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Negativzinsen - Silvio Gesells Triumph

, Markus Seidel

Mit Negativzinsen wollte der Ökonom Silvio Gesell Krisen bekämpfen. Seine Thesen werden langsam salonfähig. Von Markus Seidel

Negativzinsen © Getty Images
Die ersten Banken erheben Strafzinsen für Geldeinlagen von ihren Großkunden

Markus Seidel studierte Wirtschaftsingenieurwesen und VWL in Karlsruhe und promovierte in St. Gallen im Bereich Innovationsmanagement. Seit fast 20 Jahren ist er Manager in der Automobilindustrie und treibt dort neue Ideen und Konzepte voran. In diesem Jahr erschien sein Buch Markus Seidel studierte Wirtschaftsingenieurwesen und VWL in Karlsruhe und promovierte in St. Gallen im Bereich Innovationsmanagement. Seit fast 20 Jahren ist er Manager in der Automobilindustrie und treibt dort neue Ideen und Konzepte voran. In diesem Jahr erschien sein Buch "Geld war Gestern".


Der Weg in die Winterferien in Tirol führt häufig an dem beschaulichen Alpenstädtchen Wörgl vorbei. Kaum jemand weiß, dass dort vor über 80 Jahren ein ungewöhnliches Währungsexperiment durchgeführt wurde, dass die Geldpolitik heute revolutionieren könnte. Wer Zeit für eine Pause hat, der  sollte das lokale Heimatmuseum besuchen. Dort kann man einen Blick auf die Geschichte des „Wunders von Wörgl“ von 1932 bis 1933 werfen, das Weltgeschichte schrieb. Die Grundlage hierfür schuf der unbekannte Ökonom Silvio Gesell, der mit Negativzinsen Wirtschaftskrisen bekämpfen wollte.

Mit der Einführung von Negativzinsen durch die EZB und der Skatbank im thüringischen Altenburg ging ein Aufschrei durch die Republik. Zwar ist der Negativzins noch sehr niedrig und nur für hohe Guthaben fällig, doch das könnte der Anfang eines epochalen Umbruchs in der Geldpolitik sein. Was liegt näher als nach Mechanismen zu suchen, die das Ungleichgewicht aus hohen Staatsschulden bzw. hoher Arbeitslosigkeit auf der einen Seite und hohen Bankguthaben in Billionenhöhe auf der anderen entschärfen könnten?

Vor kurzem hat der bekannte Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff auch noch die Abschaffung des Bargelds empfohlen, um leichter Negativzinsen durchsetzen zu können, damit der Prozess beschleunigt wird. Wer meint, dass Negativzinsen eine unsinnige Erfindung der Zentralbanken sind, der wird mit einem Blick in die Geschichte eines Besseren belehrt. Spätestens seit dem Wunder von Wörgl ist bekannt, dass hohe Negativzinsen das Potenzial haben, die Wirtschaft anzukurbeln - zumindest vorübergehend.

Erfolgreiche Freigeldexperimente

Auf der Basis von Beobachtungen einer tiefen Wirtschaftskrise in Argentinien um 1890, entwickelte der Ökonom und Vordenker Silvio Gesell eine ungewöhnliche Theorie: Der Staat müsse dafür sorgen, dass Geld nicht gehortet sondern ausgegeben wird. Dazu müsse Geld wie alle anderen Dinge in der Natur beschaffen sein: Es soll im Zeitverlauf „verderben“ und dadurch an Wert verlieren. In der Praxis könne dies dadurch erreicht werden, in dem sich das Geld quasi permanent selbst entwertet und an Kaufkraft verliert – also mit Negativzinsen behaftet ist. Das so bezeichnete „Freigeld“ sollte Konsum und Wirtschaftswachstum stimulieren, schnell zirkulieren und die Arbeitslosigkeit senken.

Getestet wurden das Freigeld-Konzept Silvio Gesells erstmalig im niederbayrischen Schwanenkirchen. Der Ort war durch die Schließung einer lokalen Kohlezeche im Jahr 1929 schwer getroffen. Es wurde die Kunstwährung „WÄRA“ geschaffen, deren Banknoten, Tauschbons genannt, über den Zeitverlauf immer mehr an Wert verloren. Mit Erfolg: Konsum und Wirtschaft wurden gestärkt, die  Arbeitslosigkeit sank erheblich. Nachdem 1931 bereits über 1000 Unternehmen im Deutschen Reich WÄRA als Tauschmittel akzeptierten, setzten die deutschen Behörden durch ein Verbot dem Spuk ein Ende.

Ein weiteres Freigeld-Experiment wurde in der Tiroler Gemeinde Wörgl durch den mutigen Bürgermeister Michael Unterguggenberger 1932 gestartet. Sägewerke, Ziegelfabriken und andere Arbeitgeber entließen im Rahmen der Wirtschaftskrise Hunderte von Mitarbeitern, doch Unterguggenberger stemmte sich dagegen und führte mit dem „Wörgler Schilling“ ein Freigeld-System ein. Die entsprechenden Banknoten, Arbeitswertscheine genannt, entwerteten sich jeden Monat automatisch um ein Prozent. Auch hier war der Versuch von Erfolg gekrönt: Die Wirtschaft stabilisierte sich und die Arbeitslosigkeit fiel stark.

Freigeld-Systeme werden salonfähig

Nachdem rund 200 weitere österreichische Gemeinden daraufhin ähnliche Initiativen starten wollten, verbot 1933 der Verwaltungsgerichtshof das Wörgler Freigeld und stoppte dessen Verbreitung. Auch in den USA liefen Vorbereitungen in großem Stil. Mehr als 400 Gemeinden und Städte wollten Freigeld-Systeme einführen. Doch aus verschiedenen Gründen verlief die Bewegung hier im Sande.

Noch zu Jahresbeginn erschien die These recht gewagt, dass Euro, Dollar und andere Währungen immer mehr zu Freigeld-Systemen mutieren. Mittlerweile scheint sie aber salonfähig geworden zu sein. Würde Bargeld tatsächlich abgeschafft und hohe Negativzinsen eingeführt, dann dürfte es bald danach lange Schlangen vor dem Heimatmuseum in Wörgl geben – das wäre dann ein später Triumph für Silvio Gesell. 


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