geert Wilders steht nicht im Zentrum des niederländischen Wahlkampfes. Von Simon Kuper

Geert Wilders © Getty Images
Geert Wilders

Geert Wilders geht so gut wie nie unter Menschen. Der niederländische Politiker steht seit 2004 wegen Morddrohungen islamistischer Fundamentalisten unter ständiger Bewachung. Eines Morgens im vergangenen Frühjahr traf ich ihn in seinem schwer bewachten Parlamentsbüro in Den Haag. Er saß unter einem Porträt von Winston Churchill. Nachdem ich ihn von seinem üblichen Gerede über die angeblichen Übel des Islam und der EU abgebracht hatte, war er ein angenehmer Gesprächspartner: witzig, intelligent, entspannt, freundlich und ein guter Zuhörer. Das Treffen fand kurz vor der Abstimmung über den Brexit in Großbritannien statt. Wilders sagte, er würde bei einem Sieg des Anti-EU-Lagers „unverzüglich“ ein niederländisches Referendum über einen „Nexit“ vorschlagen.

Es war das Spannendste, das mir während meines zweitägigen Aufenthalts in Den Haag untergekommen ist. Wilders plus Churchill plus Nexit ist eine Traumkombination für einen ausländischen Journalisten, der darum kämpft, seine Leser für die niederländische Politik zu interessieren. Aber ich verwarf auf halbem Weg das Konzept für den Artikel über die Chancen eines „Nexits“. Da ich in den Niederlanden aufgewachsen bin, wusste ich, dass Wilders Aussage auf die niederländische Realität wenig Einfluss haben würde.

Es gibt zwei sehr unterschiedliche Erzählungen über die niederländischen Wahlen am kommenden Mittwoch: eine Geschichte aus der Außenperspektive, bei der Wilders im Mittelpunkt steht und die Frage, ob er den populistischen Höhenflug nach Brexit und Trump fortführen kann; und eine niederländische Geschichte, in der Wilders nicht einmal die Hauptfigur ist.

Wilders will mehr sein als ein Provinzpolitiker

Das Interesse im Ausland an niederländischen Wahlen geht gewöhnlich gegen Null. Dieses Mal ist es anders, weil viele Ausländer die Wahl am Mittwoch als neue Runde im Kampf zwischen den beiden großen globalen politischen Bewegungen sehen: Nationalisten gegen Internationalisten.

Wilders unterstützt diese Sichtweise. Er will nicht nur als Innenpolitiker wahrgenommen werden. Wie viele ambitionierte Niederländer aus allen Bereichen, sehnt er sich nach einem internationalen Status. Sein Büro ist mit Zeugnissen aus dem Ausland übersät: ein Zeitungsfoto von Margaret Thatcher, eine israelische Fahne in einem Fenster und an seiner Bürotür ein Aufkleber mit einem arabischen Zitat, das (laut Wilders) besagt, der Koran sei Gift und Mohammed ein Dieb. Als wir uns unterhielten, bereitete er sich gerade auf seine Reise zum Konvent der US-Republikaner in Cleveland vor. Sogar die vier Leibwächter im Wartezimmer erinnerten an seinen Kampf mit dem globalen islamistischen Fundamentalismus. Und zu seinen größten Gönnern gehören amerikanische Anti-Islamisten wie David Horowitz, der offenbar davon ausgeht, dass nur der niederländische Churchill Europa davor retten kann, ein Kalifat zu werden.

Solche Leute fördern Wilders PVV, damit sie die stärkste Partei in den Niederlanden wird. Aus der Außenwahrnehmung hätte dann der Populismus gewonnen. Die niederländische Sicht ist allerdings eine ganz andere.

Wilders liegt in Umfragen bei 15 Prozent, ein Prozentpunkt hinter der Mitte-Rechts-Partei VVD. Nehmen wir an, dass Wilders ähnlich wie beim britischen Referendum das Brexit-Lager und bei der US-Wahl Trump besser abschneidet als in den Umfragen (was bei der letzten Wahl nicht der Fall war). Sagen wir, er erreicht 20 Prozent. Na wenn schon! In den Niederlanden gibt es immer Koalitionsregierungen. Wer regieren will, braucht mehr als 50 Prozent. Nahezu alle anderen Parteien wollen nicht mit Wilders zusammenarbeiten.

Keiner will mit Wilders koalieren

Niederländische Koalitionen sind abhängig von Kompromissen. Aber Wilders mag keine Kompromisse, und diesmal macht sein extremes Programm eine Einigung auch fast unmöglich. Gegen ihn sieht Trump aus wie ein weicher Multikulti-Propagandist. Wilders schlägt vor, alle Moscheen in den Niederlanden zu schließen, den Koran zu verbieten, die niederländischen Grenzen zu schließen und die EU zu verlassen. Keine andere Partei teilt diese Positionen.

Es ist noch nicht mal klar, ob Wilders überhaupt regieren will. Wenn er Kompromisse für die Beteiligung an einer Koalitionsregierung akzeptiert, wird er fast so wie ein niederländischer Standard-Politiker und das macht ihn weniger interessant für die Horowitzes dieser Welt. Ein unverfälschter Wilders ist aufregender und bleibt der einzige niederländische Politiker, der im Ausland Gehör findet, ja sogar besser bekannt ist als Mark Rutte, seit 2010 Ministerpräsident. Wilders’ Radikalismus, genauso wie sein gefärbtes blondes zurückgekämmtes Haar, macht ihn zu einer internationalen Marke.

Die Wähler aber fragen sich, wer am Ende ihr Land regieren soll. Für sie hat Wilders an Relevanz verloren. Nur wenige sehen ihn noch als die zentrale Figur bei der Wahl. Die drei großen linken Parteien – PvdA, SP und GroenLinks, die gerne zusammen regieren würden – kommen in den Umfragen auf 28 Prozent. Die Mitte-Rechts Parteien VVD und CDA erreichen zusammengerechnet auch in etwa diesen Wert. Wilders Partei liegt nur deshalb so weit vorne, weil sie die nationale Flanke fast für sich alleine hat. Seine extremen Aussagen haben immer noch Nachrichtenwert, aber sie sind weniger einflussreich als früher. Es ist, als ob Trump eine Partei elf Jahre lang geführt hätte: Die Medien sind gelangweilt von Wilders. Wenn Sie niederländisches Radio hören oder Fernsehen gucken, werden Sie dort genauso wie auf Wilders auch auf Alexander Pechtold von der liberalen Partei D66 oder Jesse Klaver von GroenLinks stoßen. Beide sind im Ausland nahezu unbekannt, in den Niederlanden sind es große Fische.

Wilders Ansichten über Asylsuchende, Zuwanderung und die EU beeinflussen die nationale Debatte. Aber Umfragen zeigen, dass für die Wähler das größte Thema „Zorg“ ist - das umfasst das Gesundheitswesen und die Altenpflege. Auch rüdes und schlechtes Benehmen in der Öffentlichkeit beschäftigt die Menschen. Lange TV-Debatten über diese Themen hatten viele Zuschauer.

Für Ausländer ist das alles sehr langweilig. Und selbst wenn Wilders am 15. März stärkste Kraft werden sollte, sind monatelange zähe Koalitionsverhandlungen zu erwarten, die in einer Regierung ohne Wilders münden werden. Dann können Ausländer die niederländische Politik für ein weiteres Jahrzehnt getrost vergessen.

Copyright The Financial Times Limited 2017


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