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In der Wind-Schere

, Christian Schütte

Immer mehr Mühlen, immer weniger Windstrom – die Natur spielt grünen Investoren und Politikern einen verblüffenden Streich. Die Rechnung für die Verbraucher kommt später. Von Christian Schütte

Christian Schütte © Trevor Good

Christian Schütte schreibt an dieser Stelle jeweils am Dienstag über Ökonomie und Politik.

Dass der Wind nicht gerade der zuverlässigste Genosse ist, haben wir ja schon immer gewusst. Ein eher windiger Windbeutel eben. Weht wohin er will. Und manchmal auch gar nicht.

Das Ausmaß dieser Unberechenbarkeit - selbst in unseren Hi-Tech- und Green-Tech-Zeiten - ist aber doch ziemlich verblüffend. Für manche Investoren dürfte das spürbar ins Geld gehen. Und für die Energiepolitik taucht hier womöglich ein Problem auf, dass die Dinge noch einmal etwas komplizierter macht als sie ohnehin schon sind.

Wer in den Daten zur deutschen Stromerzeugung blättert, der stößt dort seit einiger Zeit auf eine frappierende Wind-Schere: Einerseits schreitet der Ausbau der Windkraftwerkparks natürlich voller Energie voran, die installierte Leistung, also die unter Idealbedingungen maximal verfügbare Produktionskapazität, wächst von Monat zu Monat. Nach den aktuellsten Daten des Fraunhofer Instituts in Freiburg lag sie zum 22. Juli 2013 bereits bei 30.533 Megawatt.

Gleichzeitig aber entwickelt sich die erzeugte Windstrommenge – nach unten. Bis zum 22. Juli war die Windstromernte dieses Jahres um fast zwölf Prozent kleiner als im Vorjahreszeitraum. Und auch 2012 war die Ernte schon um sechs Prozent geringer ausgefallen als im Jahr zuvor. Obwohl natürlich immer weiter Kapazität zugebaut wurde - plus vier Prozent von 2011 auf 2012.

Wind macht Pause

Mit den schlagzeilenträchtigen Pannen und allerneuesten Pleiten bei den Windrädern auf hoher See hat dieser merkwürdige Produktivitätsabsturz nichts zu tun: Offshore-Parks machen bislang noch nicht einmal ein Prozent der gesamten installierten Windkraftleistung Deutschlands aus.

Offenbar hat der Wind an Land einfach öfter mal Pause gemacht. Und das summiert sich zu erheblichen Beträgen: 3,3 Milliarden Kilowattstunden Windstrom fehlten allein bis Mitte Juli 2013 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Bewertet man diese Menge mit der für Windstrom garantierten Einspeisevergütung - im Schnitt knapp 9 Cent je Kilowattstunde -, dann errechnet sich für die Investoren ein entgangener Ernteertrag von über 250 Mio. Euro.

Für die Politik ist diese kaum bemerkte Windstrompause vielleicht etwas peinlich, aber vor der Bundestagswahl auch ein kleiner Segen: Je weniger die subventionierten Mühlen sich drehen, desto geringer ist der Zuschussbedarf, den die Wähler über einen höheren Strompreis finanzieren müssen. (Per EEG-Umlage zahlen die Verbraucher für die Differenz zwischen garantierter Einspeisevergütung und dem Marktpreis des grünen Stroms.)

Sollte der Wind allerdings irgendwann einmal wieder so richtig aufdrehen, dann wird dieser Entlastungseffekt in sein Gegenteil umschlagen. Die volle Rechnung für den Ausbau der Windkraftkapazität ist bei den Verbrauchern bisher noch gar nicht angekommen.

Zu den letzten Kolumnen von Christian SchütteZwei Farben rotWo das Renten-Wir sich scheidetUngeniert nach Übermorgen

E-Mail: schuette.christian@capital.de

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Foto: © Trevor Good


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