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Keine Angst vor dem demografischen Wandel

, Thomas Straubhaar

Alterung und Zuwanderung führen nicht in den Untergang. Im Gegenteil: Sie bieten neue Chancen für Deutschland. Von Thomas Straubhaar

Thomas Straubhaar © Laif
Thomas Straubhaar

Thomas Straubhaar ist Professor der Universität Hamburg für Internationale Wirtschaftsbeziehungen. Von 1999 bis 2014 leitete er das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut. Neu erschienen ist sein Buch „Der Untergang ist abgesagt. Wider die Mythen des demografischen Wandels“ (Edition Koerber-Stiftung)


Ein Gespenst geht um in Deutschland. Es ist das Gespenst einer schrumpfenden und alternden Gesellschaft. Zuerst sorge es dafür, dass „die Schlauen aussterben“, später dann führe es dazu, dass „sich Deutschland abschafft“. Am Ende drohe der Untergang.

Viele fragen sich, was aus Deutschland, seiner Kultur und Sprache und den gemeinsamen Werten werden und in welche Richtung sich die Gesellschaft als Folge der demografischen Veränderungen entwickeln wird. Einige befürchten mit Blick auf Flüchtlingswelle und Zuwanderung von Menschen mit anderen politischen, religiösen oder kulturellen Wertvorstellungen und Verhaltensweisen, dass die Mehrheitsgesellschaft zur Minderheit werde. Manche sehen Deutschland in Gefahr.

Natürlich und offensichtlich verändert sich die demografische Situation Deutschlands in mannigfacher Weise. An sich führen die geringe Anzahl Geburten und die steigende Lebenserwartung dazu, dass die Bevölkerung zahlenmäßig bald schrumpfen und demografisch altern würde. Wäre da nicht die Zuwanderung.

Die politische Stabilität, der wirtschaftliche Erfolg und das hohe Maß der Rechtsstaatlichkeit ziehen wie ein Magnet hunderttausende Menschen aus aller Welt an. Sie alle erhoffen sich hierzulande ein besseres Leben als in ihren Herkunftsregionen. Die Bevölkerungsgröße wird als Folge der Zuwanderung noch für lange Zeit eher wachsen als schrumpfen. Sicherer ist jedoch, dass die deutsche Gesellschaft farbiger und vielfältiger wird. Das wird nicht dazu führen, dass sie verschwindet. Aber sie wird anders werden. Ist das für Deutschland positiv oder negativ?

"Deutschland wird überleben"

Die Ängste der Mehrheitsgesellschaft, durch zugewanderte Minderheiten mit anderem Rechtsverständnis oder abweichenden Verhaltensregeln zu Außenseitern in der eigenen Heimat zu werden, sind nachvollziehbar. Sie sollten aber nicht Untergangsszenarien beschwören. Deutschland wird überleben, anders. Ob auch besser, ist eine Frage des Standpunktes.

Buchcover "Der Untergang ist abgesagt"
Straubhaars Buch "Der Untergang ist abgesagt" ist am 7. März erschienen

Bei demografischen Entwicklungen und ihren Folgewirkungen spielen normative Werturteile eine besonders prägende Rolle. Was richtig und was falsch, was gut und was schlecht, was unantastbar und was veränderbar ist, hängt von ethischen, moralischen und kulturellen Weltbildern ab, die von Person zu Person, selbst innerhalb von Familien und zwischen den Generationen gewaltig differieren können.

Ein Großteil der Befürchtungen über die makroökonomischen Folgen des demografischen Wandels erweist sich bei genauerem Hinsehen jedoch als Behauptungen, deren Zutreffen alles andere als gesichert ist – etwa die wie ein Mantra vorgetragene These eines drohenden Fachkräftemangels. Millionen von gut gebildeten Frauen, Älteren und Menschen mit Migrationshintergrund würden nichts lieber tun, als mehr und länger zu arbeiten. Sie stehen heute schon in Deutschland als ungenutzte Potenziale bereit, Fachkräftelücken zu füllen. Anstatt einen Mangel zu beklagen, müssten viele Unternehmen lediglich ihre Mentalität ändern. Gefordert sind Verhaltensweisen, die der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts gerecht werden. Schaffen Arbeitgeber diesen Kulturwandel werden sie keine Probleme haben, gute Mitarbeiterinnen zu finden. Wenn nicht, erweist sich der Fachkräftemangel als selbstverschuldeter Führungsmangel.

„Altsein“ ist eine soziale Konstruktion

Manche negative Einschätzung des demografischen Wandels basiert auf Vorurteilen. Etwa die Mär, dass nur junge Arbeitskräfte leistungsfähige Arbeitskräfte seien und Ältere möglichst rasch in Rente geschickt werden wollen und sollen. Oder die Vorstellung, dass Menschen mit Migrationshintergrund – selbst wenn sie in Deutschland geboren und immer nur hierzulande gelebt haben – weniger leistungsfähig seien als Menschen mit deutschen Eltern.

Um Halbwahrheiten zu relativieren, Vorurteile zu korrigieren und die Diskussion zu versachlichen, kann es helfen Mythen zu zerstören und Gegenargumente vorzutragen. Als Folge zeigen sich Chancen, ein- oder gar festgefahrene Verhaltensweisen zu korrigieren. Beispielsweise die veraltete Arbeitsteilung innerhalb der Familie mit dem Vater als Alleinernährer und der Mutter als Hausfrau und Alleinerzieherin der Kinder. Genauso wird die Notwendigkeit erkennbar, überholte Denkmuster der heutigen Realität anzupassen. Beispielsweise, dass Alter notwendigerweise auch Gebrechlichkeit, Hilfsbedürftigkeit und Immobilität zur Folge habe. Das Altersbild in den Köpfen muss modernisiert werden. „Altsein“ ist eine soziale Konstruktion. Sie unterliegt dem menschgemachten Zeitgeist und ist nicht gottgegeben in Stein gemeißelt.

Weder Schrumpfung, noch Alterung und auch nicht die Zuwanderung werden Deutschland in seiner Existenz bedrohen. Der demografische Wandel führt nicht in den Untergang. Im Gegenteil: Neben unbestreitbaren Herausforderungen bietet er auch neue Möglichkeiten, individuelle und gesellschaftliche Verhaltensweisen zu ändern, wirtschaftliche und politische Strukturen anzupassen und innovative Potenziale auszuschöpfen. So, dass künftige Generationen bessere Chancen auf ein längeres, gesünderes und glücklicheres Leben als ihre Ahnen haben werden.

Deutschland ist besser für die Zukunft gerüstet als von vielen Pessimisten befürchtet. Das gilt nicht nur für die politische Stabilität und die wirtschaftliche Prosperität, sondern auch für den demografischen Wandel. Ersetzt man Mythen durch nüchterne Analysen lassen sich zielgerichtete bevölkerungspolitische Maßnahmen ableiten. Werden diese tatkräftig und rechtzeitig umgesetzt, wird es erst recht keinen Untergang geben. Ganz im Gegenteil. Dann haben Deutschland und seine Bevölkerung die besten Jahre nicht hinter, sondern vor sich.


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