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  • Kolumne

Konsum ist geil

, Ines Zöttl

Die Regierung plündert die Rentenkasse; die Zinsen liegen bei Null. Wer jetzt noch spart, ist selbst schuld. Von Ines Zöttl

Ines Zöttl © Trevor Good
Ines Zöttl schreibt an dieser Stelle über internationale Wirtschafts- und Politikthemen.

Jahrzehntelang waren sie Außenseiter der Gesellschaft. Ihre Neigung galt als irgendwie abartig. Sie selbst als degeneriert. Oder zumindest gefährlich willensschwach.

Die Konsumenten genossen in der strebsamen deutschen Arbeitsgesellschaft keinen guten Ruf. Jedenfalls nicht, wenn sie ihrer Neigung lustvoll nachgingen. Man durfte schon Geld ausgeben. So lange es sich um notwendige – besser: unvermeidliche - Anschaffungen handelte, über deren hohen Preis man klagte. Ein paar nachdenklich-kritische Bemerkungen über die Folgen für Umwelt und Gesellschaft kamen auch immer gut. Hauptsache, es machte keinen Spaß. Es galt, das Ersparte zu mehren, damit es die Kinder einmal besser haben.

Doch endlich ist auch in Deutschland der gesellschaftliche Durchbruch geschafft: Shop, till you drop! Nur dem Konsum ist es zu verdanken, dass das Land 2013 nicht in die Rezession gestürzt ist. Die privaten Konsumausgaben wuchsen um 0,9 Prozent und damit doppelt so schnell wie das Bruttoinlandsprodukt mit plus 0,4 Prozent. Und „die Stimmung der deutschen Verbraucher startet überaus schwungvoll in das neue Jahr 2014“, vermerkt die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg, die sich seit Jahr und Tag redlich aber meist vergeblich müht, der Kauflust der Deutschen nachzuspüren. Dass laut GfK die Stimmung, nicht der Verbraucher schwungvoll startet, lässt dabei weiter eine gewisse Distanzierung erkennen.

Fünf Gründe gegen die Sparsamkeit

Die Sparquote hat schleichend begonnen zu sinken. Noch scheint der Trend nicht ganz gefestigt, ausgerechnet im Weihnachtsquartal 2013 gab es einen Durchhänger. Aber die Quote ist in den letzten Quartalen in den einstelligen Bereich abgerutscht.

Zugegeben: Immer noch kann man nur in einschlägigen Kreisen darüber sprechen, dass Einkaufen geil ist. Aber niemand muss sich outen. Stattdessen kann der dem nächsten Trip in die Shoppingmall entgegenfiebernde Konsument eine Reihe ökonomischer, politischer und gesellschaftlicher Gründe vorbringen, die ihn entschuldigen, ja sogar ins Recht setzen.

Erstens: Zinsen sind nicht mehr zu verdienen. Dank der Liquiditätsschwemme der Notenbanken entwerten sich die Ersparnisse trotz niedriger Inflation.

Zweitens: Die Regierung setzt das Vorbild und plündert die Rentenkassen, solange die voll sind. Was du heute kannst verbrauchen, lass nicht bis morgen liegen.

Drittens: Wer zu viel auf dem Konto hat, weckt Begehrlichkeiten bei Finanzbehörden, Umverteilern und Krisenbekämpfern. Die Zypern können ein Lied davon singen.

Viertens: Der europäische Frieden steht auf dem Spiel. Nur wenn die Deutschen mehr ausgeben,  können sich die Krisenländer Spanien, Griechenland oder Portugal erholen.

Fünftens: Wer es gerne etwas heimeliger hat, kann a) Karstadt, b) Loewe oder c) den Buchhändler um die Ecke retten.

Nicht auf die Spielverderber hören

Natürlich versucht eine Reihe von Ewiggestrigen, das Phänomen aufzuhalten oder zumindest kleinzureden. Der Konsumanstieg sei nicht gerade spektakulär, nölen Ökonomen. Die Sparquote der Deutschen sei immer noch hoch im internationalen Vergleich. Die Spielverderber erinnern daran, dass es nach der Rentenreform umso nötiger sei, selbst fürs Alter zu sparen.

Das sind Rückzugsgefechte. Eine gesellschaftliche Bewegung soll diskreditiert werden. Das wird nicht gelingen. Wer jetzt noch spart, ist selbst schuld.

E-Mail: Zoettl.Ines@capital.de


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