• Facebook
  • Twitter
  • Google Plus
  • Kommentar

Krugman fehlt es an Anstand

, Niall Ferguson

Aufrichtigkeit, Demut und Höflichkeit gehören nicht zu den Stärken Paul Krugmans. Dabei stünde dem Starökonomen Bescheidenheit gut zu Gesicht, denn auch er ist fehlbar. Von Niall Ferguson

Niall Ferguson © Getty Images
Niall Ferguson ist Professor für Geschichte an der Universität Harvard. Sein jüngstes Buch trägt den Titel "Der Niedergang des Westens: Wie Institutionen verfallen und Ökonomien sterben"

„Wenn die Menschen erkennen, dass viele heftig umkämpfte Glaubenssätze im Lauf der Zeit umgeworfen werden”, schrieb Oliver Wendell Holmes, Richter am Obersten Gerichtshof der USA, in einem berühmten Minderheitsvotum im Jahr 1919, „gelangen sie womöglich zur Überzeugung… dass das angestrebte höchste Ideal vielleicht besser durch den freien Austausch der Ideen erreicht wird – dass der beste Prüfstein der Wahrheit in der Kraft der Gedanken liegt, sich im Wettbewerb auf dem Markt Geltung zu verschaffen und dass die Wahrheit die einzige Grundlage darstellt, auf welchem sich ihre Ziele sicher erreichen lassen.”

Doch wie jeder Markt bedarf auch der Marktplatz der Ideen gewisser Regeln: Insbesondere für die Marktteilnehmer sollten Normen der Aufrichtigkeit, Demut und Höflichkeit gelten. Überdies sollten sich auch alle Ideenhändler an diese Prinzipien halten.

Freilich haben Politiker den Marktplatz der Ideen über Jahrhunderte mit Beschimpfungen beschmutzt. Doch in der amerikanischen Politik gibt es überraschenderweise Fortschritte zu vermelden. Einer Studie des Annenberg Public Policy Center zufolge kam es in den letzten Jahren zu weniger verbalen Grobheiten als in den 1990er oder den 1940er Jahren.  Der republikanische Senator Ted Cruz wurde im Januar aufgrund seiner aggressiven Befragung des designierten Verteidigungsministers Chuck Hagel weithin verurteilt. Doch abfällige Bemerkungen über den Patriotismus eines Kandidaten waren in der McCarthy-Ära die Norm. Heute kommt so etwas seltener vor.

Dagegen scheint sich die akademische Welt offenbar in die entgegengesetzte Richtung zu bewegen. In einer „Sozialwissenschaft“ wie der Ökonomie sollten parteipolitische Bösartigkeiten keinen Platz haben. Doch Ökonomen verfallen heute regelmäßig in persönliche Angriffe und hetzerische Polemik.

Online-Macht korrumpiert

Paul Krugman © Getty Images
Streitbarer Ökonom: Nobelpreisträger Krugman

Viel mächtiger oder einflussreicher als Paul Krugman kann man als Ökonom nicht sein. Der Nobelpreisträger lehrt an der Universität Princeton und ist auch als Kolumnist für die New York Times tätig. Seine für dieses Blatt verfassten Kommentare und der Blog „The Conscience of a Liberal” werden von (im amerikanischen Sinne) liberalen Ökonomen und Journalisten weltweit mit beinahe religiösem Eifer gelesen. Mit mehr als einer Million Follower ist er auch auf Twitter ein Superstar. Ein Dutzend enthusiastischer Epigonen bloggen zeitgleich mit ihm und vervielfältigen so die Weisheit des Meisters.

Viele Menschen gehen heute von der naiven Annahme aus, das Internet sei ein absoluter Glücksfall für die Redefreiheit. Sie unterschätzen das Ausmaß, wie eine derartige Konzentration der Online-Macht korrumpiert, so wie alle Formen der Macht mit Sicherheit korrumpieren. 

Seit Krugman und ich im Jahr 2009 unsere Debatte über Fiskal- und Geldpolitik begannen, bin ich zunehmend beunruhigt über die Art, wie er seine Macht missbraucht. Letzte Woche entschloss ich mich, meine Meinung in einer drei Artikel umfassenden Serie in der  Huffington Post kundzutun, also mitten im Herzen der liberalen Blogosphäre.

[Seitenwechsel]

Krugman gibt Fehler nicht zu

Wie bei Historikern üblich argumentierte ich auf Archivgrundlage. Mit Zitaten aus seinen schriftlichen Äußerungen der Vergangenheit zeigte ich zunächst, dass Krugmans wiederholte Behauptung, in seinen ökonomischen Kommentaren „in allem richtig gelegen zu sein” falsch ist.  Obwohl er (wie viele andere auch) im Jahr 2006 die Immobilienblase erkannte, hat er jene Kettenreaktion im Finanzbereich, die dann eine globale Krise schürte, nicht vorausgesehen. Nachdem es ihm nicht gelungen war, die US-Krise vorherzusehen, prognostizierte er anschließend fälschlicherweise den bevorstehenden Zerfall der europäischen Währungsunion und veröffentlichte dazu in den Jahren 2011 und 2012 über 20 schriftliche Äußerungen. Diese Fehler hat er nie zugegeben. Im Gegenteil, im Rückblick brüstet er sich noch mit seiner Prognosekraft.

Zweitens: Krugmans Behauptung, wonach erheblich umfangreichere Konjunkturpakete eine raschere wirtschaftliche Erholung in den USA bewirkt hätten, stützt sich auf reine Mutmaßungen. Das makroökonomische Modell, auf dem seine Behauptung beruht, kann angesichts seines offenkundigen Versagens bei der Prognose der Krise oder des Überlebens des Euro  kaum als zuverlässig bezeichnet werden. Überdies steht mindestens eine seiner Kolumnen aus der Zeit vor der Krise in krassem Widerspruch zu seiner heutigen Ansicht, wonach das derzeitige – oder sogar ein noch höheres – Staatsschuldenniveau keinerlei Risiko darstellt. Er hat also kein Recht „einen beeindruckenden Sieg” in einer „monumentalen intellektuellen Debatte“ zu erklären, wie er es getan hat.

Schließlich – und am bedeutsamsten - ist festzustellen: Selbst wenn Krugman „in allem richtig” gelegen hätte, gibt es keine Rechtfertigung für die zahlreichen groben und persönlichen Angriffe auf jene, die nicht seiner Meinung sind. Wörter wie „Kakerlake“, „wahnhaft“, „Querkopf“, „Trottel“, „Narr“, „Schuft“, „verlogener Idiot“ und „Zombie“ gehören nicht in eine zivilisierte Debatte. Ich kann von Glück sprechen, dass er mich nur als „Wichtigtuer“, „Nörgler“, „dümmlich“ und – letzte Woche - als  „Troll” bezeichnete.

Intellektuelle Ausgabe eines Raubritters

Weit entfernt vom freien Austausch der Ideen wie er Holmes vorschwebte, ist Krugman die intellektuelle Ausgabe eines Raubritters, der unter Ausnutzung seiner Macht respektable Menschen aus der Öffentlichkeit vertreibt – vor allem jüngere Wissenschaftler, die verständlicherweise fürchten, von dem „unbesiegbaren Krugtron“ „auseinander genommen“ zu werden.

Meine bevorzugte Lösung wäre Verantwortung. Aber ich habe die Hoffnung aufgegeben, dass die New York Times ihrer entsprechenden redaktionellen Funktion nachkommen wird. Deshalb würde ich das intellektuelle Äquivalent eines Kartellgesetzes vorschlagen. Für jedes Wort, das Krugman veröffentlicht, muss er sich von nun an verpflichten, vorher mindestens hundert Wörter anderer Autoren zu lesen. Ich kann nicht garantieren, dass größere Belesenheit ihm Aufrichtigkeit, Demut und Höflichkeit lehrt. Doch zumindest würde damit sein ungerechtfertigt großer Anteil am Marktplatz wirtschaftlicher Ideen verringert werden.

Als Richter des Obersten Gerichtshofs war Holmes natürlich gegen kartellrechtliche Regelungen. Doch seine Argumente zu diesen Fragen haben den „Prüfstein der Wahrheit“ nicht erfolgreich genommen, denn ihnen fehlte es an „Kraft… sich im Wettbewerb auf dem Markt Geltung zu verschaffen.“ Holmes nahm die Niederlage mit gewohnter Würde hin. Es ist höchste Zeit, dass Krugman – ob er nun Recht hat oder nicht – lernt, sich ebenso zu benehmen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

Copyright: Project Syndicate/Institut für die Wissenschaften vom Menschen, 2013.


www.project-syndicate.org


Artikel zum Thema

LESERKOMMENTARE

 

Kommentare Einblenden

Datenschutz

Die Kommentarfunktion "Disqus" wird von der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Moderation

Die Kommentare werden von Capital moderiert. Das heißt, Kommentare werden von der Redaktion freigeschaltet. Kritik und auch in der Sache harte Diskussionen sind willkommen, Beleidigungen werden wir dagegen nicht zulassen. Näheres hierzu finden Sie in unserer Netiquette.