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Ein Heilmittel gegen Silodenken

, Anja Förster

Viele Chefs klagen über das Silodenken in ihrem Unternehmen. Mit Job-Rotation lässt sich das Problem lösen. Von Anja Förster

Anja Förster
Anja Förster

„Wir haben ein Riesenproblem! Unsere Mitarbeiter schauen nicht über den Tellerrand ihrer Abteilung. Sie ziehen nicht an einem Strang. Jeder kocht sein Süppchen!“

„Hm, leiden Sie etwa an Silodenken?“

„Ja, genau, Silos! Die jeweils eigenen Interessen überlagern unsere gemeinsamen Ziele. Und die Divisionen lernen auch kein bisschen voneinander. Jeder erfindet das Rad neu.“

„Das ist natürlich auf Dauer enorm schädlich.“

„So ist es. Die Kunden sind total genervt. Wir schaffen keine abteilungsübergreifenden Lösungen. Die linke Hand weiß oft nicht, was die rechte tut. Können Sie uns helfen?“

„Kommt drauf an …“

Solche Klagen erreichen mich häufig. Wenn ich auf einer Mitarbeiter- oder Führungskräftetagung sprechen soll, wünschen sich viele Chefs, dass ich gegen das Silodenken im Unternehmen „anspreche“. Oft wurde dort schon einiges versucht:

⇒ Bereichsübergreifende Projekte, die die Zusammenarbeit verschiedener Funktionsbereiche erfordern

⇒ Belohnung von kooperativem und zielorientiertem Verhalten über individuelle oder bereichsweite Prämien

⇒ Teambuilding-Events, um gegen Büroroutine und gegenseitige Ignoranz anzukämpfen

⇒ Innenarchitekturmaßnahmen, zum Beispiel „Kaffeeinseln“ in den Büroetagen oder lange „Klostertische“ in der Kantine, um die bereichsübergreifende informelle Kommunikation zu fördern

Es geht ums Sehen und Fühlen

Das neue Buch von Anja Förster und Peter Kreuz

Das sind alles gute Versuche, keine Frage. Immer geht es darum, andere Aufgaben und Verantwortung für andere Bereiche zu den Menschen und in deren Köpfe zu bringen. Nur leider haben solche Maßnahmen immer den Beigeschmack, dass sie aufoktroyiert sind, aufgesetzt wirken und die Mitarbeiter gefühlt von der „eigentlichen“ Arbeit abhalten.

Was dabei nicht gelingt: Die Aufgaben und die Verantwortung der anderen Bereiche wirklich zu sehen und zu fühlen. Also wirklich DRIN zu sein in dem, was die Kollegen umtreibt. Das aber wäre laut John Kotter, Professor für Führungsmanagement an der Harvard Business School, die Voraussetzung für echte Verhaltensänderungen: Sehen und fühlen. Drin sein. In die Rollen der anderen schlüpfen.

Anstatt also irgendwie die Aufgaben und die zugehörige Verantwortung zu den Menschen und in deren Köpfe zu bringen, wäre es wesentlich effektiver, die Menschen inklusive ihrer Köpfe zu den Aufgaben zu bringen – so dass sie ganz automatisch sehen und fühlen, worum es dort geht und sie beginnen, dafür Verantwortung zu übernehmen.

Stichwort: Job Rotation!

Ryan Holmes, der Chef der Social-Media-Tool-Schmiede Hootsuite hat zum Beispiel ein so genanntes „People Movement“-Programm eingeführt. Gemeint ist damit nicht die Bewegung von Menschen ins Unternehmen rein oder raus, sondern die Bewegung von Menschen innerhalb des Unternehmens, von einem Funktionsbereich zu einem anderen.

Am Ende jeden Jahres müssen 20 Prozent der Mitarbeiter an einem anderen Arbeitsplatz sein. Freiwillig. Auch gefördert durch Schnupper- und Austauschprogramme. Und Hootsuite hat derzeit rund 1000 Mitarbeiter, wir reden also von über 200 rotierenden Mitarbeitern!

Ich finde das extrem clever! 

Natürlich wird so absichtlich eine Menge Unruhe in der Organisation gestiftet. Und es ist teuer, denn ständig müssen sich Mitarbeiter neu einarbeiten, sind also nicht so produktiv, wie sie sein könnten. Aber die Vorteile sind immens:

⇒ Bereichs-Egoismen und Silodenken werden nach und nach aufgelöst.

⇒ Wissen verteilt sich im ganzen Unternehmen.

⇒ Das Wir-Gefühl wird gestärkt.

⇒ Blinde Flecken und Schwächen werden schneller erkannt und aufgelöst.

⇒ Mehr Innovationen durch häufigeres Querdenken.

⇒ Mitarbeiter entwickeln sich schneller, weil sie neue Herausforderungen, mehr Abwechslung und die Chance zu lernen erhalten.

⇒ Zufriedenere Kunden, weil die Mitarbeiter ganzheitlichere Lösungen anbieten und flexibler sind.

Nicht kurzfristig denken!

Allerdings braucht es für solche Job-Rotation-Systeme Mitarbeiter mit Mumm, die nicht an ihrem Schreibtisch kleben, sondern die Entwicklungschancen in den anderen Rollen verstehen und annehmen.

Und natürlich braucht es auch Chefs, die nicht kurzfristig denken. Sie müssen verstehen, dass entnervte Kunden, das zum siebten Mal neu erfundene Rad und die wegen Unterforderung verlorenen Spezialisten noch wesentlich teurer sind als die Kosten der Einarbeitung rotierender Mitarbeiter.

Silodenken aufzubrechen ist möglich. Allerdings nicht mit einer nur äußerlich verabreichten Medizin …


Anja Förster ist Unternehmerin, Vortragsrednerin und Autorin. Zuletzt ist von ihr und Peter Kreuz erschienen "NEIN - Was vier mutige Buchstaben im Leben bewirken können". Hier können Sie ihr auf Twitter folgen.

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