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Das schönste Geschenk für ihre Mitarbeiter...

, Lars Vollmer

... ist ein Sack voller Probleme. Denn an Problemen können Mitarbeiter lernen. Von Lars Vollmer

Lars Vollmer
Lars Vollmer

Wenn Sie sich selbstständige, lösungsorientiert arbeitende und erfolgreiche Mitarbeiter wünschen, dann machen Sie ihnen ein Geschenk: Schenken Sie Ihnen einfach einen Sack.

Einen Sack voller Probleme.

Ich verspreche Ihnen: Sie werden es nicht bereuen, denn: Wo ein Problem ist, ist auch ein Lernerfolg

Sie wünschen sich doch Leute, die sich permanent weiterentwickeln. Die lernen, komplexe Probleme lösen und sich wirksame Fähigkeiten aneignen. Dieses Lernen findet nur leider nicht in einem Trainingsraum statt, sondern ausschließlich in der Widerständigkeit eines echten Problems.

Wahre Könner fallen nicht vom Himmel. Sie können sie nicht zielgerichtet „heranzüchten“. Alles, was Sie Ihren Mitarbeitern vorbeten, eintrichtern und beibringen, bleibt letztlich nämlich nichts anderes als Wissen. Und Wissen ist gut, es ist sogar unverzichtbar für Ihr Unternehmen! Doch es reicht nicht mehr aus, um komplexe Aufgabenstellungen auf heutigen Märkten zu lösen.

Wahre Könnerschaft ist im Gegensatz zu Wissen nicht übertragbar. Nicht einmal Ihre fleißigsten Mitarbeiter werden sich Könnertum über das Pauken von Büchern und Prozesshandbüchern aneignen. Können ist eben keine Kategorie des Intellekts, sondern des Gefühls. Wenn Sie „ein gutes Gefühl für etwas“ haben oder wenn Ihnen in kniffligen Situationen wirksame Ideen kommen, dann „können“ Sie etwas.

Das verhält sich ähnlich wie beim Radfahren. Damals, als Papa zum ersten Mal die Stützräder entfernt und Sie angeschubst hat. Selbst wenn Sie zuvor das „Lexikon des erfolgreichen Fahrradfahrens“ verschlungen hätten – Sie hätten dennoch im Moment des Ernstfalls ein Gefühl für das Gefährt entwickeln müssen. Theoretisches Wissen hin oder her.

Und ein echter Könner auf dem Rad sind Sie geworden, weil Sie das Fahren geübt haben. Gut so!

Lernen mit Handbremse

Was heißt das also für die Mitarbeiter eines Unternehmens? Stützräder weg und schubsen? Naja, so einfach ist es nicht getan … Was Unternehmen meiner Meinung nach aber gerne wegnehmen dürften, sind die Chefs – überspitzt gesprochen.

Denn Chefs und Vorgesetzte sind per se Lern-Erschwerer – und das nicht einmal aus eigener Schuld. Sie bewegen sich schlicht in machthierarchischen Organisationsstrukturen, die Denken und Handeln klassischerweise trennen. Während der Mitarbeiter handelt und sich am Widerstand eines tatsächlichen Problems reiben könnte, muss er gleichzeitig darauf achten, dass auch der Chef zufrieden ist. Nicht er als Mensch, sondern als Träger von speziellen Zielen, Vertreter von Kennzahlen und Hüter über Prozesse.

Als ob diese Konstellation nicht schon dämlich genug wäre, setzt die Rolle des Vorgesetzten in der Hierarchie dem Szenario dann die Krone auf: Sie verpflichtet ihn schließlich dazu, beispielsweise Mitarbeitergespräche zu führen – also denkend das längst vergangene Handeln des Mitarbeiters am realen Problem zu verbessern. Dazu greift der Chef tief in die Trickkiste der Fragebögen, der Beobachtung, des 360-Grad-Feedbacks und wie die Tricks nicht alle heißen, um seinem Mitarbeiter zu verdeutlichen, wie dieser sein Können erweitern, vertiefen, ausbauen kann … Schön ausführlich. Schön doof.

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Trockenübungen auf dem Heimtrainer

Merken Sie, was passiert ist? Die Wissensfalle hat zugeschlagen. Als Vorgesetzter können Sie Ihren Mitarbeitern noch so sehr in aller Länge und Breite erzählen, wie sie ihr Können perfektionieren. Doch Ihre Leute lernen echtes Können nicht anhand der Auseinandersetzung mit Ihnen, sondern ausschließlich am konkreten Fall. Sie müssen üben, ohne Stützräder klarzukommen, anstatt darüber zu sprechen, wie sie ohne Stützräder auskämen.

Zum Üben brauchen Menschen ausnahmslos einen Widerstand, ein konkretes Problem. Kommt dann noch die Gefahr des Scheiterns hinzu – also beispielsweise der Sturz vom Rad bei den Übungsfahrten –, sind die Voraussetzungen geschaffen, wahres Können aufzubauen. Alles andere sind Trockenübungen auf dem Heimtrainer.

Nun weiß ich, dass viele Chefs dazu neigen, sich um ihre Schäfchen zu sorgen, wenn die auf einmal alleine losradeln sollen. Man könnte doch noch ein bisschen am Lenker stützen … Ja, das können Sie. Sie können sogar äußerst wertvolle Unterstützung leisten, wenn Sie ad hoc einen Fehler oder eine Schwäche bei Ihren Mitarbeitern beobachten und direkt Feedback dazu geben, das Ihre Leute im Lernprozess anwenden und ausprobieren können. Doch Ihre Hilfsbereitschaft dürfte im Regelfall mehr Schaden als Nutzen bergen.

Lernen ohne Theater

Denn der Vorgesetzte gibt nicht das beste Feedback, nur weil er der Vorgesetzte ist, das wissen Sie. Die Gefahr ist allerdings groß, dass die Mitarbeiter diesem Ratschlag folgen, eben weil der Chef ihn ausgesprochen hat. Aus Gefälligkeit. So wie im Meeting, wenn die versammelte Mannschaft in einer Debatte in Richtung des Chefs lugt, um ihm möglichst am Gesicht abzulesen, ob er einen Vorschlag gut oder schlecht findet. Der weiße Elefant im Raum, die Macht-Hierarchie, erschwert effektives Lernen damit ungemein.

Denn Ihre Mitarbeiter stehen nun vor einer Doppelbelastung: sich herausragendes Können antrainieren einerseits, parallel dazu jedoch auch permanent das Hierarchie-Theater mitbedienen. Schließlich müssen sie sich bei jeder „Hilfestellung“ von ihrem Vorgesetzten fragen: Was, wenn ich den Ratschlag des Chefs nicht befolge – welche Konsequenzen kommen dann auf mich zu, wenn etwas schiefgeht? Da folgt es sich doch leichter unreflektiert dem Ratschlag des Chefs, bevor man die nächste Beförderung oder den eingereichten Urlaubsantrag riskiert …

Diesen Stolperstein auf dem Weg zur Könnerschaft umgehen Unternehmen, die sich trauen, sich von der Hierarchiesoße zu verabschieden. Denn Lernen ist effektiver im Team, in dem es keinen Vorgesetzten gibt, dessen Rat die einzelnen Mitglieder de facto annehmen müssen. Hierarchiefreie Teams sparen sich das Theater und können sich ganz aufs Lernen anhand des konkreten Problems konzentrieren.

Solch einem konzentrierten Team können Sie dann bedenkenlos echte Probleme schenken – also Reize, die von außen kommen und nicht ungelöst bleiben können. Bei den wirklich wichtigen Problemen unserer Zeit steht noch kein Wissen zur Verfügung. Weder bei Ihren Mitarbeitern, noch beim Chef selbst. Jetzt kann das Team wahrhaftig am Problem lernen.

Liebe Chefs, schenkt Probleme her und dann weg mit euch. Oder zumindest weg mit eurer Funktion als Chef im Team. Weg mit der formalen Macht. Hier wird schließlich Können gelernt.


Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Autor. Zuletzt ist von ihm erschienen: »Zurück an die Arbeit – Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden«, Linde Verlag, 2016.


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