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Messenger-Apps drängen in den Zahlungsverkehr

, Dirk Elsner

Warum Messenger-Apps mit P2P-Zahlungen die wahre Bedrohung für Banken und Fintechs sind. Von Dirk Elsner

WhatsApp auf einem Smartphone © dpa
Zahlungen per Messenger-App könnten bald üblich sein

Dirk Elsner (Foto: Sebastian Berger, Stuttgart)Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


Aus der aktuellen geldpolitischen Diskussion entsteht der Eindruck, die Evolution des Bargelds könne möglicherweise bald an ein Ende kommen. Manche wollen das Bargeld komplett durch elektronische Bezahlverfahren ersetzen. Wir sehen dazu einen Boom neuer Anbieter, getrieben vor allem durch sehr große Technologiekonzerne. Über Online-Bezahlverfahren oder das mobile beziehungsweise kontaktlose Bezahlen im Geschäft wird derzeit besonders viel gesprochen.

Noch vergleichsweise wenig bekannt sind hierzulande Verfahren, die Fachleute als P2P-Bezahlen bezeichnen. Damit ist gemeint, dass wir Geldbeträge elektronisch direkt unseren Freunden oder Kollegen (Person zu Person = Peer-to-Peer = P2P) per Smartphone senden ohne die umständliche Prozedur einer Überweisung (das Prinzip und die Sicherheitsmerkmale hat Rudolf Linsenbarth auf Mobile Zeitgeist erklärt). In Deutschland bieten etwa Cringle und Lendstar solche Apps an, die sich wachsender Beliebtheit erfreuen. In den USA sind vor allem Venmo und Square Cash verbreitet. Mit Venmo, inzwischen eine Tochter von Paypal, sollen User allein im Januar 2016 Transaktionen für 1 Mrd. US-Dollar durchgeführt haben.

Diverse Banken und Technologiekonzerne arbeiten an Lösungen. So hat etwa Apple ein Patent für P2P-Zahlungen erhalten. Das Wall Street Journal und die New York Times bestätigten Ende letzten Jahres, dass Apple dieses Patent nutzen wolle und einen entsprechenden Service plane. Das Unternehmen stehe dazu in Gesprächen mit verschiedenen Banken. Wann dieser Service kommt, und ob er Bestandteil von Apple Pay wird, ist noch unklar.

Ob die neuen Angebote von den Nutzern angenommen werden, ist noch ungewiss, denn manches Konzept hat noch Einschränkungen, wie etwa die Bindung an bestimmte Banken oder Telefon-Provider. Oft müssen außerdem die Zahlungsempfänger den gleichen Dienst nutzen. Solche Restriktionen dürften eine schnelle Verbreitung behindern.

Schweizer Taschenmesser für alle möglichen Anwendungen

Einen anderen Ansatz verfolgen hier die Messenger-Dienste. Bekannt in Deutschland sind vor allem Whatsapp und der Facebook Messenger, die wir in Europa bisher vor allem für die Kommunikation mit Freunden, Verwandten und Kollegen nutzen. In anderen Ländern haben sich diese Dienste längst zu einem Schweizer Taschenmesser für alle möglichen Anwendungen entwickelt. Ein Beispiel dafür ist Wechat, auf das ich schon 2013 hingewiesen hatte.

Ich habe in dieser Woche in meinem Blog ein Gespräch mit Ren Jian zur Nutzung von Wechat in der Praxis veröffentlicht. Ren Jian arbeitet zusammen mit Oliver Everling, Gründer und Geschäftsführer von Rating Evidence, Fachbuchautor- und -herausgeber (z. B: “Bankdienstleister der nächsten Generation”) und Betreiber eines angesehenen Fachblogs. Sie ist eifrige Nutzerin von Wechat und gibt einen interessanten Einblick. Wechat ist ein verbreitetes Kommunikationstool des chinesischen Internet- und Telekommunikationsriesen Tencent. Man kann es mit einer oder mehreren Bankkarte/n verbinden lassen. Sie skizziert unter anderem folgende Funktionen:

• „Quick Pay“: Scannt der Geldempfänger einen QR-Code, wird Geld von dem verbundenen Bankkonto abgebucht und man erhält eine Bestätigungsnachricht.

• „Leihe“: Hier kann man beispielsweise einem Wechat-Freund Geld ausleihen oder zurückgeben.

• „Finanzprodukte kaufen“: Auf der Plattform kann man Geldmarktfonds und verschiedene Versicherungsprodukte und sonstige Fonds kaufen.

• „Rechnungen bezahlen“:Telefongebühren, Wasser, Strom, Gas, Bußgeld.

Die US-Website Business-Insider berichtete, dass es Ende 2015 697 Millionen aktive Nutzer gab, mehr als 200 Millionen Nutzer hätten ihr Bankkonto oder andere Zahlungsinformationen hinterlegt. Für 2016 erwartet Reuters ein abgewickeltes Zahlungsvolumen von umgerechnet 556 Mrd. US-Dollar. Diese Daten von Wechat beeindrucken.

Wechat jedenfalls scheint in der Fachdebatte derzeit das große Vorbild zu sein, um P2P-Zahlungen und andere Mehrwertdienste in Kommunikationstools zu integrieren. Und bei diesen Diensten sitzt Facebook für den europäischen und amerikanischen Markt derzeit in der Pole-Position. Mit dem Facebook-Messenger und Whatsapp verfügt der US-Konzern hier über die beiden beliebtesten mobilen Anwendungen.

Bezahlfunktionen in Messenger-Dienste sind erfolgversprechend

In den USA experimentiert Facebook bereits seit einem Jahr mit Zahlungsfunktionen im Messenger. Dabei setzt das Unternehmen für die Abwicklung auf die Bankeninfrastruktur. Spezialisten wollen bereits weitere Funktionen im Messenger entdeckt haben, so dass hier manche eine Ausweitung der Dienstleistungen erwarten. Der Fachdienst Venturebeat zitiert Mark Zuckerberg mit den Worten, er sehe Facebook nicht als Zahlungsverkehrsunternehmen. Allerdings, so ergänzte er, könnten entsprechende Partner solche Funktionen sehr wohl übernehmen.

Ich habe bereits früher geschrieben, dass ich das Potenzial der Integration von Bezahlfunktionen in Messenger-Dienste für Smartphones für deutlich erfolgversprechender als das mobile und bisher gefloppte Bezahlen im Geschäft halte. Tatsächlich hat Facebook mittlerweile den Messenger für andere Anwendungen geöffnet. So sollen vor allem sogenannte Bots integriert werden können, die die Nutzer bei verschiedenen Aufgaben unterstützen sollen. Dazu werden sicher auch Finanzanwendungen gehören.

Wenn wir unsere Vorstellungen erweitern wollen, wohin sich die Messenger-Apps künftig entwickeln, sollten wir weniger auf Facebook und die US-Konzerne achten, sondern mehr auf die drei großen asiatischen Technologiekonzerne. Neben Tencent Technology sind das noch Ant Financial (der ausgegliederte Finanzarm von Alibaba) und Baidu. Insbesondere Ant Financial (aka Alipay) und Tencent liefern sich eine  um die Vorherrschaft des elektronischen Bezahlens. Tencent hat gerade angekündigt, Wechat Pay auch in Japan auszurollen. Alipay hat bereits vor einigen Wochen informiert, auch in Europa die Chinesen erreichen zu wollen.

Ich bezweifle zwar, dass europäische Kunden massenweise in chinesische Applikationen drängen, aber die Konzerne liefern anderen Technologieunternehmen geeignete Blaupausen. Sollte ein künftiger Weg beim Bezahlen tatsächlich über die Kommunikations-Apps führen, dann werden proprietäre Lösungen, die nur an bestimmte Banken, Telekommunkationsdienstleister und andere Restriktionen gebunden sind, kaum Chancen haben. Dies gilt umso mehr, weil in diesem Anwendungsgebiet der Netzwerkeffekt eine zentrale Rolle spielt. Das bedeutet, die Anwendung, mit der ich die meisten Nutzer erreiche, wird sich durchsetzen. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, ob ein Teil der asiatischen Bezahlkultur sich bald stärker in Europa ausbreitet.


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