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Integration am laufenden Band

, Ronny Fürst

Firmen müssen Migranten schnell einstellen und sich auf das Abenteuer Diversity einlassen. Die Chancen überwiegen die Risiken – für beide Seiten. Von Ronny Fürst

Flüchtlinge mit Kindern in einer Notunterkunft © Getty Images
Um den Flüchtlingen rasch einen Job zu verschaffen, brauchen sie Fortbildung

Ronny Fürst ist CEO der AKAD University, die seit 56 Jahren im deutschen Fernstudienmarkt ist. Die Hochschule nimmt bei entsprechender Berufserfahrung auch Studenten ohne Abitur auf. Sie hat sich speziell auf Berufstätige ausgerichtet, die parallel zum Beruf einen Hochschulabschluss in Wirtschaft, Technik oder Sprachen erreichen wollen. Ronny Fürst ist CEO der AKAD University, die seit 56 Jahren im deutschen Fernstudienmarkt ist. Die Hochschule nimmt bei entsprechender Berufserfahrung auch Studenten ohne Abitur auf. Sie hat sich speziell auf Berufstätige ausgerichtet, die parallel zum Beruf einen Hochschulabschluss in Wirtschaft, Technik oder Sprachen erreichen wollen.


Die Sorge um Erstaufnahmeeinrichtungen ist noch nicht verebbt, da steht bereits die langfristige Integration von Flüchtlingen auf der Agenda von Politik und Wirtschaft. Gerade die laut dem Bundeamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) überdurchschnittlich gut ausgebildeten Syrer sollten gute Chancen haben, sich nachhaltig in unseren Arbeitsmarkt zu integrieren. Berufliche und gesellschaftliche Integration müssen Hand in Hand gehen, heißt es. Aber ist das nicht einfacher gesagt als getan?

Gewiss müssen der erfolgreichen Integration ein paar Schritte vorausgehen. Eine Arbeitserlaubnis zum Beispiel, und erste Kenntnisse der deutschen Sprache. Doch dann kann und sollte es losgehen, je früher, desto besser. Denn für die Flüchtlinge ist das Zurückfinden in die Routine des Alltags, das soziale Gefüge eines Kollegenkreises und die finanzielle Autonomie ein essenzieller Schritt zurück in die Normalität, die ihnen Krieg und Flucht geraubt haben. Und damit auch ein essenzieller Schritt, um in unserer Gesellschaft anzukommen. Dabei ist von beiden Seiten eine große Portion Pragmatismus gefragt – von Migranten ebenso wie von Führungskräften und ihren Teams.

Migranten: Pragmatismus bei der Jobwahl

Wer sich im neuen Heimatland auf Jobsuche macht, sollte lieber den Spatz in der Hand wählen als die Taube auf dem Dach. Sprich: Eher sollte er die erste Chance auf die oben beschriebene Normalität nutzen, als auf eine Anstellung zu warten, die sofort der Ausbildung oder Anstellung im Heimatland gleichkommt. Denn in den meisten Berufen wird ein fehlender deutscher Abschluss dem Arbeitnehmer ohnehin Steine in den Weg legen. Ob Fließbandarbeit oder Taxifahren: Wichtig ist es, einen Startpunkt zu finden, von dem aus man sich neben der Arbeit weiterbilden und -qualifizieren kann.

Vor der Herausforderung, Beruf und Weiterbildung gleichzeitig zu jonglieren, sieht sich heute ein großer Teil der Arbeitnehmer im Laufe seines Berufslebens. Denn die meisten Karrieren zeichnen sich mittlerweile durch radikale Wechsel aus und funktionieren daher kaum ohne Fortbildung, wie eine große Tageszeitung im Herbst schrieb. Aus diesem Grund bilden sich jedes Jahr auch viele Tausend deutsche Arbeitnehmer neben ihrer Vollzeitanstellung fort, um sich für andere oder höherwertige Tätigkeiten zu qualifizieren. Bildungsanbieter haben sich auf diesen Trend längst eingestellt, sie verzichten auf Präsenzveranstaltungen und bieten Seminare, Tutorien und Lernmaterial stattdessen im Web an. Diese Entwicklung und Flexibilisierung im Hochschulwesen kommt auch den Flüchtlingen zugute, die so selbst beim Wechsel von Arbeitsplatz oder Wohnort ihre Weiterqualifizierung fortsetzen können.

Führungskräfte: Vielfalt statt Perfektionismus

Wer sich dafür entscheidet, Flüchtlinge zeitnah in sein Unternehmen zu integrieren, hat einige persönliche und professionelle Herausforderungen zu meistern: Er muss Geduld zeigen, die Menschen ankommen lassen, kulturelle Unterschiede akzeptieren. Auch perfekte Sprachkenntnisse wird die Führungskraft nicht voraussetzen können. Stattdessen investiert sie in zweierlei Hinsicht in die Zukunft des Unternehmens: Es wird bunter und kann künftig verschiedene Erfahrungsschätze und Denkweisen in die Produkt- und strategische Entwicklung einfließen lassen. Und es kämpft gegen den wachsenden Fachkräftemangel und die demografische Entwicklung an. In den nächsten Jahren werden diese von der heimischen Wirtschaft ihren Tribut fordern – sollten es die Firmen nicht schaffen, diese Trends durch Zuzug aus dem Ausland abzufangen.

Die Buntheit der Teams fordert von selbigen natürlich auch zunehmend Offenheit und Toleranz, „mia san mia“ muss neu interpretiert werden. Diversity muss vom bloßen Management-Schlagwort zur gelebten Unternehmensrealität werden. Und auch die Weiterbildung der Migranten muss es auf die Alltagsagenda schaffen, damit diese durch deutsche Zertifikate und Abschlüsse auch in höherrangige Team- und Führungspositionen aufsteigen können. Finanziell sind dabei weder Unternehmen noch Flüchtlinge auf sich allein gestellt, sondern können zahlreiche Förderprogramme in Anspruch nehmen.

Krise mit Potenzial

Die Chancen durch Diversity sind deutschen Unternehmen schon seit langem bekannt. Doch das große Potenzial, das die Flüchtlingskrise – neben allen offensichtlichen Herausforderungen – mit sich bringt, sollte deutsche Unternehmen endlich wachrütteln. Im Hinblick auf Fachkräftemangel und demografischen Wandel eröffnet sich schlagartig ein Lösungsangebot. Die Führungskräfte müssen nur den Mut haben, es zu ergreifen.


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