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Mit Energie aus der Griechenland-Krise

, Claudia Kemfert

Alle reden über die wirtschaftlichen Schwächen Griechenlands. Dabei gibt es ein ungenutztes Potenzial: erneuerbare Energien. Von Claudia Kemfert

Griechische Flagge
Sonne satt: An über 300 Tagen im Jahr scheint die Sonne, doch Griechenland verbrennt Kohle

Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Foto: DIW/Daniel Morsey


Derzeit reden alle über Geld in Griechenland, vor allem über das Geld der Vergangenheit, Geld das zu bezahlen ist. Dabei könnte man auch von der Zukunft reden und über Geld, das zu verdienen ist. Geld, das in dem krisengeschüttelten Land quasi unbegrenzt zur Verfügung steht: Wasser, Sonne und Wind. Es ist Verschwendung, diese Ressourcen nicht zu nutzen, und es wäre ein Leichtes über Wasser-, oder Wellenkraftwerke, Solarparks und Windmühlen die heimische Energieversorgung sicherzustellen. Überschüsse ließen sich gewinnbringend in die europäischen Nachbarländer exportieren.

Es scheint an über 300 Tagen im Jahr die Sonne, doch Griechenland verbrennt Kohle. Auf den Inseln wird Strom aus klimaschädlichem Diesel gewonnen. Dabei soll auch Griechenland im Zuge der EU-Vereinbarungen bis 2020 40 Prozent seines Stroms durch erneuerbare Energien gewinnen.

Doch angesichts der aktuellen wirtschaftlichen und humanitären Lage des Landes klingen Vokabeln wie Klimaschutz und Energiewende für viele leider wie Luxus. Dabei liegt genau hierin die Chance, die darniederliegende griechische Wirtschaft wieder auf die Füße zu stellen.

Einen vielversprechenderen Anfang gab es 2010: Mit einer Art Energiewende-Gesetz begann in Griechenland ein kleines Wirtschaftswunder: Schon 2013 deckte die Solarstrom-Produktion über sechs Prozent des Strombedarfs in Griechenland, rund 50.000 Jobs sind entstanden.

Ölimporte statt klimafreundliche Energieversorgung

Noch 2012 sprach man in Brüssel und Athen von dem Projekt „Helios“, bei dem Griechenland ab 2015 erneuerbaren Strom bis nach Deutschland liefern sollte. Doch die Schuldenkrise brachte die Pläne zum Platzen. Der Markt für erneuerbare Energien brach um fast 80 Prozent ein. Zahlreiche Jobs gingen verloren. Die Sparauflagen der Gläubiger verringerten den Spielraum für den Umbau der Energielandschaft. Statt aus klimafreundlicher Energieversorgung Gewinn zu ziehen, belastet Griechenland seine Ausgaben durch teure Ölimporte in Höhe von jährlich 400 Mio. Euro.

Dabei könnte Energiewirtschaft der Schlüssel zur Überwindung der Krise sein: Die Förderung erneuerbarer Energien dürfte nicht nur schnelle Ergebnisse für die nationale Klimaschutzbilanz und den nachhaltigen Aufbau von Arbeitsplätzen bringen. Auch geostrategische Gründe sprechen für Griechenland als bedeutenden Energiestandort auf der Europakarte.

Erst vor wenigen Wochen, im Februar 2015, hat die Europäische Kommission eine Rahmenstrategie für eine krisenfeste Energieunion mit einer zukunftsorientierten Klimaschutzstrategie vorgestellt. Kürzlich war der für Energiepolitik zuständige Vizepräsident der Europäischen Kommission Maroš Šefèoviè in Berlin, um dafür zu werben.

[Seitenwechsel]

Abhängigkeit von Russland

Neben Energieeffizienz, Emissionsminderung, Forschung und Innovation geht es dabei um Versorgungssicherheit und im Zuge dessen um einen vollständig integrierten Energie-Binnenmarkt. Allen Verantwortlichen ist klar, dass die Energieversorgung ein Kernelement der europäischen Wirtschaft ist. Umso bedenklicher ist die große Abhängigkeit von Energie-Importen aus aller Welt. Insgesamt importieren die Länder der Union mehr als die Hälfte der benötigten Energie.

Um das zu verändern, bräuchte es nicht nur eine stärkere Diversifizierung der Energieträger, vor allem ein Ausbau der erneuerbaren Energien – und eine effizientere Nutzung und vor allem Verteilung der in der EU erzeugten Energie. Das würde nicht nur die Integration von stark schwankendem Ökostrom vereinfachen, sondern auch insbesondere bei der Gasversorgung wichtig sein.

Vor allem die fast ausschließlich aus Russland stammenden Gaslieferungen nämlich bereiten Brüssel Grund zur Sorge. Von dort kam im letzten Jahr etwa ein Drittel des europäischen Erdgases. Einige EU-Länder wie beispielsweise Bulgarien beziehen den Großteil ihres Gases aus Russland.

Griechenland steht am Scheidepunkt

Die große Abhängigkeit von außereuropäischen Produzenten ist also nicht nur teuer, sondern auch politisch heikel. Deswegen mischt sich auch Washington immer deutlicher in die europäische Energiepolitik ein. US-Konzerne sollen die Energie-Sicherheit Europas garantieren. Währenddessen kontert Russland mit dem Bau einer neuen Pipeline durch die Türkei namens Turkish Stream, die die EU-Staaten als Kunden an Russland binden sollen.

Hier könnte Griechenland als Nachbarland der Türkei nunmehr eine machtvolle Position im internationalen Gas-Poker einnehmen, die man bei den aktuellen Grexit-Diskussionen einkalkulieren sollte. Es geht um viel Geld, von zweistelligen Milliardenbeträgen ist die Rede. Aber es geht auch um Macht und Unabhängigkeit.

Das Paket zur Energie-Union betrifft auch Athen. 28 europäische Energiemärkte müssen zu einer Einheit zusammenwachsen, um so die Energieabhängigkeit Europas zu verringern und die Versorgungssicherheit zu erhöhen. Zudem könnte die Energie-Union dem Klimaschutz dienen, Arbeitsplätze schaffen und das Wirtschaftswachstum ankurbeln. Griechenland steht am Scheidepunkt, ob und in welcher Weise es Teil der europäischen Gemeinschaft sein will.

Solange der europäische Energiemarkt so zersplittert und ziellos vor sich hin agiert wie bislang, ist es für den Hauptgaslieferanten Russland leicht, die Abhängigkeiten kleiner EU-Länder monopolartig auszunutzen und sich obendrein in die europäische Binnenpolitik einzumischen. Es wird Zeit, dass Europa zusammenwächst, nicht nur bei der Überwindung einer gewaltigen Finanzkrise, sondern auch bei Investitionen in eine vielversprechende Energie-Zukunft. In Griechenland könnte man energetisch endlich mal wieder nach Vorne denken!


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