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Management von vorgestern

, Lars Vollmer

Technologische Innovationen nutzen nichts, wenn das Management veraltet ist. Aber genau das ist das Problem. Von Lars Vollmer

Schreibmaschine
Schreibmaschine und Schreibblock: Das Management ist im letzten Jahrhundert stecken geblieben, meint Lars Vollmer

Lars Vollmer ist Unternehmensberater, Vortragsredner und Autor.Lars Vollmer ist Unternehmensberater, Vortragsredner und Autor. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Wrong Turn - Warum Führungskräfte in komplexen Situationen versagen", Orell Füssli April 2014


VW hat keinen Abgasskandal! Na gut, die Affäre um die gefälschten Abgaswerte ist sehr wohl ein Skandal, auch ein Vertrauensskandal. Aber das ist nur vordergründig. Denn tatsächlich steckt dahinter ein ausgewachsener Managementskandal.

Nach Siemens, Schlecker und wiederholt auch der Deutschen Bank ist das ein erneuter Beweis, dass klassisches Management in der heutigen Zeit kollabiert. Und das sind nur die prominenten Beispiele, die es mit Pauken und Trompeten in die Weltpresse geschafft haben. Aber ein solches Managementversagen findet auch im Kleinen statt. Da, wo es die Gesellschaft nicht bemerkt. Bei Mittelständlern, für die sich die Medien nicht so sehr interessieren, weil ihr internationaler Einfluss geringfügig oder gar nicht vorhanden ist.

Ich sehe aber tagtäglich die Warnsignale, die langsam so groß werden, dass jeder sie bemerken müsste: Das Management kommt mit der Komplexität der Neuzeit nicht zurecht. Ganz offensichtliches Versagen wie bei VW ist nur die Spitze des Eisbergs.

Unter der Oberfläche

Schauen Sie bitte mal genauer hin. Unter die Oberfläche! Hören Sie Mittelständlern mal zu! Für sie wird es immer schwieriger, Ergebnisse zu erzielen, die sie vor 20 Jahren noch locker eingefahren haben. Es wird immer schwieriger, sich am Markt zu behaupten. Außerdem regen sich Mitarbeiter über ihre unfähigen, unsozialen oder unkollegialen Chefs auf. Und die wiederum ärgern sich über ihre unmotivierten, uninspirierten und unselbstständigen Mitarbeiter.

Versteht denn keiner, dass das ein ausgewachsenes Managementproblem ist? Dass Skandale und Versagen weder Mitarbeitern noch Führungskräfte geschuldet sind, sondern der Art und Weise, wie Unternehmen organisiert und geführt werden? Und dass es also auch nichts bringt, ständig neue Attribute für Chefs und Angestellte zu fordern?

Management aus dem letzten Jahrhundert

Für mich ist es unverständlich, dass Unternehmen technisch in alle möglichen Richtungen forschen und Geld in technische Neuerungen pumpen, aber niemand über die gesellschaftliche oder soziale Komponente der neuen Wirtschaft nachzudenken scheint.

Big Data, Industrie 4.0, digitale Geschäftsmodelle – alles ganz spannend. Aber nichts davon packt das eigentliche Problem an: das Management, das bei all dem Fortschritt im letzten Jahrhundert steckengeblieben ist – Management 1.0 sozusagen. Daran wird immer nur kosmetisch herumgedoktert. Kästchen werden geschoben, neue Standard-Prozeduren erfunden (Six Sigma, ISO xxxxx, usw.) oder Abteilungsnamen geändert (Compliance Management statt Interne Revision – Sie wissen schon...). Also doch nicht Management 1.0, eher Management 1.378.

Im Kern ist es aber immer noch eine paternalistische SOZIAL-Technologie auf Kenntnisstand des letzten und mit einem Menschenbild des vorletzten Jahrhunderts. Das kann natürlich nicht funktionieren! Die heutige Welt ist komplex – und das bedeutet wahnsinnig dynamisch. Das zeigt sich sowohl im Unternehmen selbst als auch in der Unternehmensumwelt.

[Seitenwechsel]

Von dynamischen Märkten

Früher gab es Verkäufermärkte, in denen Verkäufer ihre Ware verteilt haben, die Märkte langsam und träge waren und es nur geringfügigen Wettbewerb gab. In diesem Umfeld ist Management entstanden und erfolgreich geworden. Heute sieht es sich aber mit Käufermärkten konfrontiert, die sich nicht vorhersehen und sich allgemein nicht steuern lassen. Oder haben Sie schon mal versucht, einen Kunden so zu steuern, dass er sich so verhält, wie Sie es wollen, und damit Erfolg gehabt? Kunden haben ihre eigenen Wünsche – und die ändern sie ständig. Disziplin im Sinne von Management ist hier nicht die Lösung.

So ist es auch im Unternehmen: Aus der Arbeitgeberwelt, in der sich Unternehmen ihre Mitarbeiter aussuchen konnte, ist eine Arbeitnehmerwelt geworden. Wenn Unternehmen tolle Leute haben wollen, dann müssen sie coole Arbeitgeber sein und ihren Leuten etwas bieten. Blöd nur, dass sich die Ansprüche der arbeitenden Bevölkerung immer weiter auseinander differenzieren. Die einen wollen Homeoffice, die anderen ein Fitnesscenter im Büro. Die einen wollen Vertrauensarbeitszeit, die anderen stört die Sicherheit und Routine einer Stempeluhr nicht weiter.

Dem Absturz geweiht

Das heutige Betriebssystem mit seinem tayloristischen Management kann mit dieser Dynamik nicht umgehen. Wenn Sie versuchen, auf ein Betriebssystem von 1911 (Taylors Zeit) neuartige Apps zu laden, dann verlangsamen Sie unweigerlich das komplette System – und bringen es sogar so durcheinander, dass es abstürzt. Immer und immer wieder, weil es schlicht nicht auf die Komplexität der Software ausgelegt ist.

Und genau dieses Phänomen können Sie heute in fast jedem Unternehmen von jeder erdenklichen Größe beobachten. Die technische Ebene schreitet immer weiter voran, aber das veraltete Management (und damit meine ich nicht das Alter der Führungskräfte) packt niemand an – und es versagt immer häufiger. Sie können mit der tayloristischen, hierarchischen Organisation nicht der Dynamik in der Welt gerecht werden. Das ist, als würden Sie immer noch Schreibmaschinen verwenden und sich dann wundern, warum es so schwierig ist, damit Twitter-Nachrichten zu schreiben. Dabei ist doch klar, dass das nicht funktioniert.

Wie weiter?

Hören Sie also auf, die Welt immer noch mehr und noch ‚besser’ managen zu wollen und gehen Sie das eigentliche Problem an! Hören Sie auf, alles Geld für technologische Entwicklungen auszugeben, und stecken Sie Entwicklungskraft in die SOZIALtechnologie! Sämtliche noch so großartige Innovationen bringen Ihrem Unternehmen nichts, wenn das überholte Management den Laden in den Dreck fährt oder den Dreck via Software heraussimuliert!

Forschen Sie an alternativen Führungsmöglichkeiten. Vorbilder gibt es zur Genüge. Aber kopieren Sie nicht, sondern experimentieren Sie damit. Denn wenn wir auf dem jetzigen Weg bleiben, werden wir bald noch mehr große Konzerne fallen sehen.


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